


Wirklich noch ein Schwede?
Der EX30 ist das Volvo-Einstiegsmodell, nicht nur, was seine 4,23 Meter Außenlänge betrifft. Auch die Preise ab 38.490 Euro für das E-Auto liegen unter denen des günstigsten Volvos mit Verbrennungsmotor, des XC40 ab 42.490 Euro.
Von Bernd-Wilfried Kießler
Was ist das für ein Auto? Mit 4,23 Meter Länge ein Kompaktwagen, dessen Wendigkeit beim Rangieren in engen Parkhäusern und Tiefgaragen von seinen 1,84 Metern Außenbreite etwas eingeschränkt wird. Wieso müssen die meisten Fahrzeuge eigentlich mit jeder Modellerneuerung breiter werden? Was auch recht schnell auffällt: Man sitzt zwar weiter oben als in Limousinen und Kombis im EX30 mit seiner Dachhöhe von 1,55 Meter, aber das verbessert die Übersichtlichkeit merkwürdigerweise nicht.
Wie fühlt man sich in diesem Auto? Zunächst müssen wir draußen bleiben, da nach einer regnerischen Nacht alle Türen die Öffnung verweigerten. Normalerweise entriegeln sie automatisch, wenn man dem Auto mit dem Schlüssel in der Tasche näher kommt, und man kann die Portale per Zuggriff öffnen. Der Blutdruck steigt recht rasch, denn es gibt keinerlei Knopf oder gar Notschlüsselbart an dem hippen Schlüsselrechteck. So etwas ist uns nicht nur einmal passiert! Für Gangster, die schnell abhauen wollen, ist der EX30 also als Dienstwagen nicht geeignet. Irgendwann gelang es jedenfalls – durch Zufall, nicht durch eine erklärliche Handlung. Es öffnet sich ein großzügiger Innenraum für fünf Personen, in dem sich kunstlederbezogene Flächen in Grau und Bläulich erstrecken. Es mag jammervoll klingen, entspricht aber im Prinzip der Wahrheit: Die Armaturen vor dem Lenkrad als Informationszentrale wurden offensichtlich bei der Montage vergessen – alles muss über ein hochkant in der Mitte stehendes Tablet geregelt und eingesehen werden. Das ist heutzutage namentlich bei vollelektrischen bei Neufahrzeugen in der Tat gar nichts Besonderes mehr, weil deren Konstrukteure alles anders machen wollen. Es entbehrt aber jeglicher praktischen Handhabung. Warum eigentlich tun die das? Der gewonnene Platz wird nämlich für nichts anderes genutzt. Jetzt bekommt es also Volvo mal ab – erstes Stichwort Außenspiegelverstellung: So man sie denn auf dem Tablet gefunden hat, verlangt das System, dass man die Spiegel in einer fragwürdigen Mischung an Bildschirm und Lenker richtig einstellt.
Lange Zeit konnte man mit gutem Gewissen schreiben, dass die chinesischen Inhaber dem schwedischen Unternehmen seinen eigenen Charakter beließen. Das lässt sich nach einer zweiwöchigen Testfahrt im Volvo EX30 nicht mehr uneingeschränkt behaupten. Denn von Sicherheit, bekanntermaßen ein Pfund, mit dem die Schweden seit der Erfindung des Sicherheitsgurts um 1960 wucherten, kann nicht mehr die Rede sein, wenn ein Mensch unterwegs wild auf dem Bildschirm herumtippen muss. Die Sprachführung ist da nur ein schwacher Trost. Dazu kommt, dass wichtige Fahrinfos nicht im Blickfeld des Fahrers liegen: Um die Geschwindigkeit im Auge zu haben, muss immer wieder nach rechts – genau: aufs Tablet – geschaut werden. Um das dort angezeigte aktuelle Tempolimit zu erkennen, braucht es zudem eine Lupe. Womöglich sind Haltegriffe am Dach in China unbekannt – in Europa dienen sie als nützliche Hilfe beim Einstieg, die zunehmend bei Billigmodellen eingespart werden. Volvo zählt sich aber zu den Premiumanbietern für Gutverdiener. Wir raten, den Innenraum bei der nächsten Modellpflege völlig umzukrempelm und nicht nach der Devise zu handeln: „Wir machen es so kompliziert wie möglich!“ Es wäre in der automobilen Welt nicht das erste Mal, dass man von scheinbar fortschrittlichen Lösungen wieder abkommt.
