


Sehr vielseitig im Inneren
Bei Leapmotor purzeln die neuen Modelle zwar nicht im Monatstakt, aber inzwischen umfasst die Palette des noch recht jungen chinesischen Unternehmens weltweit immerhin ein Dutzend verschiedene Wagen – in Europa fahren davon knapp die Hälfte. Neuester Spross ist der batterieelektrische B03X: Ist es zu hoch gegriffen, von einer tollen Kiste zu sprechen?
Von Gundel Jacobi
Genialer Name für die Ewigkeit. Nachdem anfänglich vor allem größere SUV auf der stromernden Welle mitgeschwommen sind, hat sich der Markt mittlerweile deutlich auch nach unten geöffnet. Somit schwappt der 4,27 Meter lange Leapmotor B03X zweifellos zur richtigen Zeit heran: ein kastenartiger Wagen im Kompaktmaß, gerade so der Kleinwagenklasse entsprungen. Seine Breite von 1,81 Meter ist ziemlich unspektakulär, aber mit einer Höhe von 1,64 Meter kann man schon auf den ersten Blick erkennen, dass sowohl der Einstieg als auch die Kopffreiheit im Inneren ein Gefühl von Luftigkeit vermittelt – vom Packmaß nach oben im Kofferraum ganz abgesehen. Klar ist aber auch: Die Karosserie bietet keine Überraschungen, Bug und Heck sind geradezu auf glatt gebürstete Unauffälligkeit getrimmt. Allenfalls in der Seitenansicht weist die schmale kunststoffbeplankte Rundumlinie auf einen Hauch von zusätzlicher Robustheit hin. Dazu passt als Hingucker das etwas munterer ausgeführte Felgenmuster der 18-Zoll-Räder. So unscheinbar das äußere Auftreten ist, mit der Namensfindung haben die Marketingspezialisten ihrer Kundschaft eine kleine Kröte ins Bezeichnungsregister gelegt: B03X, das ist schon etwas sperrig. Vielleicht haben sie gedacht, dass man Zeit braucht, sich daran zu gewöhnen, aber wenn es dann mal im Gehirn festgezurrt ist, vergisst man es womöglich nie wieder. Die Zukunft wird zeigen, ob es ein solch genialer Schachzug war.
Zweckmäßigkeit im Vordergrund. Im Cockpit herrscht zunächst mal jene Form von Aufgeräumtheit vor, die neben einem Infomonitor hinterm Lenkrad in der Bedienzentrale des 14,6-Zoll-Bildschirms in der Armaturentafelmitte gipfelt. Da ahnt man bereits, dass solche Funktionen wie Spiegeleinstellungen und Klimaanlage allesamt auf den Monitor zugeschnitten sind. Mehrfach belegte Steuerungstasten auf dem Lenkrad können nach der gebotenen Einarbeitungszeit problemlos benutzt werden. Worüber man sich gar keinen Kopf machen muss: das Auto zu starten, da es fahrbereit ist, sobald die NFC-Karte erkannt wird oder das Handy die Verbindung in Windeseile hergestellt hat. Die Fahrtrichtungen wechselt man mittels Hebel an der Lenksäule – ein wenig einfallslos, fast altmodisch, aber sehr praktisch!

Aufgeräumt präsentiert sich zudem die breite zweistöckige Mittelkonsole mit den zeitgemäßen beiden Becherhaltern und kabelloser Handy-Aufladefläche. Ein in die Tiefe gehendes Fach sowie eine offene Ablage nehmen allerlei Kleinigkeiten auf.
Angenehm gepolstert sind die Sitze, sie könnten mehr Seitenhalt bieten, aber das ist ein schon recht mäkeliger Wunsch in dieser Klasse. Die hellgraue Farbe des Innenraums wirkt zumindest freundlich, die Flächen hat man schmeichelnd weich geschäumt. Das Konzept ist deutlich auf Zweckmäßigkeit ausgerichtet, mit ein paar Chromakzenten und einer gestrichelten Musterleiste zeigen die Designer jedenfalls ihren guten Willen zur Auflockerung.
Ab der zweiten Reihe richtig spannend. Nochmal zur Erinnerung: Die Fahrzeughöhe bietet auch im Fond gute Kopffreiheit, wir konnten zudem feststellen, dass die Beine von Erwachsenen prima unterkommen – ohne dass man unangenehm angewinkelt sitzen muss. Platz ist also vorhanden, aber klar, zu dritt nebeneinander wird es in der Breite etwas eng.
