Ein glattgebügeltes SUV voll unter Strom

Die gehobene Mittelklasse bekommt Zuwachs: Volvo stellt seinem Bestseller XC60 ein weiteres SUV an die Seite: den vollelektrischen EX60 mit 600 und 800 Kilometern Reichweite, Ladeleistung bis 370 kW und weitreichender dialogbasierter Künstlicher Intelligenz.   

Von Gundel Jacobi

Feinsinnig formuliert wurde bei der statischen Deutschlandpremiere der EX60 als wortverwandter Zwilling des XC60 vorgestellt. Stimmt, denn er ist ein bisschen dessen Nachfolger und doch ganz anders. Jener XC60 bleibt als PHEV und Mildhybrid sowieso weiter im Verkauf, um die Kundschaft nicht zu verprellen und überhaupt: Einen jahrelangen Bestseller schmeißt man nicht einfach so raus.

Außen: Da steht nun also der EX60 im erleuchteten Pavillon. Das riesige Aha-Erlebnis ist er erstmal nicht, viel zu oft hat man sie schon gesehen – die glattgebügelten SUVs dieser Welt. Und doch ist es für Volvo megawichtig, in der Kaste der gehobenen Mittelklasse einen vollelektrifizierten Hochbeiner zu platzieren, um den Mitbewerbern à la BMW iX3 oder Mercedes GLC EQ entsprechend Paroli bieten zu können. Von vorne lässt sich der EX60 am Volvo-Markenemblem mit diagonaler Leiste und den beinahe schon traditionellen Thors-Hammer-Tagfahrleuchten gut zuordnen. Das Heck bietet allenfalls mit einer hochlaufenden Leuchtleiste im Fenster einen ungewohnten Anblick. Auch an der Flanke fällt zunächst nichts auf, bis man stutzt: Die Türgriffe fehlen! Bei näherem Hinschauen entdeckt man sie dann doch – flügelartige Stummel entlang der unteren Fensterleiste. Sicherlich ein ausgeklügelter Kniff für den Luftwiderstandsbeiwert. Bleibt nur in der Praxis festzustellen, ob das wirklich handlich zu betätigen ist. Dem Vernehmen nach sind vollversenkte Türgriffe in China aus Sicherheitsgründen soeben verboten worden, weil sich das Fahrzeug nach einem Unfall schwer von außen öffnen lässt.

Innen: Bei einer ersten Sitzprobe ahnt man schon, dass am Gestühl nichts auszusetzen sein dürfte – weder vorne noch hinten. Aber etwas ganz anderes fällt auf: Hoppla Thekla! Quer statt hochkant – Volvo ändert das Format des Bildschirms in der Mitte der Armaturentafel. Der 15-Zöller ist zudem ganz leicht gebogen, um Fahrer und Beifahrer einen perfekten Einblickwinkel zu verschaffen. Und: Als ob sie von Peugeots i-Cockpit beeinflusst worden wären, die den Bildschirm hinterm Lenkrad weit nach oben gesetzt haben, bietet nun auch Volvo eine ähnliche Lösung. Allerdings ist der Schlitz eher ein vom Head-up-Display inspiriertes Konstrukt, das dann quasi unterhalb der Windschutzscheibe sitzt.

Offenbar derzeit unvermeidlich, aber unserer Meinung nach ein Irrweg ist die nahezu vollständige Bedienung über den zentralen Bildschirm. Unabhängig davon, in welchen Menüs, Untermenüs und Schnellzugriffmenüs die Funktionen untergebracht sind – es gibt keinen vernünftigen Grund, warum man wesentliche Anweisungen nicht per direkten Schaltern und Knöpfen vollbringen sollte. Ob es das unterm Strich rausreißt – ein paar Euro bei deren Herstellung einzusparen? Das wird wieder bedingt lustig bei der Fahrvorstellung, wenn man unterwegs mehrmals rechts ran muss, um sich im Stand in die Logik des Konzepts hineinzupfriemeln. Wer mag, kann sich genussvoll in die aufpreispflichtige Bowers&Wilkins-Soundanlage hineinfuchsen. 28 Lautsprecher befinden sich im Wagen, davon vier in den Kopfstützen. Das Hörerlebnis ist erste Sahne; fast ist man gewillt, von einem Konzertsaal auf vier Rädern zu sprechen. 

