


Die Leichtigkeit des Fahrens
Kias Einstiegsmodell ist der Super-Mini Picanto. Wie alltagstauglich ist er und wo liegen seine Grenzen?
Von Bernd-Wilfried Kießler
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Was ist das für ein Auto? Kleinwagen unter vier Meter Außenlänge sind rar geworden auf dem deutschen Markt, in Japan übrigens nicht. Da machen die wendigen Wusler ein Drittel der Neuzulassungen aus. Kia hat im Gegensatz zu den Marken des VW-Konzerns an seinem Einstiegsmodell Picanto festgehalten, das seit 2004 gebaut wird, aktuell in dritter Generation. Wenn man das Auto rundum betrachtet, versteht man, warum die Automobildesigner die Silhouette so wichtig finden: Die Karosserie wirkt wirklich harmonisch. Bei der letzten Modellpflege 2023 hat man sich entschieden, die Bugpartie weniger putzig zu zeichnen, sondern sie an das Gesicht der größeren Kia-Modelle anzunähern. So sieht der Picanto breiter aus, ohne es wirklich zu sein.
Wie fühlt man sich in diesem Auto? Durch die für einen Pkw überdurchschnittliche Höhe von knapp anderthalb Metern kommt kein Kleinwagengefühl auf. Wie bei vielen asiatischen Kleinwagen haben auch die Kia-Innenraumgestalter einen seriösen Eindruck zu erwecken versucht, in dem sie nach dem Muster großer Limousinen Farblosigkeit verbreiten: Anthrazit, so weit das Auge reicht, ein wenig mattsilberner Zierrat und in den Türen tiefschwarzer Klavierlack. Unser Testwagen war als Viersitzer ausgelegt, in der Spirit-Ausstattung für 2200 Euro mehr gibt’s hinten drei Sitze. Angenehm: Die meisten Funktionen lassen sich auf den ersten Blick erkennbar über Schalter und Knöpfe bedienen. Der kleine Bildschirm in der Mitte der Armaturentafel dient vor allem seinem ursprünglichen Zweck: Informationen anzuzeigen. Auch wenn die hinteren Dachsäulen nicht besonders schmal sind und die Seitenscheiben zum Heck hin leicht ansteigen: In einem Auto, das nur 3,61 Meter lang und 1,60 Meter breit ist, hat man am Steuer immer das Gefühl einer gewissen Übersichtlichkeit.
Was für einen Antrieb hat das Auto? Dreizylinder-Ottomotor, handgeschaltete fünf Gänge – fertig. Vielleicht möchten die geneigten Leserinnen und Leser wissen, wie sich das in Fahrt anfühlt? Dank eines Leergewichts von 981 Kilogramm, in denen 75 Kilogramm für den Menschen am Steuer enthalten sind, kommt man im Alltagsverkehr eines Ballungsraums mit 63 Pferdestärken durchaus normal voran. Freilich sind mit 94 Newtonmeter Drehmoment keine Ampelsprints zu gewinnen. Aber wer will das noch? Auch wer regelmäßig von Stuttgart nach Köln muss, wird wahrscheinlich im Picanto mit 145 km/h Spitze nicht recht glücklich. Nicht, dass man unbedingt schneller fahren müsste oder weithin auch gar nicht könnte. Aber Vollgas bei jedem Überholvorgang an einer Lkw-Kolonne vorbei? In jedem Fall muss man Freude an fleißigem Schalten haben, zumindest, wenn man bei Tempo 120 nochmal einen Kick zum Beschleunigen geben möchte. Abgesehen davon gewöhnt man sich an den Nick Schnatterton aus dem Motorraum. Im Gegenteil – im Laufe der Zeit ist das leichte Knurren sogar so ein freundlich bestätigendes Zeichen: „Ich bin da!“ Beinahe ist man dann zu einer Reaktion geneigt: „Ich auch!“ Übrigens: Trotz eines großen Anteils Autobahn während unserer zwei Testwochen kamen wir bei ganz normaler Fahrweise unter den WLTP-Normverbrauch und sogar unter die Fünf-Liter-Schwelle.
Was bietet dieses Auto? Wir haben mal in unserem Archiv geblättert: Vor sieben Jahren kostete das Picanto-Einstiegsmodell mit dem gleichen Antriebsstrang 9.990 Euro, heutzutage beginnt die Preisliste bei 16.690 Euro. Pro Jahr sind das Pi mal Daumen knapp ein Tausender mehr. Wie andere Hersteller auch hat Kia die Verknappung des Mini-Sektors genutzt, kräftig an der Preisschraube zu drehen, Allerdings gibt es jetzt einige elektronische Fahrhilfen wie etwa Spurhalteassistent oder Tempomat. Letzteren braucht man im dichten Kurzstreckenverkehr nicht, der Spurhalteassistent gleicht kleine Unaufmerksamkeiten aus. Zum Thema praktischer Nutzwert einen Blick in den Stauraum, der naturgemäß bei einem Auto dieser Kürze überschaubar ist. Immerhin geht er in die Tiefe – genauer: 24 Zentimeter – weil man dort schon länger das Ersatzrad eingespart hat. So kommen erkleckliche 255 Liter zusammen, bei geteilt klappbaren Rücksitzlehnen sogar ein Kubikmeter – eine Folge des leicht erhöhten Dachs. Leider entsteht dabei kein ebener Ladeboden, sondern eine 18 Zentimeter hohe Stufe. Die Ladekante maßen wir in 74 Zentimeter Höhe. Um die Heckklappe zu öffnen, muss man nicht in die Tiefe greifen: Der entsprechende Knopf befindet sich unterhalb der Heckscheibe.
Autogramm
Kia Picanto 1.0 Vision
Typ: Kleinwagen; Preis: 17.190 Euro; Länge: 3,61 Meter; Breite: 1,60 Meter; Höhe: 1,49 Meter; Radstand: 2,40 Meter; Leergewicht: 981 Kilogramm; Zuladung: 339 Kilogramm; Gepäckraum: 255/1010 Liter; Sitze: vier; Tankinhalt: 35 Liter, Motor: Otto-Dreizylinder; Hubraum: 998 Kubikzentimeter; Leistung: 63 PS/46 kW bei 5000 U/min; Drehmoment: 93 Newtonmeter bei 3750 U/min; Getriebe: Fünfgang-Schaltung; Spitze: 145 km/h; 0 auf 100 km/h: 15,6 Sekunden; Normverbrauch: 5,2 Liter Benzin, CO2-Ausstoß: 118 Gramm/km, Testverbrauch: 4,9 Liter.

