Wie im richtigen Leben

Oldtimer-Rallyes schossen eine Zeit lang aus dem Boden wie Pilze nach einem warmen Regen, viele von ihnen überlebten schon die zweite Auflage nicht. Denn der Aufwand ist enorm.

Von Bernd-Wilfried Kießler

Passende Strecken müssen gefunden, Verhandlungen mit Behörden geführt werden. Schließlich braucht’s ein zuverlässiges Team, um  Wertungsprüfungen zu überwachen und die Zeiten zu nehmen, und natürlich ist da die Kostenfrage.

Die Motorpresse Stuttgart verfügt über eine eingespielte Mannschaft, die derzeit pro Jahr vier klassische Rallyes auf die Räder stellt. Den Anfang macht die Paul-Pietsch-Classic, einst zu Ehren des 100. Geburtstags des Rennfahrers und Verlagsgründers gestartet, nach ihm benannt und durchaus von familiärem Charakter, weil an der Spitze des Feldes seine Kinder und Enkel fahren, die am Ende der zweiten Etappe flugs aus einem historischen Rennwagen ihres Urahns springen, um die ihnen folgenden Gäste mit einem Glas Sekt zu begrüßen – alkoholfrei versteht sich.

Wenn eine Rallye zum 13. Mal veranstaltet wird, ist es nicht einfach, Tradition und Neuigkeitswert zu verbinden. Nach vielen Malen mit Start und Ziel in Offenburg und den naheliegenden Runden durch den Nord- und Südschwarzwald entschied man sich letztes Jahr für den Ausgangspunkt Böblingen vor den Toren Stuttgarts, also in der Nähe des Verlagssitzes. Das verkürzte den Organisatoren nicht nur die Wege, es ermöglichte auch eine völlig neue Streckenführung. Von einer Schwarzwaldrunde mochte man sich nicht trennen, aber die andere Tour führte hinauf auf die Schwäbische Alb und von dort ins Donautal. Das wurde auch im zweiten Jahr hintereinander nicht langweilig, ebenso wenig wie die Mittagspause in Sigmaringen mit wunderbarem Blick auf das dortige Schloss der Hohenzollern.

Die Strecke ist das eine, das Fahrzeug das andere: Die Startnummer 48 trug ein roter Fiat 124 Spider mit 90 Pferdestärken aus zwei Litern Hubraum, gebaut im Jahre 1968. Mit einem anderen Team auf einem 124 Coupé ließen wir die Fiat-Fahnen unter gut 100 Teilnehmern fliegen, von denen 23 Porsche und 15 Mercedes so etwas wie ein Heimspiel hatten. Bemerkenswert, wie die Fiat-Ingenieure schon vor mehr als einem halben Jahrhundert die mitunter in Cabrios spürbare Verwindung der Karosserie voll im Griff hatten: Das Auto lag wie ein Brett auf der Straße, folgte willig den Richtungsangaben des hölzernen Lenkradkranzes, schnurrte die Höhen hinauf, nachdem der Motor in der Morgenkühle mit Hilfe eines Chokes zum Laufen gebracht worden war, und rollte dank vier Scheibenbremsen sicher abwärts. In den 1960er Jahren keineswegs selbstverständlich: Der Fiat 124 Spider verfügte über fünf Gänge, wobei der höchste als eine Art Spargang ausgelegt war.

Wenn’s auch ein Spiel für Erwachsene ist – eine klassische Rallye ist ein bisschen wie das richtige Leben, Erfolg und Scheitern können sehr nahe beieinander liegen. Allerdings wird im Gegensatz zu einer Gleichmäßigkeitsfahrt in alten Autos im Alltag nicht in Hundertstelsekunden gemessen. Etwas Glück gehört in beiden Fällen dazu.


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