


Die tausend Meilen sind länger und sehr viel teurer geworden
Haben Sie es auch schon gehört – Oldtimer seien nicht mehr angesagt: Die Preise purzeln, Veranstaltungen werden kleiner oder gleich abgesagt? Davon war auf der bedeutendsten Veranstaltung ihrer Art in diesem Jahr nichts zu spüren – die Mille Miglia lebt, pulsiert und verwandelt ganze Städte und Regionen in eine automobile Partyzone.
Von Harald Koepke
Beim traditionellen Start im norditalienischen Brescia versammeln sich an einem Dienstagmorgen 459 klassische Automobile, um in fünf Tagen rund 2.000 Kilometer zurückzulegen (ja, das sind inzwischen mehr als 1.000 Meilen). Die Route führt in einer großen Schleife bis nach Rom und retour, macht Station in Padua und Rimini, quert die Pässe des Apennin. Verträumte alte Ortschaften werden vom rollenden Automobilmuseum und seinem nicht unerheblichen Begleittross aus ihrer Ruhe geschreckt, und die Piazza del Campo, der historische Platz in Siena, wird zur Bühne eines Schaulaufens von edlen, aber auch von volkstümlichen Klassikern.
Schon in den Stunden vor dem Start um die Mittagszeit in Brescia lassen sich die Oldtimer aus der Nähe bewundern. Viele auf Hochglanz geputzt, manche mit womöglich nicht weniger Aufwand patiniert, aber alle stehen für eine Epoche bemerkenswerter technischer Entwicklungen des Automobilbaus. Zum Start zugelassen werden nur Fahrzeuge, wie sie von 1927 bis 1957 an dem seinerzeitigen Straßenrennen teilnahmen. Das waren neben klassischen Rennsportwagen von Alfa Romeo, Ferrari, Bugatti und Porsche auch einige Alltags-Helden von Fiat, aber auch von Renault bis hin zum VW Käfer. Selbst erfahrene Oldtimer-Experten entdecken in den Gassen exotische Modelle, die sie noch nie in natura, geschweige denn in Fahrt gesehen haben.

Die Aufgabenstellung dieser Oldtimer-Rallye ist, festgelegte Strecken in einer Wertungsprüfung auf die Hundertstelsekunde genau zu durchfahren, und die gibt es täglich dutzendweise. Darum installiert, wer es in der Wertung nach vorne bringen will, gleich mehrere Rallye-Computer, elektronische Zeit- und Wegstreckenmesser im engen Cockpit seines Autos. Chancen auf den stets umkämpften Sieg bei der Mille haben in erster Linie Vorkriegsfahrzeuge und frühe Ferrari, denn sie werden mit einem Koeffizienten bedacht, der als mildernder Faktor in die Vergabe der in den Wertungsprüfungen angesammelten Strafpunkten eingeht. Ungerecht ist das nicht, denn so ein kerniger Bentley aus den dreißiger Jahren fährt sich naturgemäß anstrengender als eine Renault Dauphine von 1956.

Vor dem Start sind auf einem Bummel durch die Gassen Brescias all die Teilnehmer zu entdecken, Stärkungen mit Cappuccino, Panini und Gelato gibt es freilich genug – und so lässt sich eine Entdeckungsreise durch vier Jahrzehnte der Technik- und Kulturgeschichte des Motorsports aufs Angenehmste mit einem Hauch Dolce Vita verbinden. Ein kurzer oder längerer Blick zum Start gehört dazu, hier beeindruckt allein schon die ungeheure Zahl der aufgestellten Polizeimotorräder, die diese Rallye begleiten und im einen oder anderen Fall die Straße frei machen.
Dann gilt es, an der Strecke, die zunächst durch die Stadt führt, die Boliden in voller Fahrt zu bewundern, nachdem man sich in einem Lokal einen Logenplatz mit Blick auf das Geschehen gesucht hat. In dieser Partymeile reicht das Angebot von Champagner und Trüffelnudeln bis zum Pizzastück mit einem Bier. So ist für jeden Geldbeutel und Geschmack genug geboten, um noch einmal die Hälse zu recken und nachzuschauen, ob das jetzt ein Sechs- oder Achtzylinder Alfa Romeo war, der gerade vorbeidonnerte. Ferraris und Flügeltürer von Mercedes-Benz sind so häufig vertreten, dass ein Mercedes-Benz Ponton oder Renault 4 CV mit viel mehr Applaus bedacht wird.

Für eine Teilnahme an der Mille Miglia benötigt man in erster Linie eines der knapp 1.000 zugelassenen Fahrzeugmodelle, dann Fürsprache – die Menge der Anmeldungen übersteigt bei weitem die Zahl der möglichen Startplätze – und nicht zuletzt mindestens 15.000 Euro für die Nenngebühr. Uns tröstet es, dass die wunderbare Oldtimer-Party in Brescia keinen Eintritt kostet und die Restaurants ihre Preise nicht nach oben schrauben: Einen Teller Pasta bekommen wir immer noch für 15 Euro und den Caffè an der Bar für 1,50. Die Mille lebt.


