Kein Bus mehr?

Der VLE darf als erstes Modell auf der neuen Van-Plattform auf die Straße – und will dabei alles andere sein als ein Van. Mercedes-Benz sagt, alles dafür getan zu  haben, eine Grand Limousine für betuchte Menschen mit Platzbedarf zu verwirklichen.

Von Paul-Janosch Ersing

Nicht weniger als alle Hebel hatten die Marketing-Experten von Mercedes-Benz in Bewegung gesetzt, um den bis dato produzierten Kleinbus namens Viano zum Modellwechsel zu einer Großraumlimousine zu befördern. Der ursprüngliche Name V-Klasse wurde aus der Schreibtischschublade geholt und Begrifflichkeiten wie Kleinbus oder Minivan aus nahezu allen offiziellen Dokumenten radiert. Das war im Jahr 2014.

Zweifellos bot die V-Klasse dank eines von der Pkw-Welt inspirierten Cockpits und entsprechender Materialien bereits damals eine etwas gehobener Atmosphäre als der Hauptkonkurrent: der Multivan von Volkswagen. Wo beim VW-Bus robuste und weitestgehend dunkle Kunststoffe waren, sorgten im Mercedes Dekorleisten aus genarbtem Holzimitat für gediegene Behaglichkeit. Zwölf Jahre später wiederholt sich die Geschichte – zumindest ein bisschen.

Rollendes Raumwunder. Laut den Worten von Mercedes-Boss Ola Källenius definiert der VLE „Raum sowie Komfort völlig neu“. Das klingt fast ein bisschen wie Zauberei, hat aber einen wahren Kern. Denn auf der Elektro-Plattform VAN.EA boten sich für die Ingenieure nie dagewesene Freiheiten, um sich in Sachen bestmöglicher Raumausnutzung bei höchsten Komfortansprüchen so richtig ins Zeug zu legen.

Bei einer erste Sitzprobe wird schnell klar: Mit dem neuen VLE fasst Mercedes vor allem eine Zielgruppe ins Auge, die sich bisher ihre V-Klasse nachträglich von Betrieben komplett neu einrichten ließ, die auf luxuriöse Raumausstattung spezialisiert sind – frei nach dem Motto: Serien-Sitze und -Verkleidungen raus, dicke Teppiche und feines Ledergestühl rein. Dieses im Mittleren und Fernen Osten häufig zu beobachtenden Schauspiel soll nun enden; ab sofort möchte der Hersteller selbst jedweden Business- (oder gar First-)Class-Ansprüchen genügen und an der Luxus- Inneneinrichtung mitverdienen – Wertschöpfung im eigenen Werk sozusagen.

Sitzen nach Wunsch. Der anspruchsvollen VLE-Kundschaft werden drei neu entwickelten Typen von Einzelsitzen angeboten: der manuelle Komfortsitz, der elektrisch verstellbare Premium-Komfortsitz und der so genannte Grand-Komfortsitz. Hier gehören ein Extra-Kissen, eine Ladeschale fürs Smartphone, eine Lordosenstütze mit Massagefunktion und eine Wadenauflage zur Ausstattung. Wer’s lieber etwas bodenständiger mag, kann zwischen einer von Hand verstellbaren oder einer elektrisch betriebenen Dreierbank wählen. Eine besondere Erwähnung verdienen die neuen Sitzschienen im komplett ebenen Fußboden: Endlich können die Sitze und Bänke nach Belieben hin und her geschoben werden – und beim Ein- und Ausbau wird keine Gummilippe mehr in Mitleidenschaft gezogen. Mindestens ebenso praktisch: Die separat zu öffnende Heckscheibe zum Ein- und Ausladen kleineren Gegenstände in engen Parklücken hat es von der V-Klasse in den VLE geschafft.

