Mit viel Mut mitten in den Markt

Eins muss man dem chinesischen Technologiekonzern Xpeng lassen: Er versteht es, mit Entwicklungen für die Zukunft wie Robo-Taxis, humanoiden Robotern und fliegenden Autos auf sich aufmerksam zu machen. Greifbarer ist das neueste Xpeng-Werk, welches auch preislich auf dem Boden bleibt: das SUV-Coupé L03, das vollelektrisch und mit Reichweiten-Verlängerer kommt.   

Von Gundel Jacobi

Porträt von Gundel Jacobi

Weltpremiere und Träumereien in München. Erstmalig hat Xpeng sein neues Modell L03 der Öffentlichkeit an seinem europäischen Hauptsitz in München vorgestellt – den rund 1500 geladenen Gästen wie etwa Handelspartnern und der internationalen Presse. Firmengründer und Geschäftsführer He Xiaopeng nutzte vor Ort jedoch zunächst ausführlich die Gelegenheit, auf die Bedeutung von Künstlicher Intelligenz hinzuweisen, die in seinem Unternehmen untrennbar mit der Entwicklung entsprechender Produkte verbunden sei: „Mit fliegenden Autos lassen sich Reisen von Stadt zu Stadt wesentlich beschleunigen.“ Seinen Worten zufolge beginnt noch in diesem Jahr die Serienproduktion eines Fahrzeugs mit sechs Rädern, das im Heck ein zweisitziges Fluggefährt beherbergt. Dem Vernehmen nach sollen die Vereinigten Arabischen Emirate eine namhafte Bestellung in Auftrag gegeben haben – für europäische Gefilde bleibt ein solches Gefährt wohl noch für längere Zeit reine Träumerei.

Anders sieht es möglicherweise mit humanoiden Robotern aus, die von He Xiaopeng im Film präsentiert wurden: Sie stecken in Ganzkörperanzügen wie einst Mister Spock im Science-Fiction-Klassiker Raumschiff Enterprise und bewegen sich erstaunlich geschmeidig menschenähnlich. Nur der helmartige Kopf lässt unschwer erkennen, dass es sich um eine Maschine handelt. Läuft alles nach Plan, könnten diese humanoiden Roboter bereits im kommenden Jahr in den europäischen Xpeng-Filialen als Verkaufsberater eingesetzt werden. Als dritte Präsentation gab He Xiaopeng das vergleichsweise unspektakuläre, aber ebenfalls höchst komplexe Robotaxi-Projekt zum Besten, das derzeit in China seinen Testbetrieb aufnimmt. Mit diesen führerlosen Shuttle-Fahrzeugen befindet sich die gesamte Mobilitätsbranche im Hochdruck-Wettbewerb – auch hier wird es noch eine gute Weile dauern, bis das vollständig automatisierte Fahren im Alltagsverkehr angekommen ist.

Günstiger Preis beim SUV-Coupé L03. Das Auto steht auf dem Münchner Veranstaltungsgelände, die versammelte internationale Presse ist anwesend, die Preisliste existiert – aber die Räder des Xpeng L03 stehen still. Zunächst handelt es sich um eine reine Standpräsentation, die jedoch in mehrfacher Hinsicht aufhorchen lässt: Mit einem Einstiegspreis von 35.600 Euro grätscht der L03 ziemlich unverblümt in die umfangreiche Mitbewerber-Meute à la Tesla Model Y, VW ID.4 oder Skoda Enyaq. Wie üblich muss man tief eindringen in die technischen Daten und Ausstattungsdetails, um Zahlen, Daten und Fakten vergleichbar zu machen. Abgesehen davon ist es unerlässlich, vor einem Vergleich mit anderen Modellen den L03 überhaupt einmal gefahren zu haben. Aber von Anfang an ist jedenfalls klar, dass Xpeng seinen neuen L03 bei vergleichbarer Leistung deutlich unter den Preisen etlicher Wettbewerber positioniert. Betrachtet man den Wagen von allen Seiten, passt die Bezeichnung SUV-Coupé vor allem wegen seiner etwas aufgeblasenen Bugpartie, einer Höhe von 1,60 Meter und der stark abfallenden Dachlinie zum kurzen Heckabschluss. Richtig auffällig erscheint einem das vornehmlich glattgebügelte Fahrzeug nicht, aber mit ein paar geschwungenen Linien kommt der L03 durchaus gefällig daher.

Zwei Monitore ragen in die Höhe. Im Innenraum herrscht die nicht nur bei Xpeng bevorzugte minimalistische Atmosphäre mit möglichst wenigen Schaltern und zwei bewusst aufgesetzten Monitoren, statt sie fließend in die Armaturentafel einzupassen. Somit dient als einziger weiterer Hingucker nur das massige Lenkrad. Ablageflächen und -fächer sind mehrstöckig in die breite Mittelkonsole eingelassen. Bei einem ersten Sitztest im 4,62 Meter langen Fahrzeug macht das Gestühl vorne einen rundum guten Eindruck, im Fond gibt’s ebenfalls ordentlich Platz für Beine und Kopf, die abfallende Dachlinie beeinträchtigt erst bei sehr groß gewachsenen Personen. Prima Idee ist ein Schubfach unter der Rückbank, das jedoch zusammen mit dem zusätzlichen Frunk unter der vorderen Haube nur ein wenig über den mit 367 Liter doch nur mäßig großen Kofferraum hinwegtrösten kann. Zur Laderaumerweiterung lassen sich die Rücklehnen in drei Teilen vollständig umklappen.            