Was für einen Antrieb hat das Auto? Den EX30 setzt ein Elektromotor mit 272 PS/200 kW zügig in Bewegung, sobald man eingestiegen und den Hebel an der Lenksäule auf D geschoben hat. 343 Newtonmeter schieben die zwei Tonnen, wenn zwei Personen an Bord sind, kräftig über die Hinterachse an. Das geht wie erwartet leise vonstatten, ein Zustand, der auch in Fahrt erhalten bleibt – mit einem fein abgestimmten Fahrwerk. Es ist eine Freude, so über eine gut asphaltierte Landstraße zu gleiten. Allerdings ist die 49-kWh-Batterie nicht recht langstreckentauglich. Nach WLTP-Norm soll der Strom für 339 Kilometer reichen. Aber die Reichweiten-Vorhersagen sind so launisch wie die Türschlösser: Bei sommerlichen Temperaturen wurden uns bei 100-Prozent-Ladungen für die längere Strecke das eine Mal 315 Kilometer prophezeit, ein andermal nur 262. Klar, der Fahrstil wird jeweils mitberücksichtigt. Aber das Auto wurde zwischen dem Stromschlürfen im selben Ein-Pedal-Stil ähnlich auf den gleichen Teststrecken bewegt; siehe Testverbrauch im Autogramm. Haarspalterei? Finden wir nicht. Denn solche Unterschiede sollten nachvollziehbar sein, zumal man im E-Auto mehr auf den Energievorrat schaut, weil man bei leerem Akku nicht mit dem Kanister zur nächsten Tankstelle laufen kann.
Was bietet dieses Auto? Außer einem Stauraum von 318 Liter noch ein Fächlein unter der vorderen Haube für Kleinkram, neudeutsch Frunk (sprich: „Frank“) genannt. Wenn man auf dem Bildschirm auf „Handschuhfach“ tippt, öffnet sich unter ihm eine kleine Klappe, in die mal eben die namensgebenden Kleidungsstücke passen. Die elektrische Hecklappe braucht knappe fünf Sekunden, wenn man am Bildschirm auf das entsprechende Feld drückt. Durch reinen Zufall entdeckten wir sehr spät, dass man sie doch von außen durch einen gut getarnten schwarzen kleinen Knopf öffnen kann. Das würde in jeder Quizsendung den Kandidaten rauswerfen. In der Plus-Ausstattung unseres Testwagens, die gegenüber dem Grundmodell 4.100 Euro Mehrpreis erfordert, sind außer der elektrischen Heckklappe ein variabler Ladeboden, eine Klimaautomatik und zur reichen Zahl von Anfang an zusätzliche elektronische Fahrhilfen eingebaut.
Autogramm
Volvo EX30 Single Motor Plus
Typ: Kompakt-SUV; Preis: 42.790 Euro; Länge: 4,23 Meter; Breite: 1,84 Meter; Höhe: 1,55 Meter; Radstand: 2,65 Meter; Leergewicht: 1.840 Kilogramm; Zuladung: 370 Kilogramm; Kofferraum: 318 + 7 Liter; Sitze: fünf; Antrieb: E-Motor 272 PS/200 kW, Drehmoment: 343 Newtonmeter; Spitze: 180 km/h (abgeregelt); 0 auf 100 km/h: 5,7 Sekunden; Batterietyp: Lithium-Ionen-Akku; Batteriekapazität: 49 Kilowattstunden (kWh); Ladeleistung: bis zu 134 kW; Reichweite (WLTP): 339 Kilometer; Reichweite im Test: 262 – 315 Kilometer; Stromverbrauch (WLTP): 17,1 kWh/100 Kilometer; entsprechender CO2-Ausstoß (deutscher Strommix 2024: 298 g/kWh): 51,9 Gramm/Kilometer; Testverbrauch: 13,7 kWh/100 Kilometer.

