Mit zehn Sekunden Extraschub

Mit der vollelektrischen A390 will Alpine an die legendäre Renault Alpine A110 aus den 1960er Jahren anknüpfen. Das Modell war mit weniger als 800 Kilogramm Gesamtgewicht extrem leicht und für sein quirliges Fahrwerk bekannt. Es gewann die Rallye-Europameisterschaft 1971 und die Rallye-Weltmeisterschaft 1973. Ist es gelungen, mit einem fünfsitziges SUV-Coupé den Geist der Alpine A110 in unsere Zeit zu holen?

Von Bernd-Wilfried Kießler

Außen. Von vorn wirkt die Alpine A390 wohlproportioniert, keineswegs bullig. Die 1,53 Meter Höhe merkt man ihm nicht an. Links und rechts vor den Rädern gibt es Lufteinlässe, um so genannte Air Curtains zu erzeugen: Bei höheren Geschwindigkeiten legt sich ein Luftpolster um die Räder und senkt deren Luftwiderstand. Hinten fällt ein Spoiler auf, der in die Heckscheibe integriert ist. Die vorderen Türgriffe sind versenkt, hinten verstecken sie sich im oberen Teil der Scheibe. Mit diesen und anderen Maßnahmen wird ein Luftwiderstandsbeiwert von 0,26 erreicht.

Innen. Einmal Platz genommen in der reich belederten Kabine findet man schnell seine Sitzposition, die für beide Vordersitze speicherbar ist. Auf den beiden 12-Zoll-Bildschirmen lassen sich wie heutzutage üblich eine Fülle von Funktionen einstellen und gut ablesen, auch bei starker Sonneneinstrahlung. Wichtiges kann durch Knöpfe bedient werden. Besonders gefallen hat uns der frei programmierbare Schaltknopf gleich links neben der Tür, der den Fahrgastraum von jeglichem Geklingel und Gepiepse befreit, wenn er zweimal gedrückt wird – zumindest bis zum nächsten Startvorgang. Links und rechts am Lenkrad befinden sich zwei große Drehschalter. Blau regelt, wie stark der Wagen in vier Stufen rekuperiert. Rot ermöglicht einen 10-Sekunden-Extraschub, etwa für einen Überholvorgang. Die Menüs lassen sich weitgehend intuitiv durchblättern. Zugegeben, den Rückstellbefehl für den Verbrauch und die Tageswerte haben wir nicht auf Anhieb gefunden; ansonsten gab es nicht viel zu meckern.

Auch die Akustik-Ingenieure haben ihre Arbeit gut erledigt. Dem oft hochfrequenten Elektromotor hat man akustisch die Spitzen genommen, so dass er mit einem leichten Brummton angenehmer klingt. Der wiederum ist vom Motorgeräusch der ursprünglichen Alpine A110 beeinflusst. Allerdings gibt keinen künstlichen Verbrennungsmotor-Sound, sondern ein Klangbild, das eine Erinnerung an damals sein soll. Die einzelnen Fahrgeräusche lassen sich außerdem in ihrer Lautstärke regulieren. Bei all dem ist der Wagen gut geräuschgedämmt – erstaunlich, was heute auf dem Gebiet der Akustik alles möglich ist.

In Sachen Navigation hat man sich für Google Maps entschieden. Daten des Wagens wie Ladezustand und aktueller Verbrauch gehen in die Routenberechnung ein. Die Ladeleistung ist mit 29 Minuten am Gleichstrom-Schnellader von 15 auf 80% eher Mittelmaß. Wechselstrom kann mit 22 Kilowatt geladen werden. Die A 390  kann auch bi-direktional laden, ist also in der Lage, ins Netz einzuspeisen oder andere Verbraucher mit Wechselstrom zu beliefern.

Antrieb. Vorne gibt es einen Elektromotor, hinten deren zwei. Um das massive Drehmoment von 824 Newtonmeter ausgeglichen auf Vorder- und Hinterachse zu verteilen, kommt das Alpine Torque Pre Control System zum Einsatz. Um darüber hinaus die beiden hinteren Motoren in ihrer Leistung anzugleichen, wurde das Active Torque Vectoring entwickelt. Dadurch wird das notwendige Drehmoment je nach Fahrsituation immer ans richtige Rad verteilt, worauf man bei Alpine besonders stolz ist. Weitere elektronische Feinheiten: In den Fahrprogrammen Normal, Sport und Track soll die Steuerung Lastwechsel minimieren; mit Track sind sogar Drifts möglich, ohne dass man gegenlenken muss.

