Hier beginnt und endet eine Ära

Außer einer DIN-A4-Heftmappe, die einen mit den wichtigsten Funktionen des Autos vertraut machen sollte, hielt der Mazda 6e im Test keine großen Überraschungen bereit. Uns überzeugte seine Zurückhaltung.

Von Paul-Janosch Ersing

Was ist das für ein Auto? Großvolumige Diesel ohne Turbo, aber mit einem vergleichsweise niedrigen Verdichtungsverhältnis, hoch verdichtete Otto-Saugmotoren und ein Elektroauto mit einem im Vergleich zum Wettbewerb eher kleinen Akku oder aber mit einem Drehkolben-Motor als Range Extender (MX-30 REV) – bei kaum einem anderen Automobilhersteller fanden sich in den vergangenen Jahren so viele exotische Lösungen wie bei Mazda. Mit dem Mazda 6e endet diese Ära – zumindest ein bisschen. Denn antriebsseitig gesehen ist der 4,92 Meter lange Wagen ein chinesisches Elektroauto. Die Technik stammt vom Joint-Venture-Partner Changan, Produktionsort ist Nanjing.

Was bietet einem dieses Auto? Trotz seiner chinesischen Herkunft hält der neue 6e eine ordentliche Portion Mazda-Feeling bereit. Das liegt zuvörderst an der Arbeit des japanischen Designteams: Sowohl außen als auch innen wurden die Pinselstriche so gesetzt, wie man sie seit Jahren von Mazda kennt. Das gesamte Blechkleid wurde als Balance-Akt zwischen zackigen Linien und ruhigen Flächen gezeichnet. Vorne am Bug unterstützen – zur Begrüßung und beim Ladevorgang dynamisch aufleuchtende – LED-Elemente die Wirkung des Chrom-Flügels unterhalb des Markenemblems. Hinten fällt die Dachlinie sanft ab und mündet in einen automatisch bei Tempo 90 ausfahrenden Spoiler. Generell gilt: Die Farbe spielt die Musik. Ohne die rote Metallic-Lackierung (Soul Red Crystal, Aufpreis 1200 Euro) wäre die fünftürige Fließhecklimousine kein Verkehrsteilnehmer, der die Blicke auf sich zieht.

Was für einen Antrieb hat das Auto? Zwei unterschiedliche Batteriegrößen hält Mazda bereit, wobei sich die Variante mit größerem Akku (80 kWh) zwar einer größeren Reichweite (552 Kilometer) rühmt, gleichzeitig aber durch weniger Motorleistung (245 PS/180 kW) und eine geringere DC-Ladeleistung (90 kW) charakterisiert. Kühle Rechner dürften zu der von uns gefahrenen 1600 Euro günstigeren Version mit 258 PS/190 kW greifen: Der kleinere 68,8-kWh-LFP-Akku reicht für einen Aktionsradius von 479 Kilometern und lädt am Schnelllader theoretisch mit bis zu 165 kW.

In unserem Test sah ein Ladestopp bei 20 Grad Außentemperatur so aus: In 30 Minuten füllte sich der nicht vorkonditionierte Akku mit einer durchschnittlichen – und recht stabilen – Ladeleistung von 88 kW von 19 auf 80 Prozent. In Reichweite und Stromkosten ausgedrückt: Für 24,20 Euro wurden 226 Kilometer Reichweite nachgeladen. Bei einem weiteren Ladevorgang auf der Autobahn – dieses Mal vorher per Navi angekündigt – waren kurzzeitig bis zu 123 kW Ladeleistung drin.

Ihre zurückhaltende Art beim Thema Fahrverhalten zählt zu den größten Stärken der Elektro-Limousine. Wer Ladepausen sinnvoll in seinen Tagesablauf einbauen kann, hat mit dem komfortablen Mazda 6e auch auf längeren Strecken seine Freude.

Wie fühlt man sich in diesem Auto? Durch den Kontrast, den die hellen mit den dunklen Flächen bilden, herrscht im Inneren des Mazda 6e eine besonders wohnliche Atmosphäre. Es ist erstaunlich, welch starke Wirkung so vermeintliche Nebensächlichkeiten wie Sitzbezüge aus Teil-Nappaleder und Veloursledernachbildung in Hellbraun aufs Gemüt haben.

Beinahe verzeiht man den Mazda-Entscheidungsträgern, dass sie bei der Bedienphilosophie von echten Schaltknöpfen und einem zentralen Dreh-/Drücksteller auf einen 08/15-Touch-Bildschirm umgeschwenkt sind. Aber eben nur beinahe, denn gerade während der Fahrt gelingt die Eingabe von Bedienbefehlen selten auf Anhieb – und die bordeigene Fahrer-Aufmerksamkeitsüberwachung schlägt vor dem erfolgreichen Abschluss eines zweiten Versuchs piepsend zu. Um nicht ständig in die Untiefen des Menüs abtauchen zu müssen, können zwei Lenkrad-Favoriten-Tasten individuell belegt werden. Auf unseren Testfahrten – bei teilweise noch kühlen Temperaturen – waren hier Lenkradheizung und Scheibenwischer abgespeichert.

Was werden wir nie vergessen? Der Verzicht auf einen gewöhnlichen Scheibenwischer-Hebel nervte mitunter etwas: Denn die Regensensor-Automatik arbeitete nicht immer so verlässlich, wie sie sollte. Leider war die Sprachbedienung noch nicht auf dem Niveau, wie wir es uns von Mazda gewünscht hätten. Man kann nur hoffen, dass die angekündigten Over-the-Air-Updates bald eintrudeln und das dadurch erreichte Sprachverständnis dann in Ordnung geht.

Autogramm

Mazda 6e Takumi Plus

Typ: Fließhecklimousine; Preis: 46.900 Euro; Länge: 4,92 Meter; Breite: 1,89 Meter; Höhe: 1,49 Meter; Radstand: 2,90 Meter; Leergewicht: 2037 Kilogramm; Zuladung: 425 Kilogramm; Kofferraum: 336 Liter + 72 vorn; Sitze: fünf; Motor: Elektromotor, Permanentmagneterregte Synchronmaschine; Leistung: 258PS/190 kW; Drehmoment: 320 Newtonmeter; Spitze: 175 km/h; 0 auf 100 km/h: 7,6 Sekunden; Batterietyp: Lithium-Ionen-Akku; Batteriekapazität, brutto: 68,8 Kilowattstunden (kWh); Reichweite (WLTP): 479 Kilometer; Wallbox Wechselstrom 11 kW (0-100 Prozent): 7 Stunden 18 Minuten, Ladestation Gleichstrom 165 kW (10-80 Prozent): 24 Minuten, Stromverbrauch: 16,6 kWh/100 Kilometer; CO2-Ausstoß: 49 Gramm/Kilometer (Strommix Deutschland); Testverbrauch: 18,7 kWh/100 Kilometer.

Bis hierher gelesen? – Dann empfehlen wir noch die thematisch passende Podcastfolge Nr. 357:


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