


An Rinderherden vorbei zum Eselhof gerollt
Mit dem Volvo V60 sind wir auf einer kleinen Tour de France durch die Franche-Comté und Burgund bis ins Limousin gefahren.
Von Bernd-Wilfried Kießler
Wohin sind wir mit diesem Auto gefahren? Wir haben drei französische Provinzen durchquert, die nicht nach historischen Besitztümern oder aktuellen politischen Verwaltungsgrenzen eingeteilt sind, sondern nach Rinderrassen. In der ersten bevölkern braun-weiß gefleckte Herden die Weiden. Das sind die Montbéliard-Rinder, die ihren Namen einer Stadt verdanken, die jahrhundertelang unter dem Namen Mömpelgard zu Württemberg gehörte. Wir befinden uns in der Region Franche-Comté, wo aus der Milch eben jener Kühe der schmackhafte Comté-Käse hergestellt wird.

Unterkunft fanden wir in einer alten Mühle im Tal der Cuse, einem Nebenfluss des Doubs. In diese Gegend mit dramatischen Felsen und kurvenreichen Straßen, als seien sie eigens für Motorradreisende erfunden, hätten wir ohne wegweisendes Internet niemals gefunden. Weiter nach Westen in Burgund werden die Kühe plötzlich weiß: Die Charolais-Rinder setzen schneller als andere Rassen Fleisch an. Benannt sind sie nach der Stadt Charolle, deren hügelige Gegend mit ihren Hecken nicht weniger malerisch ist als die Heimat der Montbéliard-Verwandschaft.
Der Hauptfluss in Burgund ist die Saône, und wir haben länger nach einem Restaurant mit Blick auf das Wasser gesucht, es schließlich in Allery im „Beau Rivage“ gefunden. Dort wird zu vernünftigen Preisen jene legendäre französische Küche gepflegt, die dem Land zu Weltruhm verholfen hat.

Zeitweise am Rand des Loire-Tals hat uns unsere Volvo-Testfahrt schließlich ins Land der rehbraunen Rinder geführt: Im dünn besiedelten Limousin mit seiner grünen Mittelgebirgslandschaft hält man sie ebenfalls vorwiegend wegen ihres guten Fleisches. Übrigens: Der Autotyp der Limousine mit festem Dach heißt so nach einem wetterfesten Mantel aus dieser Gegend.

Am Ziel, einem Bauernhof am Ufer eines kleinen Flusses gelegen, werden schon lange keine Rinder mehr gehalten. Hier haben zwei Freunde aus Paris um die Jahrtausendwende einen Eselhof aufgebaut. Man kann mit den klugen Grautieren stundenweise spazierengehen, ein- oder mehrtägige Wanderungen unternehmen. Als Unterkünfte stehen mongolische Jurten, eine Ferienwohnung oder ein bunt bemalter Zirkuswagen zur Wahl: eine Urlaubsform, wie man sie nicht alle Tage erlebt.