Testfahrt. Bei einem ausgiebigen Test über 250 Kilometer konnten wir überprüfen, inwieweit die Ziele der Entwickler in der Praxis nachvollziehbar sind. Die Beschleunigung ist zunächst einmal enorm, selbst aus mittleren Geschwindigkeiten heraus. Die ersten Kurven sorgen dann aber für eine leichte Enttäuschung: In schnellen Wechselkurven wankt der Wagen. Enge Kurvenradien können dank des gut übersetzten Lenkrads zielgenau gefahren werden, beim Abbremsen wirkt die Reaktion etwas verzögert. Man merkt eben doch, dass wir nicht in einer 800 Kilogramm leichten Alpine A110 sitzen, sondern in einem über 2100 Kilogramm schweren SUV. Dafür macht die Alpine A390 ihre Sache mehr als ordentlich.

Fährt man zügig auf der Landstraße, ist der Wagen kaum aus der Ruhe zu bringen. Durch die unterschiedliche Steuerung der drei Motoren sind mal die Vorderräder mehr am Vortrieb beteiligt, mal die Hinterräder. Das ergibt in den Fahreinstellungen Sport und Track einen durchaus überzeugenden Auftritt. Auf einem abgesperrten Parkplatz konnten wir tatsächlich ins Driften kommen. Eine etwas stärkere Dämpfung wäre jedoch wünschenswert. In der Stufe Save wird nur weniger Leistung abgefordert und die Rekuperation ausgeschaltet. Die Stufe Normal entspricht einer komfortablen Toureneinstellung. In einer weiteren Einstellung sind die Eigenschaften frei kombinierbar. Leider bleibt die Dämpfereinstellung bei den einzelnen Fahrstufen gleich.

Verbrauch. Sicherlich steht der Verbrauch nicht unbedingt im Vordergrund bei einem Wagen, dessen Eigenschaften an die Ikone A110 erinnern sollen. Man kann sich die A390 aber genauso gut als schnellen Crossover für Familien vorstellen – hier spielt der Verbrauch dann eben doch eine Rolle. Bei flotter Fahrweise mit 21 Zoll großer Bereifung reicht der Batterievorrat bei 20 Grad Außentemperatur für etwa 350 Kilometer. Fährt man auf 20 Zoll gemütlich durch Stadt und Land und belässt es bei 120 Stundenkilometern auf der Autobahn, beträgt die Reichweite etwa 450 km. Das sagte uns zumindest der Bordcomputer voraus.

Fazit. Den Geist der Ikone A110 haben wir im flotten Fünfsitzer tatsächlich erlebt, man kann den Wagen treiben, allerdings durch Gewicht und Dämpfung gezügelt. Letztendlich ist die Alpine A390 ein zügig zu bewegendes SUV-Coupé mit Platz und Komfort, das auch kleine Ausflüge in den Grenzbereich zulässt. Das ist auf deutschen Straßen allerdings nur schwer vorstellbar. In Deutschland müssen wir uns ohnehin noch etwas gedulden. Anfang 2026 soll der Wagen verfügbar sein. Konfigurieren und bestellen kann man ihn aber schon jetzt.

Autogramm

Alpine A390 GT

Typ: SUV-Coupé; Preis: 67.500 Euro; Länge: 4,62 Meter; Breite: 1,89 Meter; Höhe: 1,44 Meter; Radstand: 2,71 Meter; Leergewicht: 2124 Kilogramm; Kofferraum: 532 Liter; Anhängelast: 1350 Kilogramm; Sitze: fünf; Batterie: Lithium -Ionen; Batteriekapazität: 89 Kilowattstunden netto; Systemleistung: 400 PS/295 kW; Drehmoment: 661 Newtonmeter; Beschleunigung 0 auf 100 km/h: 4,8 Sekunden; Spitze: 200 km/h (abgeregelt) ;Reichweite (WLTP): 551/498 Kilometer (20“/21“ Räder); Normverbrauch (WLTP): 18,7/20,4 Kilowattstunden auf 100 Kilometer (20“/21“ Räder).


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