Zu siebt elektrisch unterwegs

Der EX90 bildet seit drei Jahren Volvos vollelektrisches Gegenstück zum XC90, der in seiner jetzigen Form seit elf Jahren auf dem Markt ist. Wir prüften außer dem Innenraum unter anderem die Zugänglichkeit, die Reichweite und verschiedene Eigenheiten, die seine schwedisch-chinesische Herkunft mit sich bringt.

Von Bernd-Wilfried Kießler

Porträt von Bernd-Wilfried Kießler

Was ist das für ein Auto? Auf fast fünf Metern Außenlänge ist es kein Hexenwerk, drei Sitzreihen und sieben Plätze einzubauen. Um heutzutage leer über zweieinhalb Tonnen auf die Waage zu bringen, braucht es keinen schweren Dieselmotor und auch nicht das Zusatzgewicht von Allradantrieb – unser Testwagen wurde über die Hinterräder in Bewegung gesetzt –, es reicht eine schwere Batterie im Unterboden. Deren Gewicht nennt Volvo nicht, Schätzungen liegen zwischen 500 und 600 Kilogramm. Obwohl es kein ausgeprägtes Kühlergesicht gibt, ist mit der aufsteigenden Strebe am Markenzeichen und dem Tagfahrlicht in Form des legendären Thors Hammer ein beträchtlicher Wiedererkennungswert gelungen.

Wie fühlt man sich in diesem Auto? Bevor wir in den EX90 einsteigen, werfen wir einen Blick zurück: Noch ehe Volvo 2002 mit dem ersten XC90 ein siebensitziges SUV auf den Markt brachte, baute man seit 1957 Kombis mit einer dritten Sitzreihe. Aufsehen erregte Volvo mit dem 245 seit 1974, als man gegen die Fahrtrichtung eine Bank in den Kofferraum einbaute, dessen Zugang durch die Heckklappe vorwiegend von Kindern genutzt wurde. Zuvor hatte das schon Mercedes ein Jahr früher in seinem T-Modell der E-Klasse angeboten, in den 1980-er Jahren zog der Austin Montego mit dieser Anordnung nach.

Beim Einstieg in den EX90 fallen einem zwei Dinge ins Auge: der große hochkant stehende Bildschirm in der Mitte der Armaturentafel und die großzügige Beinfreiheit in der zweiten Sitzreihe. Letztere ist sogar längs verschiebbar, was sie auch sein muss, alldieweil man anders nicht auf die Plätze in Reihe 3 gelangte. Das ist auch dann nicht leicht, weil es nirgendwo einen hilfreichen Griff gibt. Auch die Griffe am Dachhimmel oberhalb der Sitze hat man unverständlicherweise eingespart. So eng kalkuliert muss es ja wohl bei einem Auto mit einem Listenpreis von 88.990 Euro nicht zugehen, das sich mit einigen Extras in unserem Testwagen sogar über die 100.000-er Hürde schwingt.

So schwierig die Reihe 3 zu erreichen ist, in der auch Erwachsene bis etwa 1,70 Meter Körpergröße gut untergebracht sind, so leicht sind die dortigen Sitze per Knopfdruck im Heckbereich aufzustellen und wieder zu versenken. Dabei entsteht eine topfebene Ladefläche, deren Höhe wir in 78 Zentimetern über der Straße maßen. Darunter erstreckt sich ein gar nicht so kleines Staufach, in dem bei Bedarf mehr Akku oder ein zweiter E-Motor Platz finden.

Was für einen Antrieb hat das Auto? Unser Testwagen fuhr mit Heckantrieb. Die Kräfte dazu werden – in der Typbezeichnung erkennbar – von nur einem Elektromotor erzeugt. Seine 333 PS würden wohl für mehr als 180 km/h Höchstgeschwindigkeit reichen, wenn sie Volvo nicht seit dem Jahre 2020 elektronisch abgeregelt hätte. Immerhin können fast 2,6 Tonnen Leergewicht plus etwas Zuladung binnen 6,8 Sekunden auf dem Stand auf Tempo 100 beschleunigt werden. Mit einem solchen Wert konnte man einst vielen mittelprächtig motorisierten Autos den Auspuff zeigen, den der EX90 freilich nicht hat.

