


Das Original pflücken!
Schauen, riechen und schmecken – während Geheimnisse gelüftet werden: Warum ist eine Zitrone nicht einfach eine Zitrone, wieso gingen deren Preise lange Zeit durch die Decke, und wieso ist heute nichts mehr, wie es einmal war? Wer an einer Limonaia-Führung am Gardasee teilnimmt, wird reich an Wissen belohnt. Hier gibt’s einen Appetit-Happen.
Von Gundel Jacobi
Wie kam die Zitrone nach Norden? Erste Erkenntnis des Tages: Die Sehnsucht nach Zitronen kann nach einem Gang durchs Limonaie-Gelände sprunghaft ansteigen. Nie wieder wird man nämlich eine Zitrone betrachten, ohne an den Franziskanermönch zu denken, der im 13. Jahrhundert aus Sizilien zum vergleichsweise unwirtlichen Lago di Garda kam. Heimweh plagte ihn wohl sein ganzes weiteres Mönchsleben lang, dem er beharrlich pflegend sein aus dem Süden mitgebrachtes Zitronenbäumchen entgegensetzte. „Das ist die romantische Version des historischen Limonaie-Beginns“, erklärt Merlin verschmitzt im Kreuzgang jenes ehemaligen Klosters, das mitten in Gargnano steht und beispielhafte Zeugnisse in Stein und Flora beherbergt.
Merlin gehört zur Cooperativa Terre & Sapori, die dafür sorgt, dass die einst Reichtum bringenden Zitronenhaine nicht in Vergessenheit geraten. Der mühelos zwischen Italienisch, Deutsch (40 Prozent der Gardasee-Besucher kommen aus Deutschland) und Englisch wechselnde Touren-Führer ist selbst zum Fachmann geworden und kann anschaulich unendlich viele Fakten und Geschichten zum Besten geben – dabei kommen manches Augenzwinkern und der Humor nicht zu kurz. Die drei Stunden zwischen Kloster, Limonaia und dem Terre & Sapori-Lädchen einschließlich Verköstigung köstlicher Cooperativa-Produkte vergehen unglaublich schnell.
Zurück zum Reichtum und zur realistischen Entwicklung eines Wirtschaftszweigs, der bis ins 19. Jahrhundert entsprechende Früchte trug. Der Gardasee hatte sich zum nördlichsten Punkt Europas gemausert, an dem überhaupt Zitronen angepflanzt werden konnten. Das war ziemlich listig, denn durch den alternativen langen Weg aus Süditalien addierten sich schwindelerregende Zölle – nicht nur in heutiger Zeit in der globalisierten Welt ein willkürlicher Preistreiber. Das muss man sich mal vorstellen: In Hoch-Zeiten existierten 770 Zitronengärten entlang der westlichen Seeseite, klimatisch bedingt nur gerade mal eine Handvoll auf der anderen Seite. Gargnano galt als das Zentrum der Limonaien. Mini-Sprachkurs: Zitrone heißt auf Italienisch Limone, wovon wir Deutschen die Limonade abgeleitet haben.

Wie oft blühen die Zitronen? Der kurze Aufstieg vom See ist etwas beschwerlich, weshalb auch Merlin seine Schritte bedächtig setzt. Betritt man dann die Limonaia unter freiem Himmel, welche der Veranschaulichung dieses fordernden Handwerks dient, taucht man unwillkürlich ein in die Welt lockender Zitrusfrüchte. Wer erinnert sich nicht an Goethes schreiberische Gefühlsergüsse seines weichzeichnenden Bildes jenes Verlangens nach dem Land, in dem die Zitronen blühen? Hier vor Ort gewinnt die Betrachtung zusätzlich eine weitere Nuance der harten Arbeit, die mit der Frucht-Pflege verbunden war: Die terrassenförmig angelegten Gärten haben seitliche steinerne Mauern als Rückwand, die vor Nordwind schützen und im Sommer ihre Wärme an die Früchte abgeben sollten. Mehrere Meter hohe dünne Steinsäulen dienten einem ebenso raffinierten wie schwierig ab- und anzubauenden System im Winter: Daran wurden Holzverkleidungen und Scheiben angebracht, um jahrein, jahraus mit Muskelkraft die Zitronengärten in Gewächshäuser umzuwandeln – eine ziemlich schweißtreibende und halsbrecherische Tätigkeit am Berghang! Reichhaltige Ernten entschädigten alle Beteiligten – nicht nur die Plantagenbesitzer. Merlin zieht eine kurze Bilanz: „Gegenüber Wein- und Olivenernten, die jeweils einmal pro Jahr stattfinden, gibt es jährlich vier bis zehn Zitrusernten. Viel Arbeit ist’s in jedem Fall, aber in der Regel sind’s auch viele Früchte.“ Noch eine letzte Anmerkung: Tuch drunter legen und Bäumchen schütteln – geht nicht. Da gäbe es der Druckstellen wegen zu viel Ausschuss. Man muss die Zitronen von Hand pflücken.
Eisenbahn und Chemie. Wie dem auch sei: Vermutlich gäbe es auch heute noch wegen des günstigen Mikroklimas florierenden Zitronenhandel vom norditalienischen Vorzeige-See, wenn nicht vor allem zwei bahnbrechende Ereignisse im 19. Jahrhundert dem einträglichen Treiben den Garaus gemacht hätten. Zum einen steckt tatsächlich die Eisenbahn dahinter. Wenn auch nicht in Nullkommanichts, so gelangten dennoch durch sie die rundlichen Gelblinge in sprichwörtlicher Windeseile aus dem Süden in nördlichere Gefilde. Zum anderen machte die Erfindung der synthetischen Zitronensäure es nicht mehr unabdingbar, auf das Original zurückzugreifen. Weitere Gründe, die mit der Gründung der Republik Italien anno 1861, klimatischen Veränderungen und dem Ersten Weltkrieg zu tun hatten, darf man sich von Merlin genauer erzählen lassen. Spätestens am Ende der Verkostung – nicht nur Zitrusmarmelade kitzelt die Gaumen – bleibt keine Frage offen. Fakt ist, dass heutzutage von einst 770 Limonaien nur noch rund 40 übrig geblieben sind – sowohl in privater als auch in kooperativer Hand. Die Wahrscheinlichkeit ist also groß, in der regionalen Gastronomie und auf den Märkten auf heimische Zitronen zu treffen. Die Nachfrage lohnt allemal und führt zu lächelnden Gesichtern der Einheimischen, die sich über das Interesse an ihrer Vorzeigefrucht freuen.
Informationen in deutscher Sprache
Unterkunft und Restaurantempfehlung
www.hoteldulacgardasee.de/gardasee/Restaurant-La-Bissadulac.html


(Foto: gj)