(Foto: Gundel Jacobi)
In welchem Auto sind wir gefahren? Es gibt kein besseres Auto für eine lange Reise wie diese als einen Kombi. Schöne Kombis heißen angeblich Avant und kommen von Audi, aber unbestritten hat Volvo diese Karosserieform erfunden und deshalb die meiste Erfahrung damit. Das äußert sich wie immer in Kleinigkeiten wie etwa der elektrisch bewegten Heckklappe mit nach oben schwenkender Gepäckraum-Abdeckung – sehr ladefreundlich. Auch die Sicht nach hinten fällt im Volvo V60 deutlich besser aus als in den meisten der aktuellen Autos aller Art, sofern man ihn nicht dachhoch belädt. Das aber ist angesichts einer Größe des Stauraums von mehr als einem halben Kubikmeter unter der Abdeckung nur in Sonderfällen vonnöten.
Was für einen Antrieb hat dieses Auto? Bekanntlich hat Volvo vor Kurzem die Produktion seiner wirtschaftlichen und kultivierten Dieselmotoren eingestellt und sucht sein Heil in der Elektrifizierung – in unserem Falle mit einem Hybridantrieb, bei dem 253 Benzin-Pferdestärken mit 145 PS aus dem Elektrostall zusammenarbeiten. Während der Ottomotor die Vorderräder antreibt, macht der E-Motor durch seinen Antrieb auf die Hinterräder diesen V60 zum Allradler. Besonders spürbar sind die gemeinsamen Bemühungen der beiden durch das Systemdrehmoment von über 600 Newtonmeter: Da muss beim Einfädeln auf der Autobahn nicht lange gefackelt werden. Dass unserem Testwagen zwei Ladekabel beilagen, weil es sich um einen Plug-in-Hybrid handelte, spielte auf dieser Reise keine Rolle. Denn bei Übernachtungen in ländlichen Gegenden sind Lademöglichkeiten schwer zu finden. So musste die Pufferbatterie an Bord mit 18,8 kWh ihre Energie im Schub und beim Bremsen gewinnen, um damit den Benzinverbrauch senken zu helfen. Das kann als gelungen bezeichnet werden – angesichts der Tatsache dass ein leer über zwei Tonnen wiegender Wagen im Test mit 6,7 Liter Benzin bewegt wurde.
Wie fühlt man sich in diesem Auto? Es gibt reichlich Platz für fünf Erwachsene, die unter dem wärmegedämmten Glasschiebedach in heller Atmosphäre sitzen. Vom sprichwörtlichen skandinavischen Design sind eine Holzleiste an der Armaturentafel und etwas Klavierlack auf der Mittelkonsole übriggeblieben, dazu ein Wollstoff an den Türen. Mit strapazierfähigem Textilgewebe waren auch die Sitze unseres Testwagens bezogen. Der Zugang ist schlüssellos, gestartet wird mit Hilfe eines Drehknopfes zwischen den Vordersitzen, wo ebenso die Richtung der Achtstufen-Automatik geregelt wird. Die Lautstärke der Beschallung kann von Hand eingestellt werden, vieles andere aber läuft über den Bildschirm in der Mitte. Es ist zu hoffen, dass dieser Weg, der wahrscheinlich Kosten spart und dem auch die Schweden folgen, sich bald wieder in eine sinnvolle Richtung wendet. Das diente auch der von Volvo so hochgehaltenen Sicherheit, namentlich, wenn ein Mensch allein unterwegs ist. Zwar könnte eine Sprachsteuerung helfen, wenn sie denn weiterentwickelt wäre als in diesem Auto. Eher heiter: die mangelnden Französischkenntnisse der Navigationsstimme. Weniger lustig: Wir haben fast eine halbe Stunde gebraucht, bis wir über die Betriebsanleitung am Bildschirm den Kilometerstand in den Anzeigen oberhalb der Lenksäule sichtbar machen konnten.
Autogramm
Volvo V60 Recharge T6 AWD Plus Bright
Typ: Kombi; Preis: 67.190 Euro; Länge: 4,78 Meter; Breite: 1,85 Meter; Höhe: 1,43 Meter; Radstand: 2,87 Meter; Leergewicht: 2064 Kilogramm; Zuladung: 466 Kilogramm; Kofferraum: 519 Liter; Sitze: fünf; Tankinhalt: 60 Liter; Verbrennungsmotor: Otto-Vierzylinder; Hubraum: 1969 Kubikzentimeter; Leistung: 253 PS/186 kW bei 5500 U/min; Drehmoment: 350 Newtonmeter bei 2500-5000 U/min; Elektromotor: 145 PS/107 kW, 309 Newtonmeter; Batteriekapazität: 18,8 kWh; Getriebe: Achtstufen-Automatik; Spitze: 180 km/h; 0 auf 100 km/h: 5,4 Sekunden; Testverbrauch: 6,7 Liter Benzin.
Informationen:
Im Land der Montbéliard-Rinder: Moulin de Cuse
Im Land der Charolais-Rinder: Restaurant Beau Rivage
Im Land der Limousin-Rinder: Ânes de Vassivières
