


Wenn das Schätzchen zur Begutachtung vorfährt
Das Honda Prelude Coupé, Baujahr 1987, mit Klappscheinwerfern und typischer Gummilippe am Heckabschluss hat mehr als 200 000 Kilometer auf dem eckigen Blechbuckel. Seine Eigentümerin fährt zur umfassenden Begutachtung bei der örtlichen Dekra-Prüfstelle vor – dieses Mal geht es nicht um die regelmäßige Hauptuntersuchung. Sie möchte ein Bewertungsgutachten erstellen lassen, um den aktuellen Marktwert ihres Schätzchens einordnen zu können.
Von Gundel Jacobi
Dokumentation. Oldtimer-Sachverständiger Markus Becker scannt anfangs die Unterlagen ein: Restaurierungsnachweise, Angaben zur Historie und entsprechende Kfz-Dokumente. Schließlich beginnt eine erste Sichtprüfung, wobei grundsätzlich verlangt wird, das Fahrzeug nicht nur fahrbereit, sondern auch leer vorzuführen. Mit seinem Fotoapparat hält er jede Störung fest: etwa im Innenraum das nicht mehr schließende Handschuhfach, eine sich lösende Seitenabdeckung oder den Warnblinkschalter, der nicht mehr am Originalplatz sitzt. Zudem weist er auf die Polsterpflege hin, die intensiver hätte betrieben werden können. Später wird er mit seiner Kamera den Zustand es Unterbodens dokumentieren.
Lackschicht. Becker attestiert dem Wagen ein gepflegtes Auftreten. Die Fahrzeugeigentümerin berichtet von einer Lack-Restaurierung im Jahr 2004 – und dem sorgsamen Wetterschutz in einer Tiefgarage. Aber bei der Prüfung der Lackschicht-Dicke runzelt der Dekra-Fachmann die Stirn, da an einigen Stellen messbar gespachtelt wurde. Das gibt Minuspunkte im Bewertungsverfahren, denn ein gespachtelter Lackuntergrund arbeitet, und im Laufe der Zeit sind dickere Farbschichten anfällig für Risse.
Hebebühne. Positive Nachrichten gibt’s auf der Hebebühne: Vorder- und Hinterachse sowie Getriebe sind original, unrestauriert und befinden sich in einem guten bis gebrauchten Zustand. Undichtigkeiten sind nicht zu beanstanden. An anderen Stellen zeigt sich indes schnell der Unterschied zwischen den Bezeichnungen gebraucht und verbraucht, denn den originalen tragenden Bauteilen wird ein verbrauchter Zustand bescheinigt. Hier verlangen Beschädigungen, Durchrostungen und Korrosionsschäden nach baldigen Instandsetzungsarbeiten. Namentlich die Abgasanlage und die Schweller sind davon betroffen. Zwar wird der Oldtimer nach Bekunden der Fahrerin niemals auf versalzten Winterstraßen und nur selten bei Regen bewegt, doch als häufig verwendetes Alltagsfahrzeug nagt an ihm eben der Zahn der Zeit.
Ausfahrt. Als abschließender Programmpunkt in der begutachtenden Dekra-Stunde gibt’s noch eine kurze Ausfahrt. In deren Verlauf ist das Ansprechverhalten und die Leistungsentfaltung des Motors bei unterschiedlichen Geschwindigkeiten nicht zu beanstanden. Das Getriebe lässt sich ohne erhöhten Kraftaufwand und geräuschfrei schalten. An der Lenkung und dem Pedalwerk wird kein überhöhtes Spiel festgestellt. Die Betriebsbremse lässt sich gut dosieren, und die Bremswirkung ist gleichmäßig und tadellos. Es treten keine atypischen Geräusche auf. Dies alles erfährt die Auftraggeberin wörtlich rund zwei Wochen später nach der Erstellung des 32-seitigen Gutachtens. Dafür wird bei der Dekra eine Summe von 400 Euro fällig, sofern der Wert des Fahrzeugs unter 25.000 Euro liegt.
Ergebnis. Insgesamt stehen 26 Bauteilgruppen auf der Prüfliste, die mit einzelnen Zustandsbeschreibungen und Noten bedacht werden. Am Ende entsteht eine Gesamtnote – angelehnt an die klassischen Schulnoten-Beurteilungen: Note 1 makelloser Zustand, sehr selten; Note 2 guter Zustand, mängelfrei mit leichten Gebrauchsspuren; Note 3 gebrauchter Zustand, altersentsprechend, keine sofortigen Arbeiten nötig; Note 4 verbrauchter Zustand, nur bedingt fahrbereit; Note 5 restaurierungsbedürftiger Zustand, nicht fahrbereit. Mit der Gesamtnote 3 ist die Eigentümerin zufrieden. Anhand von Beckers Recherchen privater sowie im Handel angebotener vergleichbarer Honda Prelude-Modelle und der im Gutachten erfassten Feststellungen ermittelt er einen aktuellen Marktwert. Schon während der Untersuchung vor Ort hat der Profi darauf hingewiesen, dass trotz standardisierter Bewertungsmerkmale ein solches Gutachten als Momentaufnahme stets eine Art Unikat darstellt – entsprechend des individuellen Fahrzeugs. Abgesehen davon ist der Eigentümerin auch klar: Sollte sie das Coupé verkaufen wollen, kann sie keineswegs auf dem ermittelten Wert bestehen. Die Schwierigkeit in jenen Fällen ist es, jemanden zu finden, der genau dieses Modell – am besten unbedingt – haben möchte.


(Foto: bwk)