Warum das Fahrer von E-Autos trotzdem nur selten tun, ist inzwischen hinlänglich bekannt. Zwar baut Volvo hier 800 Volt Spannung ein, was eine Ladeleistung bis zu 350 kW ermöglicht, vorausgesetzt, man dockt einer passenden Säule an. Dann soll es von 10 bis 80 Prozent nur 22 Minuten dauern. Im Allgemeinen wird man mit einer halben Stunde rechnen müssen, bis der 92-kWh-Akku wieder entsprechend Strom gebunkert hat. Will sagen: Was man durch schnelles Fahren zeitlich einzusparen versucht hat, läuft an der Uhr beim Halt an der Ladesäule wieder ab, von der Leerung des Geldbeutels ganz zu schweigen. Wer eine volle Ladung vornimmt, um eine möglichst große Reichweite am Stück anzupeilen, muss sich Zeit nehmen: Auch vorprogrammiert dauerte es von 45 bis 100 Prozent allemal eine Dreiviertelstunde. Dann wurden uns 470 Kilometer vorhergesagt. Wir hatten nicht die Nerven, einen Schnelllader erst mit 10 Prozent anzulaufen; um den Akku von 30 auf 80 Prozent zu bringen, dauerte es 20 Minuten. Mit dieser Ladung sollte es für 350 Kilometer reichen.

Was bietet dieses Auto? Wir nennen hier die beeindruckende Menge an Einrichtungen, die zum Betrieb der Fahr- und Sicherheitshilfen im EX90 eingebaut sind: fünf Radare, 12 Ultraschallsensoren und acht Kameras. Klar, dass damit alle erdenklichen Systeme betrieben werden. Volvo hatte bekanntlich das im Jahre 2008 ausgegebene Ziel, dass bis 2020 niemand mehr in einem Fahrzeug neueren Datums sterben oder schwer verletzt werden sollte, nicht erreicht. Die neue Parole heißt „Keine Kollisionen“, aber man hütet sich, ein neues Datum zu nennen.

Neben solch hehren wichtigen Zielen wollen wir auch einen Blick auf Gegenwärtiges werfen, etwa das Fahrwerk: Auf glatten Fahrbahnen gleitet der Wagen höchst komfortabel dahin, was ihn ideal für die große Reise macht. Weniger ebener Untergrund, etwa geflickter Fahrbahnbelag, Querrinnen oder Kanaldeckel werden den Insassen umgehend mitgeteilt. Ein anderes ist die Bedienung: Alles muss vor der Abfahrt genau am Bildschirm eingerichtet werden, teilweise in einem zweiten Arbeitsgang am Lenkrad. Das trifft etwa für so alltägliche Dinge wie Außenspiegel- und Lenksäulenverstellung zu. Will man unterwegs noch etwas korrigieren, fährt man sicherheitshalber vorher kurz rechts ran. Schon im Dekra-Sicherheitsreport von 2023 wurde ermittelt, das Tippen und Wischen auf Bildschirmen während der Fahrt einen hohen Ablenkungsfaktor darstellt. Nicht ohne Grund ist das Hantieren mit Knöpfen, Schaltern und Rändelrädern sicherer – eine Aufgabe für die nächste EX90-Modellpflege.

Was werden wir diesem Auto nicht vergessen? Das Auto stand bei Dunkelheit in der Stadt etwa zehn Minuten auf einem Parkstreifen, vor und hinter ihm parkten andere Fahrzeuge, als Fahrer und Beifahrer plötzlich ein gehöriger Schreck in die Glieder fuhr: Die Sicherheitsgurte wurden ohne Vorwarnung plötzlich straffgezogen. So etwas passiert normalerweise, wenn die Elektronik die Personen auf ihrem Sitz fixiert, weil sie einen Unfall vorhersieht. Der aber war in der geschilderten Situation nicht zu erwarten. Offenbar ist irren nicht nur menschlich, sondern auch elektronisch.

Autogramm

Volvo EX90 Single Motor Plus

Typ: SUV; Preis: 88.990  Euro; Länge: 4,95 Meter; Breite: 1,92 Meter; Höhe: 1,77 Meter; Radstand: 2,98 Meter; Leergewicht: 2.585 Kilogramm; Zuladung: 605 Kilogramm; Kofferraum: 324/697/2082 Liter; Sitze: sieben; Motor: Elektromotor, Permanentmagneterregte Synchronmaschine; Leistung: 333 PS/245 kW; Drehmoment: 480 Newtonmeter; Spitze: 180 km/h; 0 auf 100 km/h: 6,8 Sekunden; Batterietyp: Lithium-Ionen-Akku; Batteriekapazität: 92 Kilowattstunden (kWh); Reichweite (WLTP): 559 Kilometer; Reichweite im Test bei 20 Grad Celsius Außentemperatur: 470 Kilometer; Ladeleistung Gleichstrom: 350 kW; Wechselstrom 11 kW, Stromverbrauch (WLTP): 18,2 kWh/100 Kilometer; CO2-Ausstoß: 62,6 Gramm/Kilometer (Strommix Deutschland); Testverbrauch: 21,0 kWh.


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