Bemerkenswerte Ladeleistung mit 400 Volt. Hier setzen die Chinesen auf folgende Ausführungen: Standard Range ab 35.600 Euro verbindet 245 PS/180 kW mit einer 58,3 kWh-Batterie; die Reichweite beträgt 445 Kilometer. In der Longe Range-Version ab 38.600 Euro wird eine 71,2 kWh-Batterie eingesetzt, die Reichweite beträgt hier 520 Kilometer. In beiden Fällen handelt es sich um Hecktriebler. Der Performance-L03 ab 41.600 Euro geht noch einen Schritt weiter, da er als Allradler mit einem zweiten Motor an der Vorderachse und einer Systemleistung von 388 PS/285 kW bedacht wird. Er führt ebenfalls den größeren 71,2 kWh-Akku im Fahrzeug mit und kommt unter Idealbedingungen 440 Kilometer weit. Laut Werksangaben ist in allen Fällen bei Tempo 180 Schluss. Der WLTP-Stromverbrauch liegt zwischen 15,3 und 18,4 kWh/100 km.

Bei der Präsentation in München bringt es He Xiaopeng auf den Punkt als er in saloppem Ton sagt: „Die größte Herausforderung ist immer das Laden.“ Hier haben seine Spezialisten ziemlich gut gearbeitet, denn sie konnten in allen Ausführungen von 10 bis 80 Prozent eine Ladezeit von 20 Minuten herauskitzeln: Ab der größeren 71,2 kWh-Batterie ist eine Spitzenladeleistung von 236 kW zu erzielen – bemerkenswert für die zugrunde liegende 400-Volt-Spannung. Denn im Vergleich zum deutlich teureren 800-Volt-System befindet sich der L03 hier bei der Ladegeschwindigkeit auf Augenhöhe mit sehr viel teureren Fahrzeugen. Wie gesagt: Solange die Autos noch nicht gefahren werden können, ist alles mehr oder weniger graue Theorie.                     

Übrigens plant man auch bei Xpeng neuerdings sehr praxisorientiert und will  mögliche Kunden anlocken, die aus unterschiedlichen Gründen nicht zu einem komplett batterietechnischen Auto greifen: Noch im Laufe dieses Jahres soll nämlich ein L03 mit Reichweitenverlängerer (Range Extender) nachgeschoben werden. Der Fließheckler kommt mit 1,5-Liter-Benziner, der einzig den Elektromotor speist, womit es sich also um einen seriellen Hybrid handelt. Immerhin ermöglicht diese Benziner-Batterie-Kombination eine Reichweite von rund 1000 Kilometer, die an Strecken heranreicht, mit denen Dieselfahrzeuge lange Zeit allein glänzen durften.  

Angebot lässt aufhorchen. Mit dem L03 rundet Xpeng seine Modellpalette nach unten ab und betritt hart umkämpfte Marktsegmente – zu durchaus konkurrenzfähigen Preisen, die sogar die kostengetriebene Angebotslatte im Wettbewerberumfeld tiefer setzt. Vollmundig wurde bei der Präsentation auf eine große Menge KI-fähiger Assistenten hingewiesen, die alle das Leben am Steuer einfacher und angenehmer machen sollen. Man wird sehen, was die ersten Testfahrten ergeben.    

Autogramm

Xpeng L03 Standard Range

Typ: SUV-Coupé; Preis: 35.600 Euro; Länge: 4,65 Meter; Breite: 1,92 Meter; Höhe: 1,60 Meter; Radstand: 2,85 Meter; Leergewicht: 1870 Kilogramm; Zuladung: 405 Kilogramm; Kofferraum: 367 Liter; Sitze: fünf; Motor: Elektromotor, Permanentmagneterregte Synchronmaschine; Leistung: 245PS/180 kW; Drehmoment: 264 Newtonmeter; Spitze (abgeregelt): 180 km/h; 0 auf 100 km/h: 7,5 Sekunden; Batterietyp: LFP-Akku; Batteriekapazität(brutto): 58,3 Kilowattstunden (kWh); Reichweite (WLTP): 445 Kilometer; Wallbox Wechselstrom 11 kW: 6 Stunden, 8 Minuten (5-100 Prozent), Ladestation Gleichstrom: 20 Minuten (10-80 Prozent), Stromverbrauch (WLTP): 15,3 kWh/100 Kilometer; CO2-Ausstoß: 46 Gramm/Kilometer (Strommix Deutschland).


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