Sicherheit: Viel nüchterner, aber in seiner Genialität nicht weniger bewundernswert ist das neue weiterentwickelte Gurtsystem: Dass der Gurt Leben rettet, gehört zum kleinen Einmaleins der Mobilität. Volvo geht einen Schritt weiter, denn natürlich treten aufgrund der enormen Kräfte im Falle eines Unfalls Brustkorbverletzungen auf. Künftig wird der Brustkorb aber besser geschützt, da die Zugkräfte entsprechend des Körpers mehrstufig und dadurch gezielter einsetzbar sind, was Verletzungen vermindert. Bislang existieren dafür zwölf Profile, die Gewicht und Größe des Passagiers erfassen und somit die Kraftentwicklung des Rückhaltesystems individuell dosieren können. Zug um Zug werden weitere Gewichts-und Größen-Profile hinzukommen.Das hört sich insgesamt vielleicht banal an, ist aber tatsächlich ein hervorragender Sicherheits-Fortschritt. Ob indes mit der angekündigten Google-Gemini-Einbindung ein echter Meilenstein der Künstlichen Intelligenz Einzug in die Volvo-Welt hält, können wir noch nicht beurteilen. Das Dialog-System war bei der Standpräsentation noch nicht vorhanden.     

Preise und Reichweiten: Es dürfte niemanden verwundern, dass die unter den Fittichen des chinesischen Geely-Konzerns befindlichen Schweden in der so genannten Premiumklasse nicht kleckern, sondern klotzen. Somit ist der stromernde EX60 in drei Leistungsstufen erhältlich: P6 mit 374 PS/275 kW und Hinterradantrieb (80 kWh Stromspeicher), P10 als Allradler mit 510 PS/375 kW (91 kWh Akku) und ebenfalls mit Antrieb auf alle Viere der P12 mit 680 PS/500 kW (112 kWh Akku). 

Auch bei der Reichweitenangabe von rund 600 Kilometern beim P6 und gut 800 Kilometern beim P12 dürfte mancher Elektro-Interessierte Appetit bekommen. Der Stromverbrauch wird mit Werten zwischen 14,7 und 16,0 kWh angegeben. Obendrein stehen 800 Volt als Grundlage für schnelles Laden bereit: Knapp 20 Minuten benötigt der EX60 von zehn auf 80 Prozent mit einer Ladeleistung von 300 kW. Vollmundig weisen die hauseigenen Experten darauf hin, dass am idealen Schnelllader mit 370 kW binnen zehn Minuten Strom für rund 340 Kilometer gebunkert werden könne. Wer sich mit einer AC-Wechselstrom-Ladestation bis 22 kW begnügt, benötigt vier Stunden Ladezeit für 80 Prozent. Das ist demnach alles auf der Höhe der Zeit.   

Der Volvo EX60 steht zur Markteinführung im Sommer bei den Händlern. In der heckgetriebenen P6-Ausführung kostet er ab 62.990 Euro, womit er rund 5000 Euro unter dem Einstiegspreis eines XC60 Plug-in-Hybriden mit Antrieb auf alle Viere liegt. Mit Allradantrieb kostet der EX60 P10 AWD ab 65.990. Übrigens wird die EX60-Baureihe nicht in China, sondern im schwedischen Stammwerk Torslanda bei Göteborg produziert.

Autogramm

Volvo EX60 P6

Typ: SUV; Preis: 62.990 Euro; Länge: 4,80 Meter; Breite: 1,90 Meter; Höhe: 1,64 Meter; Radstand: 2,97 Meter; Leergewicht: 2190 Kilogramm; Zuladung: 460 Kilogramm; Kofferraum: 634-1647 Liter; Sitze: fünf; Motor: Elektromotor, Permanentmagneterregte Synchronmaschine; Leistung: 374PS/275 kW; Drehmoment: 480 Newtonmeter; Spitze: 180 km/h; 0 auf 100 km/h: 5,9 Sekunden; Batterietyp: Lithium-Ionen-Akku; Batteriekapazität: 80 Kilowattstunden (kWh); Reichweite:  Kilometer; Wallbox Wechselstrom 22 kW: 4 Stunden, Ladestation Gleichstrom 300 kW: 19 Minuten (10-80 Prozent), Stromverbrauch: 14,7kWh/100 Kilometer; CO2-Ausstoß: 44 Gramm/Kilometer (Strommix Deutschland).


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