
Erfolgreich beim ersten Mal
Es gleicht einem schier unlösbaren Rätsel und ist enorm spannend: Wie können in Sachen Paketzustellung die Faktoren Kundenservice, Kosteneffizienz und Nachhaltigkeit unter einen Hut gebracht werden? Anbieteroffene Mikro-Depots und Künstliche Intelligenz tauchen immer häufiger auf im zukunftsfähigen Angebots-Mix, damit die Pakete am besten zu ihren Empfängern kommen.
Von Gundel Jacobi
Steile These der Kurier-Expressdienste. Es betrifft alle. Aber wer hört heute noch zu, wenn folgende Schlagworte auftauchen: Klimaschutz, Verkehrssicherheit, Technologieoffenheit. Dabei steht nichts anderes als die Zukunftsfähigkeit der Mobilität auf dem Spiel – und das kann ziemlich spannend sein, wie kürzlich auf dem 6. Dekra-Nutzfahrzeugkongress in Berlin einmal mehr bewiesen wurde. Fachleute aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft widmeten sich zwei Tage lang den unterschiedlichen Themenbereichen, wobei ein besonderer Teil der KEP-Branche (Kurier-Express-Paket) vorbehalten war. Marten Bosselmann, Vorsitzender des Bundesverbands Paket und Expresslogistik e.V. sorgt gleich zu Anfang für einen Paukenschlag und stellt folgende steile These auf: „Wir sind nicht für das Ladensterben verantwortlich, wir fangen es auf.“ Er hat gut reden, denn mit jährlich knapp 4,3 Milliarden Paketsendungen kann er zweifellos für einen starken Wirtschaftszweig in Deutschland sprechen.
Für 2030 werden aktuell fünf Milliarden Sendungen vorhergesagt. Hier scheint also ungehemmtes Wachstum voranzuschreiten, denn letztlich werde auch künftig nicht weniger konsumiert. Der Online-Handel ruft aber eben jene Dienstleister auf den Plan, die häufig in der Kritik stehen – ohne die jedoch die Lieferungen im privaten und gewerblichen Bereich unmöglich wären: vom Flugzeug über Lkw und Transporter bis hin zu Lastenrädern und den Menschen, die das Transportgut entweder in der Ablagestation deponieren oder es bis an die Haustür des Adressaten bringen.
Kurierfahrzeuge fallen überall auf. Hier berichtet Bosselmann von einer erfreulichen Entwicklung, die helfen soll, die Paketflut nicht zuletzt auf der sogenannten Letzten Meile mit sinnvollen Konzepten zu kanalisieren. Dadurch könnte man erfolglosen Erst- und Zweitzustellungen den Garaus machen – was wirtschaftlicher und nachhaltiger sei. Interessant ist in diesem Zusammenhang übrigens auch, dass entgegen der landläufigen Annahme, die Straßen seien von den Fahrzeugen im Kurier-Expressdienst überschwemmt, gerade mal 0,5 Prozent von KEP-Fahrzeugen bevölkert wird.

Hierunter versteht man Nutzfahrzeuge vom Lastenfahrrad über Transporter bis hin zu Lastwagen. Insgesamt handelt es sich hierbei in Deutschland um 164.000 Fahrzeuge (Stand 2024) – davon beispielhaft, um die Bandbreite zu erfassen, 500 Cargo-Bikes und 128.000 Lieferwagen in der 3,5-Tonnen-Klasse. Nach Erkenntnissen des Bundesministeriums für Digitales und Verkehr verteilen sich demnach 88 Prozent der Landverkehrsträger am Transportaufkommen auf der Straße ohne KEP-Fahrzeuge. 9,4 Prozent kommen aufs Beförderungskonto der Bahn, und 2,1 Prozent werden Pipelines zugeordnet.
Persönlicher Kontakt wird immer seltener. Bevor man sich nun völlig im Fahrzeug-Zahlensalat verliert, erläutert Bosselmann die derzeitige Situation der konkreten Zustellung: „87 Prozent der Kundschaft wird an der Haustür beliefert, neun Prozent wählen die Zustellung im Paketshop, der in höchstens 500 Meter Entfernung liegt. Vier Prozent nutzen momentan Paketautomaten, und weniger als 0,1 Prozent haben spezielle Ablageorte wie Kofferräume ihres Autos. Man braucht nicht viel Phantasie, um sich vorzustellen, welches Potenzial in jeglichen Paketautomaten liegt!“ Was er damit meint: die Unabhängigkeit vom persönlichen Kundenkontakt, was für beide Seiten Vorteile im Zeitmanagement bietet.
Aber auch hier muss man konsequent weiterdenken, denn es macht für die Nachhaltigkeit wie für die Kundschaft nur dann Sinn, wenn die in größerem Stil angelegten Mikro-Depots in einer problemlos erreichbaren Nähe des individuellen Alltags liegen. Für solche Zukunftsszenarien stehen die Städteplaner in der Pflicht, denn entsprechende Depots benötigen freie Flächen, die gut zu erreichen sind. Um aber nicht dem vielfach gemachten Fehler zu erliegen, dass eine Lösung für alle passen muss, sollte der Blick auf einen Lösungsmix nicht verstellt werden. Denn es gibt sehr wohl Kunden, die weiterhin ihr Paket direkt an der Haustür in Empfang nehmen wollen. Inwiefern der Einsatz von Künstlicher Intelligenz ein Mosaikstein in allen denkbaren Lieferungs-Konstruktionen sein könnte, bleibt nicht nur den KEP-Denkern vorbehalten.
