


Unterwegs mit Freunden
Sicher hat jeder schon einmal sehnsüchtig einer bunt lackierte Meute älterer Autos hinterhergeschaut, die einem im Pulk oder auch einzeln im Minutentakt entgegenkam oder an einem vorbeifuhr. Es könnte sich um eine Oldtimer-Rallye oder schlicht um eine Ausfahrt gehandelt haben. Wie unterscheiden sich die beiden Veranstaltungen, und wie lassen sie sich für den Laien erkennen?
Von Bernd-Wilfried Kießler
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Bei einer klassischen Rallye steht der Wettbewerbsgedanke im Vordergrund: Bei sogenannten Wertungsprüfungen (abgekürzt WP) müssen bestimmte Wegstrecken nach exakter Zeitvorgabe zurückgelegt werden. Das können ein paar Dutzend Meter oder mehrere Kilometer sein. Was die Sache spannend macht: Es wird nach Hundertstelsekunden gewertet. Teamarbeit ist ganz wichtig, weil der Mensch auf dem Beifahrersitz nicht nur das Roadbook vorliest, sondern auch dem Menschen am Steuer die vorgegebene Zeit auf der Stoppuhr sekundengenau vorzählt. Auf ihn muss Verlass sein. Schuldzuweisungen bei vergeigten Prüfungen sind nicht zielführend, weil sie das Bordklima beeinträchtigen und den Spaß verderben – den wesentlichen Grund dafür, dass man gemeinsam an den Start gegangen ist.
Für Menschen, die es gern mit ihrem mehr oder weniger wertvollen Stück rollenden Blechs etwas gemächlicher angehen lassen, wurde die Ausfahrt schon früh in der Geschichte des Automobils erdacht: Freunde verabredeten sich, um ein reizvolles Ziel anzusteuern und unterwegs die vorübergleitende Landschaft zu genießen. Berühmtestes historisches Beispiel ist die Ausfahrt London-Brighton, zu der sich Gentlemen im Jahre 1896 verabredeten, um die Abschaffung der roten Fahne zu feiern, mit der in Großbritannien ein Mensch vor einem Automobil herlaufen musste. Das wird bis heute am ersten November-Wochenende als London to Brighton Veteran Car Run gefeiert.
Es gibt bei einer Ausfahrt zwei wesentliche Vorteile gegenüber der Rallye: Man braucht keine amtliche Genehmigung wie bei jener, die von der Verwaltung aller Orte eingeholt werden muss, durch welche die Strecke führt – eine aufwändige und langwierige Prozedur, die viel zeitlichen Vorlauf und Energie erfordert. Punkt 2: Der personelle Aufwand ist unvergleichlich geringer, denn niemand muss geeignete Abschnitte ausgucken, wo ungestört vom öffentlichen Verkehr Wertungen ablaufen, und an denen an den Veranstaltungstagen Lichtschranken und Messschläuche auf- und abgebaut werden müssen. Die kurzfristige Ermittlung der Ergebnisliste durch Zusammenrechnen der Strafpunkte entfällt bei einer Ausfahrt völlig.
Wenn man an zahlreichen Rallyes teilgenommen und dort alle möglichen Höhen und Tiefen erlebt hat, dann ist eine organisierte Ausfahrt eine ganz neue Erfahrung. Man kann ja der Meinung sein, auch allein mit dem Auto in der Gegend herumzufahren und ein schönes Ziel anzusteuern. Aber dies ist nur die eine Seite der Medaille. Ein guter Vergleich ist das Wandern, das viele Menschen lieber in einer Gruppe betreiben, als allein durch Wald und Wiese zu schreiten. Schon am Vorabend der Veranstaltung war zu erleben, was man im Deutschen „Geselligkeit“ nennt – ein Großteil der Teilnehmer waren Wiederholungstäter, genossen beim Cocktail die Wiedersehensfreude und die Möglichkeit, später am Tisch ausführlich Benzin zu reden. Das Thema setzt sich die Tage über fort angesichts der Autos, in denen man unterwegs ist: keine graue Theorie, sondern lebendige bunte Geschichten.
Die Bareiss Classics, um die es sich im vorliegenden Fall handelte, findet seit 2004 statt. Auslöser war eine Jubiläumsfeier, in deren Mittelpunkt der Flügeltürer von Mercedes stand. Weil das Interesse der Gäste des Hotels groß war, kam man auf die Idee, jedes Jahr eine Ausfahrt mit historischen Fahrzeugen zu organisieren – mehrtägig, damit sich die Anreise lohnt, und mit wechselnden Zielen, um das Interesse wachzuhalten. Diese Aufgabe nimmt Kai Schmalzried auf sich, eine autobegeisterter Mitarbeiter des Hauses. Er verteilt am ersten Abend das Routenbuch, in dem erstmals auch die diesjährigen Ziele verraten werden.
Wie sucht er die aus? „Naturgemäß haben sie oft etwas mit dem Automobil zu tun. Ich versuche Orte zu finden, die unsere Gäste noch nicht kennen, die aus ganz Deutschland und den Nachbarländern kommen. Mitunter gelingt mir mit der Gruppe der Besuch von Räumlichkeiten, die nicht für die Öffentlichkeit zugänglich sind. Musterbeispiel: die sachkundige Führung durch eine Oldtimer-Werkstatt. Aber auch der diesjährige Besuch eines Unternehmens, das auf Lederverarbeitung spezialisiert ist, hat einen Bezug zu klassischen Autos. Ein anderer Faktor ist die Streckenlänge – Teilnehmer, die von Anfang an dabei waren, sind heute zwei Jahrzehnte älter. Ich achte darauf, dass sie sich nachmittags der Entspannung hingeben können. Die Ausfahrt soll ja nicht in Stress ausarten. Punkt 3 schließlich ist der kulinarische Genuss – auch am täglichen Zielort. Er begrenzt allerdings die Teilnehmerzahl auf 36 Personen. Denn mehr Plätze haben wir nicht im Restaurant Bareiss, wo Drei-Sterne Koch Claus-Peter Lumpp zum Abschluss ein Gala-Menü kocht.“ Just dieses Vertrauen, dass sich jemand zuverlässig um die gesamte Organisation kümmert, ist für die Gäste einer Ausfahrt entscheidend und ihnen den Preis wert, den das Erlebnispaket kostet.
Und: Wie erkennt der Laie, welche Veranstaltung da gerade abläuft, wenn ein bunter Haufen historischen Blechs an ihm vorbeiknattert? Ganz einfach: Die Rallye-Teilnehmer haben große Startnummern aufgeklebt, während bei Ausfahrten lediglich zu lesen ist, welcher Club oder sonstiger Organisator die Tour auf die Reise geschickt hat.
Mehr Infos: https://www.bareiss.com/fileadmin/images/DOWNLOADS/Themenflyer/007.0224087_BAS_2025_Themenflyer_Classics_D.pdf




