

Ein Autoname mit Gefühl
Die internationale Wortschmiede Gotta Brands entwickelt Markennamen. Seniorchef Manfred Gotta hat für Renault den erfolgreichen Namen Twingo erdacht, der auch die kommende vierte Elektro-Generation ziert – und räumt mit einem langjährigen Irrglauben auf.
Von Gundel Jacobi
Verblüffend und souverän: Manfred und Julian Gotta residieren nicht in einem hippen Hub in Berlin, Hamburg oder München, um sich von der knisternden Zukunfts-Szene inspirieren zu lassen. Vater und Sohn haben sich im Schwarzwald niedergelassen, und das Geheimnis ihrer Wortschöpfungen liegt keinesfalls im Einsatz raffinierter Künstlicher Intelligenz. Sie nützen ihre eigenen Gehirnzellen und ziehen als Arbeitsmittel einen karierten Schreibblock, Bleistift und Radiergummi vor. Zudem liegt der unabdingbare Ort des Geschehens zunächst direkt beim Kunden, der den Black-Forest-Köpfen zutraut, einen einzigartigen Markennamen zu ersinnen.
Manfred Gotta war selbst erstaunt, als ihn Anfang der 1990er Jahre der Renault-Chefdesigner Patrick le Quément anrief: „Ich sollte einen Namen entwickeln, den es als Begriff noch nicht gibt und der überhaupt unkonventionell sein dürfte.“ Es hört sich beinahe magisch anrührend an, wenn Gotta von seinem Zusammentreffen mit dem Kleinwagen im Technocentre nahe Paris berichtet: „Ich war mit dem Auto allein, habe dessen Charakter und Persönlichkeit in mir aufgesogen. Schließlich habe ich gefühlt, wie es nicht nur sympathisch und süß wirkt, sondern geradezu lächelt.“
Hier löst er sich vom Renault-Auftrag und erklärt, dass es keinen Sinn mache, rational an eine Namensfindung ranzugehen. Ganz im Gegenteil – es sei wichtig, mit Herz und Gefühl zu arbeiten, damit der Name und das Produkt verschmelzen könnten. Zudem ist es offenbar völlig egal, ob der Begriff kurz oder lang sei; es müsse eben passen, gut ausgesprochen werden können und im Schriftbild ebenso aussehen. Weiter führt er aus: „Es gibt kein richtig oder falsch. Das ist wie in der Kunst, wenn ein Maler eine Farbe wählt. Warum wählt er diese Nuance? Das kann er nicht erklären – und so ist es mit Namen ebenfalls.“ Schließlich präsentierte er den Twingo und eine Alternative – das Herzblut pulsierte deutlich für Twingo. Bekanntermaßen bekam dieser auch den französischen Zuschlag. „Es war ein rein erfundener Name!“ So möchte er auch mit dem Irrglauben aufräumen, wie er sich bis heute hartnäckig in historischen Dokumenten wiederfindet: Twingo sei eine Wortschöpfung aus Twist, Swing und Tango. „Das ist Quatsch! Wer dies hineininterpretiert, liegt völlig daneben.“
Im Laufe des Gesprächs bekommt man eine Vorstellung davon, wie die Gottas ticken. Sie sind keine hochnäsig schwebenden Überflieger, sondern bodenständige Denker, die eine besondere Gabe haben und selbige durchaus mit Selbstbewusstsein verkörpern. Auf die Frage, welchen Flop es mal aus dem Hause Gotta Brands im Zeitenlauf gegeben habe, sagt der Senior mit fester Stimme: „Es ist diesbezüglich immer ein bisschen Angst vorhanden, aber es gab nie einen Flop.“ Wow, wer kann das schon von sich behaupten.

Fortan entstanden viele Namen für Renault. An die Entstehung seiner Mégane-Erfindung kann er sich lustigerweise gar nicht mehr erinnern. Beim Avantime fällt ihm ein, dass einem Bedenkenträger die Nähe zum Audi-Kombi Avant zweifelhaft schien. Aber es kam kein Brief eines Anwalts aus Ingolstadt. In diesem Zusammenhang erläutert Gotta den enormen Arbeitsaufwand, der während des gesamten Entwicklungsprozesses ebenfalls in der Wortschmiede-Verantwortung betrieben wird. Denn sie kooperieren weltweit mit Linguisten, Sprachspezialisten und Juristen für Markenrecht. Klar, der Name soll international funktionieren – nicht nur juristisch, sondern dass man nicht in Fettnäpfchen tritt, weil in einer anderen Sprache das Wort eine negative oder anrüchige Bedeutung hat.
Bei der Erinnerung an den Renault Vel Satis aus seinem Bleistift gerät er ins Schwärmen: „Ich habe den Wagen gesehen und war hellauf begeistert. Vel Satis ist einer der schönsten Namen, den wir je geschaffen haben.“ Die Inspiration hat etruskische Wurzeln, sehr spannend, was den Herren Manfred und Julian Gotta so durch die Köpfe geht. Sohnemann Julian hat mittlerweile die Geschäftsführung inne und laut seinem Vater dessen Genial-Gene geerbt. Ziemlich kompromisslos betont er: „Was wir erdenken, muss eine Marke sein und kein Märkchen. Trends interessieren uns nicht, denn der Name sollte bestenfalls für die Ewigkeit erschaffen werden.“ Vater Manfred ergänzt listig, dass im Prinzip Goethe mit seinem berühmten Gedanken irrte, Namen seien Schall und Rauch: „Sonst wäre ja auch er in Vergessenheit geraten.“ Noch eins verraten die Kreativen aus ihrem Schatzkästchen: „Gut eingeführte Markennamen sollte man ohne Not nicht wechseln, da haben wir schon manchen lukrativen Auftrag abgelehnt.“ Andersherum stellt sich zum Abschluss des Treffens mit einer kleinen Journalistenschar die Frage, ob sich denn der vor über 30 Jahren ersonnene Name Twingo für die im Frühjahr erscheinende vierte Generation noch eignen würde, zumal dieser Twingo vollelektrisch daherkommt. Wen wundert’s, dass die beiden auch hier eine eloquente Antwort parat haben, die man ihnen zu hundert Prozent abnimmt: „Mit dieser 4. Generation ist etwas gelungen, was selten gelingt – die Seele des Twingo erneut zum Scheinen zu bringen.“ Bei aller Zugewandheit gibt übrigens das Duo Gotta auf Nachfrage die damalige Twingo-Alternative nicht preis. Ob sie über die Jahrzehnte womöglich in einem anderen Produkt wieder auftauchen durfte?
