Unzerstörbar und unbesiegbar?

Spätestens, seit er in der britischen Fernsehsendung „Top Gear“ nach allen möglichen Zerstörungsversuchen einschließlich einem Meerwasserbad bei Flut wieder ansprang, gilt der Toyota Hilux als rollende Legende. Weniger ruhmreich machte ihn die häufige Nutzung bei islamistischen Milizen. In Deutschland ist er ganz zivil aktuell zu Preisen ab 46.386 Euro zu haben.

Von Bernd-Wilfried Kießler

Was ist das für ein Auto? Der zeitweise recht bunte deutsche Markt der offenen Lieferwagen ist kräftig geschrumpft: Jeep Gladiator – seit 20XX nicht mehr lieferbar, Nissan Navara – 2022 eingestellt, mit ihm die technischen Abkömmlinge Mercedes X-Klasse und Renault Alaskan, Mitsubishi L200 – ebenfalls verschwunden und in seinem Windschatten der Fiat Fullback. Peugeot bietet seinen Landtrek in Europa gar nicht erst an. Der aktuelle VW Amarok ist eine Blaupause des Ford Ranger. Zu dem gesellen sich eher exotische Modelle wie Ineos Quartermaster, KGM (ex-Ssangyong) Muso und Isuzu D-Max mit überschaubaren Händlernetzen. Da bildet der Toyota Hilux so etwas wie einen Fels in der Brandung des schäumenden Pick-up-Marktes. Der wird bei uns von Doppelkabinen mit Allradantrieb beherrscht, Zweisitzer und Ausführungen mit einer 2+2-Kabine haben zwar größere Ladeflächen. Aber im meist beruflichen Einsatz wird der Doka-Fünfsitzer bevorzugt, unter dessen Haube neben schüchternen Elektro-Versuchen von KGM und Maxus in aller Regel durchzugskräftige Dieselmotoren arbeiten. Nach diesem Muster ist auch der Hilux gebaut.

Wie fühlt man sich in diesem Auto? Mit einem Wort: erhaben. Mit 5,33 Meter Länge und einem Leergewicht von beinahe zweieinhalb Tonnen werden Erinnerungen an ein Schiff wahr, wozu auch das sonor-gedämpfte Tuckern des Dieselmotors beiträgt. Um den Dampfer in Bewegung zu setzen, muss zunächst die Kommandobrücke erklommen werden, deren Boden sich in 58 Zentimeter Höhe über der Wasseroberfläche, pardon: über der Straße befindet. Die schmalen Trittbretter machen den Einstieg eher komplizierter, mehr helfen die stabilen Griffe an den vorderen und mittleren Dachsäulen. In der Kabine gibt es kaum historische Erinnerungen, wenn man vom Handbremshebel zwischen den Vordersitzen absieht. Man sitzt in einem zeitgemäßen Pkw, startet schlüssellos, steuert einiges per Bildschirm, vieles andere sinnvollerweise per Schalter. Denn wenn’s denn ins Gelände ginge, wozu einen der Allradantrieb samt Differenzialsperre befähigt, würde man in Fahrt allzu häufig danebentippen. Zu den Sitzen aus strapazierfähigem Leder wollen die Zierelemente in schwarzem Klavierlack nicht so recht passen, obwohl man in unseren Testwagen in Invincible-Ausstattung („unbesiegbar“) ein konzertsaalreifes Beschallungssystem eingebaut hat.

Was für einen Antrieb hat das Auto? Toyota hat den 2,8-Liter-Dieselmotor mit einem elektrischen Starter-Generator versehen, der die starke Maschine beim Anfahren und Beschleunigen unterstützt. Nun bedürfen weder die Leistung mit 204 PS/150 kW noch die bulligen 500 Newtonmeter Drehmoment unbedingt einer Steigerung. Der Sinn der Hilfe durch Strom besteht in der Verbrauchsminderung. In der Tat ist das kein Luxus angesichts der Tatsache, dass sich hier eine Art Schrank mit einer beinahe quadratischen Stirnfläche (Breite: 1,90 Meter, Höhe: 1,87 Meter) durch den Fahrwind kämpft. Auf dem Papier hat der Mildhybrid eine Verminderung des WLTP-Verbrauchs von 10,5 auf glatte zehn Liter bewirkt. Wir ermittelten am Ende des Tests einen Durchschnittsverbrauch von 9,9 Liter Dieselkraftstoff und lagen damit 0,1 Liter unter dem Normwert. Die Kraftübertragung übernimmt eine klassische Sechsstufen-Automatik. Angetrieben werden im Normalfall die Hinterräder an einer Starrachse, was mit leerer Ladefläche auf rutschigem Untergrund schnell zum Durchdrehen führen kann. Etwas versteckt im unteren Bereich der Armaturentafel kann der Vorderradantrieb zugeschaltet werden, außerdem die Geländeuntersetzung, umgangssprachlich auch Kriechgang genannt, sowie die Differenzialsperre für die Hinterräder. Außerdem liegt hier ein pfiffiger Doppelschalter für die vorderen Sitzheizungen rechts und links.

