Und morgens weckt der Klapperstorch

Wie kann das sein, dass sich in Ostrach, an dem gleichnamigen Zufluss zur Donau gelegen, die Zahl der brütenden Weißstorch-Paare seit ihrer Wiederansiedlung um die Jahrtausendwende von einem auf mittlerweile dreißig gesteigert hat?

Von Bernd-Wilfried Kießler

Es ist keine Seltenheit, dass ein Storch über einem die Straße entlangfliegt, während man in der 3700-Seelengemeinde Ostrach, gut 20 Kilometer südöstlich von Sigmaringen in Oberschwaben gelegen, zu Fuß, per Rad oder Pkw unterwegs ist. Von den Einheimischen wendet niemand den Kopf, wenn über ihm das charakteristische Klappern ertönt, der Gruß bei jedem Anflug zum Nest. Die Vögel gehören hier zum Alltag, brüten derzeit in dreißig Nestern, in denen meist zwei oder drei Junge großgezogen werden. Überschlägig kommt man also auf weit über einhundert Störche am Himmel über Ostrach, wenn der Nachwuchs ausgeflogen ist.

Das war nicht immer so. Laut Ute Reinhardt, Storchenbeauftragte des Regierungspräsidiums Tübingen, wird das erste Storchenpaar in Ostrach 1934 erwähnt – auf der Kirche St. Pankratius, wo heutzutage fünf Nester bebrütet werden. Von 1957 bis 1965 stand ein Nest auf dem nahegelegenen Gasthof Hirsch. Dann gab es eine lange Pause: 1975 gab es nur noch 15 Brutpaare … in ganz Baden-Württemberg, der Weißstorch war vom Aussterben bedroht. Die Bemühungen um Wiederansiedlung waren um die Jahrtausendwende von Erfolg gekrönt: Ein ausgewildertes Paar nahm die Nisthilfe auf dem Dach des Hirschen an, lebt und brütet bis heute zwei Dächer weiter in Ostrach: Die Umsiedlung war aus statischen Gründen notwendig geworden – man hatte Zweifel an der Tragfähigkeit des hölzernen Fachwerkgerippes des historischen Gebäudes. Immerhin, so die Hirsch-Wirtin Cordula Ermler, kann ein älteres Storchennest an die anderthalb Tonnen wiegen.

Es dauerte bis 2017, ehe sich ein zweites Paar ansiedelte. Warum? Hierzu klärt die Storchenbeauftragte auf: „Die Erststörche verteidigten ihr Revier.“ Erst wenn sich ein zweites Paar einen Nistplatz erkämpft hat, ist dies der Beginn einer Kolonie fürs gesellige Zusammenleben, nicht nur auf der Kirche. Auch auf dem alten und dem neuen Rathaus sind mehrere Nester zu erblicken, auf dem heute als Museum genutzten Salemer Amtshaus sind es deren drei. Außer eigens angefertigten Nestunterlagen dienen Schneegitter als Nisthilfe, ebenso Strommasten. Auf einem solchen geriet vor zwei Jahren eine Storchenunterkunft in Brand. Die Feuerwehr rückte aus, um zwei Jungvögel zu retten, die ins Nabu-Vogelschutzzentrum Mössingen gebracht wurden, um in flüggem Zustand wieder in die Freiheit entlassen zu werden.

Binnen neun Jahren von zwei auf dreißig Paare? Wie kann das sein in einer Zeit, da allenthalben vom drastischen Rückgang unserer gefiederten Freunde die Rede ist? Ute Reinhardt benennt mehrere Ursachen: Viele Störche fliegen nicht mehr nach Afrika, bleiben in Spanien und Portugal. Rund ein Drittel überwintert gar hierzulande, etwa das ursprünglich auf dem Dach des Gasthofs Hirsch lebende Paar, das niemals nach Süden aufgebrochen ist und in kalten schneereichen Wintern zugefüttert werden musste. Dieser Wandel vom Zug- zum Standvogel wird durch die Klimaerwärmung begünstigt. Der Vermehrung dient zudem die Wiedervernässung trockengelegter Moore und Torfabbaugebiete in der Nähe von Ostrach. Nahrungsquelle Nummer 1 sind heutzutage allerdings nicht mehr die sprichwörtlichen Frösche, sondern Mäuse. Kluge Landwirte wissen das und freuen sich, wenn eine Nisthilfe angenommen wird. Mit einem Vorurteil soll hier aufgeräumt werden: Die jungen Störche befördern ihre Hinterlassenschaften in weitem Bogen über den Nestrand. Das schadet den Dachziegeln nicht – im Gegenteil: Sie werden dadurch konserviert und halten länger.

Die beste Zeit zur Storchenbeobachtung beginnt im Mai, wenn die Jungen geschlüpft sind und regelmäßiger Flugverkehr zu ihrer Fütterung einsetzt. Mit ersten Flugversuchen des Nachwuchses kann Ende Juni gerechnet werden, ehe Ende August der Aufbruch eines großen Teils der Ostracher Storchenschar nach Süden beginnt und man sich vorzugsweise auf Kirchendach und Kirchturm sammelt, um Reisepläne zu beklappern. Wer seinen Kindern den leibhaftigen Klapperstorch zeigen will oder selbst Freude an Freund Adebar hat, findet in Ostrach gute Unterkunft und Speisekarten mit regionalen Schwerpunkten. Kirchdach und Turm lassen sich aus den Fenstern des Landhotels Hirsch entspannt beobachten, ohne sich den Hals nach oben verrenken zu müssen. Allerdings bieten nur zwei Gästezimmer und eine Ferienwohnung den Blick auf die Kirche. Man sollte sich bei der Buchung also als Storchenfreund zu erkennen geben (www.landhotel-hirsch.de). Man isst gut im Hirsch, ebenso in Schmids Auszeit (https://schmids-auszeit.de/), wo die Chefin kocht. Allerdings gibt’s dort keinen Storchenblick.


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