Dornröschenschlaf: Wie Ferdinand Piëch ein Feuerwehrauto aus Zwickau erweckte

Diese Geschichte beinhaltet alles, was ein Drama ausmacht: namhafte Mitwirkende, eine Krise im Handlungsablauf und ein glückliches Ende.

Von Bernd-Wilfried Kießler

An diesen Tag erinnert sich Pat Garnier genau: Die Chefs der europäischen Automobilhersteller waren am 5. Juni 1984 zu ihrem alljährlichen Treffen zusammengekommen – diesmal in elsässischen Mülhausen: große Namen wie Eberhard von Kuenheim von BMW, Roland Peugeot von PSA, Werner Breitschwerdt von Daimler-Benz, Bernard Hanon von Renault, Carl Hahn von Volkswagen, Ferdinand Piëch, damals noch stellvertretender Vorstandsvorsitzender bei Audi, zuständig für Forschung und Entwickluung.

Nach ihren Besprechungen tagsüber stand außer einem Abendessen auch eine Besichtigung der automobilen Schätze des Museums auf dem Programm – an der Spitze die einmalige Sammlung von 87 Bugatti. Pat Garnier, als Elsässer auch der deutschen Sprache mächtig, übernahm die Führung durch die Hallen, die offiziell „Musée Nationale de l’Automobile – Collection Schlumpf“ heißen. Da trat Ferdinand Piëch an ihn heran und fragte: „Haben Sie auch einen Audi in Ihrer Sammlung?“ Garnier bejahte und führte ihn zu einer Gruppe deutscher Fahrzeuge aus der Zwischenkriegszeit, unter denen zwischen einem Horch und einem Maybach auch ein Audi stand, und zwar vom Typ E22/55 Torpedo, Baujahr 1924.

Garnier, der die Geschichte aller Ausstellungsstücke kennt, wusste, dass dieses Auto lange Zeit als Feuerwehrfahrzeug im Audi-Werk Zwickau gedient hatte. Er wusste auch, dass es durch Vermittlung des ehemaligen Rennfahrers und späteren Schrotthändlers Helmut Niedermeier in die Sammlung der Gebrüder Schlumpf geraten war. Trotz seiner Verwendung in der Werksfeuerwehr war der Audi dunkelgrün lackiert und befand sich nicht in sonderlich gutem Zustand.

Einige Zeit später erhielt Pat Garnier einen Anruf aus Neckarsulm von Richard von Basshuysen, damals in leitender Position in der Abteilung Technische Entwicklung bei Audi, der anbot, das Auto kostenlos zu restaurieren. Dieses Angebot untermauerte er wenige Tage später mit einem Brief, in dem er schrieb: „Da die Restauration in Deutschland erfolgen soll, bitten wir um Erlaubnis, dieses Fahrzeug für zirka sechs Monate in unser Werk Neckarsulm holen zu lassen. Da es zu den kulturellen und technischen Denkmälern zählt, würden wir es begrüßen, wenn auch hier eine Zusammenarbeit zwischen Frankreich und Deutschland zum Nutzen beider Völker zustande käme.“

Leider widersprach genau dieser Hinweis auf den Denkmalswert den französischen Gesetzen, nach denen Kulturgut in Staatsbesitz nicht außer Landes gebracht werden darf – auch nicht vorübergehend. Nachdem man dies Richard von Basshuysen mitgeteilt hatte, legte der nach und bot an, die Kosten für eine Restaurierung in der Museumswerkstatt in Mülhausen zu übernehmen. Von da an ging alles unbürokratisch und zügig weiter – ohne Kostenvoranschlag machten sich die erfahrenen Restaurateure ans Werk. In zweijähriger Arbeit wurde der Wagen zu einem Schmuckstück und wieder fahrbereit, ist seitdem an seinem angestammten Platz zu beeichtigen. Die Rechnungen im Gesamtwert von umgerechnet 35 000 Euro überwies Audi kommentarlos.    

Das Automobilmuseum in Mülhausen ist ganzjährig an allen Tagen außer dem 25. Dezember geöffnet. Mehr Informationen in deutscher Sprache: www.musee-automobile.fr/de. Als Unterkunft empfiehlt sich das angenehme Hotel Bristol zu angemessenen Preisen mit guter Küche und freundlichen Gastgeberinnen: www.hotelbristol.com/de/


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