Für Kino-Abende. Wer in einem entsprechend ausgestatteten VLE den Zauberspruch „Hey Mercedes, starte das Kinoerlebnis“ murmelt, sollte nicht allzu schreckhaft sein. Denn dann faltet sich über die gesamte Fahrzeugbreite ein 31,3-Zoll-Bildschirm aus dem Dachhimmel oberhalb von Fahrer und Beifahrer – begleitet von bombastischen Klängen aus dem Soundsystem. Währenddessen schließen sich die Fensterrollos und die Einzelsitze fahren in eine leicht nach hinten geneigte Position. Ja, man kennt ein vergleichbares Szenario aus der BMW-7er-Reihe, aber im VLE ist der rollende Kinosaal einfach noch ein bisschen größer.

Fenster auf! Nicht nur an Sitzkomfort und Unterhaltungsangeboten in den hinteren Reihen wurde eifrig gefeilt. Der VLE bietet in seinen beiden Schiebetüren erstmals nahezu voll versenkbare Seitenscheiben. Durch die neue Möglichkeit, hinten Frischluft in den Innenraum zu bekommen, verflüchtigt sich das bislang im Fond mitunter aufkommende Beklemmungsgefühl auf Knopfdruck. Hinzu kommt, dass man beim Antritt einer längeren Reise den Zurückgelassenen endlich auch aus dem Heckabteil heraus zum Abschied winken kann.

Apropos längere Reise: Bevor der VLE mit einem Gleichteil-Anteil von rund 70 Prozent auch mit Verbrennungsmotoren auf den Markt kommt (hier heißt die Plattform dann VAN.CA), ist er ausschließlich elektrisch unterwegs. Die 800-Volt-Spannung und der zur Markteinführung erhältliche 110-kWh-Akku (Nickel-Mangan-Kobalt) sollen auch Fernfahrten ohne Kompromisse bei der Reichweite ermöglichen. WLTP-Wert für den frontgetriebene VLE 300 mit 272 PS/200 kW Leistung: mehr als 700 Kilometer. Beim stärkeren und allradgetriebenen VLE 400 4-Matic sind es aufgrund des etwas höheren Strombedarfs ein paar Kilometer weniger. So oder so: In einer Viertelstunde können unter günstigsten Bedingungen bis zu 355 Kilometer Reichweite nachgeladen werden. Die maximale DC-Ladeleistung liegt bei 315 kW, am AC-Stecker sind es serienmäßig bis zu 22 kW.

Bitte wenden! Allumfängliche Fahreindrücke konnten wir bis zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sammeln. Aber in einer vor allem im Stadtverkehr wichtigen Einzeldisziplin war der mindestens 5,31 Meter lange VLE bereits vor der Weltpremiere erlebbar: Beim halbautomatischen Manövrieren mit Park-Assistent und der um sieben Grad mitlenkenden Hinterachse. Der Wendekreis von Bordstein zu Bordstein von 10,90 Metern entspricht dem eines kompakten Pkw.

Die bis zu 22 Zoll großen Leichtmetallräder, der prägnante Grill – auf Wunsch mit auf der Haube stehendem Stern – und die sanft nach hinten abfallende Dachlinie rücken das rollende Raumwunder schon auf den ersten Blick näher an die Pkw-Modelle von Mercedes-Benz. Dass der rote LED-Lichtbogen am Heck hierzulande nicht durchgängig leuchtet, ist ein bisschen schade, hat aber gesetzliche Gründe. In anderen Ländern ist das erlaubt.

Das E in VLE steht nicht für elektrisch, sondern für die Familienzugehörigkeit der E-Klasse. Wer noch mehr Luxus wünscht, hat künftig eine weitere Möglichkeit: Auf Basis des VLE mit langem Radstand (Fahrzeuglänge: 5,49 m) bieten die Stuttgarter von nun an den VLS an – quasi als S-Klasse unter den Großraumlimousinen.

Die Quittung. Die Preise für den elektrischen VLE 300 beginnen bei rund 90.000 Euro, eine günstigere Version mit kleinerem LFP-Akku (80 kWh) ist für 2027 als VLE 250 ab zirka 68.000 Euro angekündigt. Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei allen Elektro-Varianten bei 180 km/h, die Anhängelast reicht bis maximal 2,5 Tonnen.


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