Beinahe ein Fünf-Liter-Auto

Mit dem CX-60 bietet Mazda ein stattliches SUV auf einer Länge von 4,75 Meter an. Man soll sich ja nicht mit Äußerlichkeiten aufhalten, aber die Lackierung in Soul Red Crystal ist einfach eine Wucht. Was der geräumige japanische Wagen sonst noch zu bieten hat? Eine Menge – und vor allem einen mittlerweile ungewöhnlichen Antrieb.  

Von Gundel Jacobi

Porträt von Gundel Jacobi

Was ist das für ein Auto? Mancher mag sich die Augen reiben – und das eben nicht nur wegen der auffällig  roten Farbe. Der Diesel ist tot? Es lebe der Diesel! Wir haben den Selbstzünder als  Reihensechszylinder aus 3,3 Liter Hubraum getestet. Was treibt Mazda zu dieser Motorisierung? Ganz einfach: ein Angebot für all jene, die das kraftvoll schnurrende Vorankommen samt langen Laufleistungen bis zur nächste Zapfsäule schätzen.

Betrachtet man den CX-60 aus seitlicher Perspektive, kann man die vergleichsweise schlanke Form erkennen, was vornehmlich an der bemerkenswert langen Motorhaube liegt – ein optischer Effekt wegen des Reihensechszylinders, der drunter ordentlich Platz beansprucht. Insgesamt lässt sich einmal mehr feststellen, dass Mazda es in seinem Karosseriedesign immer wieder hinkriegt, eine gewisse zeitlose Eleganz zu formen. Modischen Kurzzeittrends unterwirft sich der japanische Hersteller jedenfalls nicht. In dieser behutsamen Weiterentwicklung liegt natürlich auch stets ein kleines Risiko, dass man erst spät auf einen deutlich zeitgemäßeren Zug aufspringt. Andererseits: Es spricht für eine gewisse automobile Charakterstärke, an eingeführten sinnvollen Elementen festzuhalten – so lange, bis das Gegenteil bewiesen ist.

Wie fühlt man sich in diesem Auto? Im Cockpit galt unsere erste Aufmerksamkeit der ausgesprochen geschmackvollen Innenauskleidung in einem freundlichen Hellbraun – einer Art Cognacfarbe. Die Mischung der Sitzbezüge aus Nappa- und Kunstleder sowie der Armaturentafel samt Türinnenverkleidung im selben Ton: ein Genuss! Unwillkürlich streicht man mit den Händen drüber. Hier stimmt die so oft verwendete Bezeichnung Lounge-Atmosphäre vollumfänglich. Dies alles ist der Homura Plus-Ausstattung zu verdanken, kann aber auch in dunklen Schattierungen gewählt werden.  Ansonsten herrscht im CX-60 diese wohltuende Einheit aus Bildschirmdarstellungen und Schalteranordnungen, obendrein ein Fahrstufengriff zum Zupacken. Spätestens bei der Dreh-Drücksteller-Bedienung zur Adresseingabe des Navi kommt dann aber doch ein bisschen ins Grübeln: Das ist ziemlich umständlich und nicht mehr zeitgemäß. Nun ja, sofern das Mobiltelefon verbunden wird, lässt sich die direkte Eingabe am Bildschirm aktivieren. Ganz ausgefuchste Mitdenker mögen nun erwidern, dass dies alles nicht nötig ist, weil Mazda auch die Möglichkeit der umfassenden Kommunikation mit Sprachassistentin Alexa anbietet. Stimmt! Wenn diese –  nach entsprechender Anmeldeprozedur – dann das Mittel der Wahl ist, verkümmert der Dreh-Drückschalter auf der Mittelkonsole an seinem Platz.

Wer eine überschaubare Bildschirmgröße in der Mitte der Armaturentafel mag, ist beim CX-60 genau richtig – Megamonitore über die gesamte Fahrzeugbreite gibt’s hier nicht. Braucht man auch nicht, denn die wesentlichen Fahrinformationen wie Geschwindigkeitsangaben und Navibefehle sind praktisch am Head-up-Display vor die Windschutzscheibe gespiegelt. In der zweiten Reihe sitzt man ebenfalls ohne Raumnot, Kopf- und Beinfreiheit sind kein kritisches Thema. Dortige Klimaeinstellungen sind in dieser Klasse Ehrensache und sorgen für die Umsetzung individueller Vorlieben. Der Kofferraum ist bequem auch per Fußbewegung zu öffnen, wenn man beide Hände voll hat – zwischen 570 und 1726 Liter sind reichlich, markieren jedoch nicht den Spitzenbereich im Feld der Mitbewerber.