Was bietet dieses Auto? Außer den genannten Einrichtungen für Ausflüge abseits des Asphalts ist auch eine Bergabfahrhilfe an Bord. Auf festen Straßen nutzen Spurhalter und adaptiver Tempomat. Die LED-Scheinwerfer werden bei entsprechendem Wetter von Nebelleuchten unterstützt. Mit 18 Zoll ist die Radgröße eher bescheiden, was den tieferen Sinn hat, dass sich die Radhäuser im Schlamm nicht so schnell zusetzen. Erwähnenswert, weil eher selten: In der Invincible-Ausstattung können auch die Sitze in der zweiten Reihe elektrisch erwärmt werden.

Mit einem Pick-up erwirbt man hinter der Kabine für Menschen auch eine offene Ladefläche. Die misst 1,53 mal 1,54 Meter und ist mit kratzfestem Kunststoff ausgekleidet, der recht glatt ist, so dass sich Lasten wie etwa Getränkekästen leicht verschieben lassen. Das ist beim Laden praktisch, während der Fahrt aber unerwünscht, so dass die vier Zurrösen zur Sicherung genutzt werden müssen. Das Erklimmen der Fläche in 89 Zentimeter über dem Erdboden wird durch eine Trittstufe über dem hinteren Kennzeichen erleichtert, die allerdings nur zugänglich ist, wenn die rückwärtige Ladewand in 1,34 Meter Höhe geschlossen ist. Etwas Akrobatik ist also notwendig.

Unterwegs: Dass der Hilux als Geländekraxler taugt, ist ebenso unstrittig wie die Tatsache, dass er in Mitteleuropa vor allem auf festen Fahrbahnen unterwegs ist. Mit einer Bodenfreiheit von 31 Zentimeter kann kein Fahrzeug wie das buchstäbliche Brett auf dem Asphalt liegen, zumal auch die Achsverschränkung auf rauem Untergrund berücksichtigt werden muss. Um leer mit den langen Federwegen nicht allzu schwammig zu wirken, wird bei Pressevorstellungen offener Lieferwagen mit angetriebener Hinterachse oft Ballast auf der Ladefläche gestaut, um die Straßenlage zu verbessern. Wir haben das unmittelbare Fahrgefühl im Toyota Hilux mit und ohne Ladung genossen.

Autogramm

Toyota Hilux 2.8 D4D 4×4 Double Cab Invincible
Preis: 61.478 Euro; Länge: 5,33 Meter; Breite:1,90 Meter; Höhe: 1,87 Meter; Radstand: 3,09 Meter; Leergewicht: 2 435 Kilogramm; Zuladung: 775 Kilogramm; Ladefläche: 1,53 mal 1,54 Meter; Anhängelast: 3 500 Kilogramm; Sitze: fünf; Wattiefe: 70 Zentimeter; Tankinhalt: 80 Liter; Motor: Diesel-Vierzylinder; Hubraum: 2.755 Kubikzentimeter; Systemleistung mit E-Motor: 204 PS/150 kW bei 3400 U/min; Drehmoment: 500 Newtonmeter bei 1600-2800 U/min; Getriebe: Sechsstufen-Automatik; Spitze: 175 km/h; 0 auf 100 km/h: 10,0 Sekunden; Normverbrauch (WLTP): 10,0 Liter Diesel, CO2-Ausstoß: 264 Gramm/km, Testverbrauch: 9,9 Liter.       

                


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