Eine ganz andere Weite eröffnet sich, wenn man die Sitzpolster der zweigeteilten Rückbank wie im Kino in Richtung Lehnen klappt. Das hat schon der kleine Honda Jazz vorgemacht, der einst damit warb, einen Weihnachtsbaum ebendort im Fußraum aufrecht stehend zu transportieren. Sowas klappt in diesem Leapmotor ebenfalls – clevere Idee, die eine vielfältige Raumnutzung ermöglicht. Dabei lassen sich entweder das Zweier-Sitzmöbel oder der Einzelsitz unabhängig voneinander umlegen. Genauso praktisch geht’s im Kofferraum zu, der unter der Abdeckung 407 Liter Gepäck aufnimmt, und unter dessen Ladeboden noch ein 105 Liter fassendes und auswaschbares Fach vielseitig nutzbar ist. Sowohl die sogenannte Hutablage als auch der Zwischenboden sind komplett herausnehmbar. Bei beiden fällt auf, dass sie eine echte Einsparposition darstellen: Das Material ist – anders als ansonsten im Auto – von auffällig dünner Qualität. Geht man auf Maximaltransport und klappt alles um, was umzuklappen geht – unter anderem auch den Beifahrersitz – entsteht eine nahezu ebene Ladefläche, auf der bis unters Dach gut 1,3 Kubikmeter verstaut werden können.
Normverbrauch klar unterboten. Beim Antrieb hat man die Wahl zwischen einem 177 PS/130 kW leistenden Motor, der mit einem 39,8-kWh-Akku gekoppelt wird, und einem 197 PS/145 kW starken Aggregat, dem eine 53-kWh-Batterie zugeordnet ist. Die Entscheidung für einen der beiden Elektromotoren wird weniger die Frage nach der PS-Leistung sein, sondern die Wichtigkeit der Streckenlängen. Im ersten Fall stehen idealerweise 292 Kilometer und mit der größeren Batterie 382 Kilometer Reichweite auf dem Papier. Unsere Testtour fand bei freundlichen Temperaturen um 20 Grad auf gemischten Strecken samt kleinem Autobahnanteil statt. Wir waren mit dem leistungsstärkeren Wagen unterwegs, dessen Bordcomputer nach der Tour einen bemerkenswert niedrigen Verbrauch von 13,2 kWh auswies – zugegebenermaßen bei mehrheitlich zurückhaltender Fahrweise. Damit wurde der WLTP-Normwert von 15,7 kWh klar unterboten. Ausgesprochen positiv sind die ruhig meldenden und eingreifenden Assistenten aufgefallen, also beispielsweise kein ruppiges Zurechtweisen des automatischen Lenkeingriffs; auch die jeweiligen Warntöne sind gut vernehmbar, ohne zu nerven. Hier ist deutlich ein Eingehen auf den europäischen Geschmack zu erkennen. Als wohltuend haben wir zudem die Fahrwerksabstimmung empfunden, die das Auto gängige Unebenheiten bemerkenswert wegbügeln ließ – ohne schwammig nachzufedern. Hier haben die Entwickler alles richtig gemacht.
Wahl zwischen zwei Ausstattungen. Ein großes Plus im Leapmotor-Vertrieb ist zweifellos das Händlernetz: Mit bundesweit rund 130 Verkaufs- und Servicepunkten ist die im Stellantis-Konzern eingebettete Marke solide aufgestellt. Der Leapmotor B03X Pro steht ab 24.900 Euro mit der kleineren Batterie bei den Händlern, einschließlich LED-Scheinwerfer, 18-Zoll-Stahlfelgen, Dachreling, Klimaautomatik, Rückfahrkamera, Navi, Android- sowie Apple-Anbindung. Die stärkere Version ProMax ab 29.400 Euro bietet darüberhinaus unter anderem 18-Zoll-Leichtmetallfelgen, Kunstledersitze (vorne beheizbar), beheizbares Lenkrad, Parksensoren vorne, 360-Grad-Kamera und anklappbare Außenspiegel. Schade nur, dass Leapmotor zur Markteinführung nur sehr gedeckte Farben anbietet – die Palette reicht in sechs Schattierungen von Silber über beige zu dunkelblau. Vielleicht kommt im Laufe der Zeit eine fröhlich-knalligere Lackierung hinzu. Die würde dem kompakten Raumwunder gut stehen.
Autogramm
Leapmotor B03X Pro
Typ: Kompakt-SUV; Preis: 24.900 Euro; Länge: 4,27 Meter; Breite: 1,81 Meter; Höhe: 1,64 Meter; Radstand: 2,64 Meter; Leergewicht: 1525 Kilogramm; Zuladung: 395 Kilogramm; Kofferraum: 407-1358 Liter; Sitze: fünf; Motor: Elektromotor, Permanentmagneterregte Synchronmaschine; Leistung: 177PS/130 kW; Drehmoment: 200 Newtonmeter; Spitze: 160 km/h; 0 auf 100 km/h: 8,6 Sekunden; Batterietyp: Lithium-Eisenphosphat-Akku; Batteriekapazität: 39,8 Kilowattstunden (kWh); Reichweite (WLTP): 292 Kilometer; Wallbox Wechselstrom 11 kW: 2 Stunden 30 Minuten, Ladestation Gleichstrom 100 kW: 16 Minuten (30-80 Prozent), Stromverbrauch (WLTP): 15,5 kWh/100 Kilometer; CO2-Ausstoß: 53 Gramm/Kilometer (Strommix Deutschland).