Welchen Antrieb hat das Auto? Man höre und staune: Mazda leistet sich neben einem Plug-in-Hybriden mit kombinierter Benziner-Elektro-Motorisierung gleich zwei Dieselausführungen: Vom Reihensechszylinder-Diesel und seinem großvolumigen 3,3 Liter-Hubraum haben wir bereits geschrieben. Beide sind mild hybridisiert, nutzen also die bei Schub und Bremsen rückgewonnene Energie. Ab hier scheiden sich die Leistungsgeister. Denn es gibt einen 200 PS/147 kW starken Motor, der die Hinterachse antreibt oder eben unseren Allrad-Testwagen mit einer Leistung von 254 PS/187 kW. Mit seinem bärenstarken Drehmoment von 550 Newtonmeter, das in einem Drehzahlband von 1500 bis 2400 Umdrehungen pro Minute anliegt, leidet man wahrlich keine Not. Mit knapp zwei Tonnen Leergewicht bringt der CX-60-Selbstzünder allerdings einiges auf die Waage, was beim Anfahren spürbar wird. Das sofort anschwellende Schnurren, was mitunter bei stärkerer Beschleunigung zu einem kraftvollen Grollen wird, unterstreicht klar den Leistungsschub – so, wie man den Motor im Prinzip ständig wahrnimmt. Ausnahmen betreffen Fahrsituationen, in denen der Wagen segelt und der entkoppelte Selbstzünder schweigt. Dann gewinnt beim Dahingleiten auf kurzen Strecken die mildhybride Energierückgewinnung die Oberhand.

Das Mazda i-Activ-Allradsystem reagiert je nach Erfordernissen – standardmäßig fährt der CX-60 mit Heckantrieb; sobald das System Schlupf bemerkt, wird blitzartig die notwendige Kraft auch an die Vorderachse geleitet. Besitzer von Anhängern jeglicher Art dürfen die Ohren spitzen: Die Anhängelast des japanischen SUV beträgt 2,5 Tonnen – das findet man nicht mehr allzu oft bei Zugwagen, egal ob bei Verbrennern oder batterieelektrischen Fahrzeugen.

Besonders gespannt waren wir aufs Fahrwerk, da hier in der Vergangenheit gewisse Kinderkrankheiten in puncto nervöse Hinterachse zu vermelden waren. Hier hat Mazda eindeutig Hand angelegt, es geht ruhiger zu. Aber der tendenziell straffen Abstimmung rückt man im Kompromiss eben nur teilweise zu Leibe. Schade, dass es keine Wahl zwischen unterschiedlichem Dämpfungsverhalten gibt, das wäre für den ansonsten vorzüglichen Reisewagen eine perfekte Lösung.

Was bietet einem dieses Auto? Sechs Ausstattungen bieten reichhaltige Möglichkeiten, um individuelle Vorlieben zusammenzustellen. In der von uns getesteten Homura Plus-Linie befinden wir uns noch nicht am Ende der Fahnenstange – zwei Stufen drüber gibt es noch. Einen Diesel-CX-60 gibt’s ab  52.150 Euro; in unserem stattlichen Testwagen-Preis in Höhe von 64.150 Euro sind neben dem schon erwähnten wählbaren hellbraunen Interieur unter anderem folgende Feinheiten enthalten: Matrix-LED mit hervorragend reagierender Lichtautomatik bei Dunkelheit, elektrische Heckklappe samt Fußbedienung, geschmackvolle Ambientebeleuchtung auch in den Türen, 360-Grad-Kamera mit unterschiedlichen Ansichten sowie ein astreines Bose-Soundsystem mit zwölf Lautsprechern. Die gut zwei Dutzend Assistenzsysteme sind wie so oft Fluch und Segen – sie piepsen, klingeln, rütteln, mahnen, das ist wohl das Schicksal moderner Mobilität und nur durch teilweises Abschalten beeinflussbar. Aber mal ganz ehrlich: Muss es sein, dass bereits beim Einlegen des Rückwärtsganges ein akustisches Signal zu erklingen hat? Ja, es sind die Kleinigkeiten, die das Leben an Bord mitbestimmen.

Für welche Strecken eignet sich das Auto? Es hat sich bis heute nichts an den Vorzügen eines Selbstzünders geändert, sprich: Ein langer Ritt von A nach B mit einer Reichweite von rund 900 Kilometer bei Autobahnrichtgeschwindigkeit 130 – das ist der ureigene Einsatzfall des CX-60 im Diesel-Reiseformat. Jeder Millimeter mehr Druck aufs Gaspedal vermindert natürlich den Idealfall der Reichweite. Wir haben es ausprobiert: 1400 Kilometer in zwei Etappen, gemütlich zu schaffen mit zwei Tankfüllungen oder aber mit dem Huiiii-wir-lassen-es-fliegen-Effekt mittels eines weiteren Zapfstopps.  Der Testverbrauch ist uns insgesamt deshalb nicht aus dem Ruder gelaufen – ein Wagen dieser Größe und Technik als Beinahe-Fünfliter-Auto! Da kann man wirklich nicht meckern.

Autogramm

Mazda CX-60 e-Skyactiv D 3.3 AWD Homura Plus
Typ: SUV; Preis: 64.150 Euro; Länge: 4,75 Meter; Breite: 1,89 Meter; Höhe: 1,69 Meter; Radstand: 2,87 Meter; Leergewicht: 1950 Kilogramm; Zuladung: 566 Kilogramm; Kofferraum: 570-1726 Liter; Sitze: fünf; Tankinhalt: 58 Liter; Motor:  Diesel-Reihensechszylinder; Hubraum: 3283 Kubikzentimeter; Leistung: 254 PS/187 kW; Drehmoment: 550 Newtonmeter bei 1500-2400 U/min; Getriebe: Achtstufen-Automatik; Spitze: 219 km/h; 0 auf 100 km/h: 7,4 Sekunden; Normverbrauch: 5,2 Liter Diesel, CO2-Ausstoß: 137 Gramm/km, Testverbrauch: 5,5 Liter.


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