Über sechs Grenzen an einem Tag

Nach zweieinhalb Jahren hat Hyundai an seiner vollelektrischen Ioniq 6-Limousine eine erste Modellpflege vorgenommen und diesen Anlass zu einer grenzüberschreitenden Fernfahrt genutzt.

Von Bernd-Wilfried Kießler

Früh am Morgen in der Tiefgarage eines Hotels in Krakau – beziehungsweise Kraków, wie es hier in Polen heißt: Vier brandneue modellgepflegte Hyundai Ioniq 6 stehen voll aufgeladen bereit. Elegant ducken sich die knapp fünf Meter langen Limousinen unter den zu erwartenden Fahrtwind. Es braucht schon ein Vergleichsfoto, um die Unterschiede zum Vorgänger zu entdecken. Am auffälligsten ist die neu gestaltete Bugpartie, wo sich die Scheinwerfer in zwei schmalen Reihen von je vier mal vier LED-Lichtern verwandelt haben. Die Pressemitteilung will uns gar die Ähnlichkeit zu einem Haifisch einflüstern.

Innen. Wir lassen uns lieber von den weit öffnenden Türen in einen großzügigen und klar gestalteten Innenraum bitten, nehmen auf bequemen Vordersitzen Platz, die sich, das sei vorweggenommen, als ausgesprochen angenehm über die langen Stunden an diesem Tag erweisen. Auf den ersten Blick gelungen ist die Weiterentwicklung im Innenraum vor allem durch eine große Zahl von Drucktasten, so dass nun viele Funktionen – etwa im Bereich der Belüftung bis hin zur Sitzheizung –  per Knopfdruck bedient werden können: ein wichtiger Beitrag zur Entlastung von Fahrerin oder Fahrer, wie wir am Abend nach 850 Kilometer Fahrt festhalten können.

Abfahrt. Nun aber los – schließlich warten nicht nur sechs Grenzübergänge auf uns, sondern auch eine Mittagsrast am Neusiedlersee, ein Abendessen in Zagreb sowie eine noch zu ermittelnde Zahl von Ladestopps. Aus dem winterlich verschneiten Krakau geht es alsbald auf die bestens ausgebaute Autobahn in Richtung Tschechien, das alles in nasskaltem Grau, wie wir es vom November kennen, ohne es zu lieben. Doch dann sind wir lange genug Autobahn gefahren und biegen ins Mährisch-Schlesische Beskiden-Gebirge ab, eines der bedeutendsten Wintersportgebiete Tschechiens.

Im Schnee. Hinter Frýdlant nad Ostravicí (deutsch: Friedland an der Ostrawitza) fahren wir über die Schnellstraße R 56 auf fester Schneedecke, abgestreut mit grobem Split, und erfreuen uns an der unbeirrt sicheren Fahrt. Denn unser Ioniq 6 ist eine der Ausführungen mit Allradantrieb. Sanft, kaum spürbar, greifen die elektronischen Fahrhilfen ein und vermitteln so selbst bei angepasster zügiger Fahrt ein wohltuendes Gefühl der Sicherheit. Eine schmucke Holzkapelle als Fotohintergrund will durch tieferen Schnee angefahren werden – auch das gelingt tiefenentspannt. Noch laufen die Lifte nicht, aber es scheint, als könne es schon morgen in einem der malerischen Dörfer mit dem Skifahren losgehen. Wir hätten noch stundenlang durch dieses malerische Winter-Wunderland fahren können, doch bald hinter Staré Hamry (Althammer) kommt der Grenzübergang in die Slowakei, und mit dem Schnee ist es vorbei.

Aufladen. Jetzt haben wir es eilig, aber die knapp 500 Kilometer von der Abfahrt in Krakau bis zur Mittagspause im österreichischen Pandorf unweit des Neusiedlersees sind bei winterlichen Temperaturen, denen wir uns mit voll aufgedrehter Sitzheizung entziehen, nicht in einem Zug zu schaffen, die nach WLTP angebenen 680 Kilometer Reichweite sind reines Wunschdenken – jedenfalls um diese Jahreszeit: Wir müssen noch in der Slowakei eine Ladestation von Ionity anfahren. Dieses Unternehmen bietet in 24 Ländern Europas entlang der Autobahnen ein Hochleistungs-Ladenetz an und ist vor allem im Osten des Kontinents gut vertreten. Bis zur Mittagspause sind es von hier nur noch 160 Kilometer, und um diese Reichweite aufzuladen, dauert es an der Schnellladestation nur einige Minuten. Denn mit seinem 800-Volt-Bordnetz erreicht der Ioniq 6 in der Spitze eine Ladeleistung von 260 kW, wie wir verfolgen können. So soll es in 18 Minuten von 10 % auf 80 % Akkuladung gehen.

Windschnittig. Wir nutzen die Pause und setzen uns in die hintere Reihe: Der Platz ist reichlich bemessen, der Kofferraum mit rund 400 Litern hingegen klassenüblich. Die versenkten Türgriffe, die sich schon auf einen leichten Fingerdruck ausklappen lassen, verbergen ein klassisches Türschloss, sollte einmal der Strom ausgehen. Die gestreckte coupéhafte Form mit kaum erkennbaren Karosseriefugen sorgt für den außerordentlich niedrigen Luftwiderstandsbeiwert von 0,21, der erheblich zum geringen Verbrauch beiträgt. Apropos: Auf dem Autobahnstück bis zur Mittagspause sinkt bei Geschwindigkeiten um die 130 km/h die Reichweite zügig. Die Windgeräusche von den Außenspiegeln her lassen darauf schließen, dass flottere Fahrt nicht ganz oben im Lastenheft der Konstrukteure stand.

In die Nacht hinein. Für die verbliebenen 360 Kilometer bis nach Zagreb ist dann kein weiterer Ladestopp erforderlich, denn wir sind nach der Mittagspause mit fast 100 Prozent Akkuladung losgekommen und fahren viel über Landstraßen mit höchstens 90 km/h.  So werden es bald fünf Stunden Nachtfahrt durch die Dunkelheit, bis wir im Zweierteam durch Ungarn und Slowenien am Ende Kroatiens Hauptstadt Zagreb erreichen, und das bei ordentlich Lastwagenverkehr und oft feuchter Straße. Leider schaltte die Abblend-Automatik erst mit Verzögerung wieder auf Fernlicht. All das bedarf hoher Konzentration beim Fahren, und hier kommt eine bemerkenswerte Eigenschaft des Ioniq 6 zum Tragen: Die Fahrerentlastung ist sehr gut, sprich: Selbst nach so langer Fahrt sind wir nicht erschöpft. Das komfortable Fahrverhalten, ebensolche Sitze und die nunmehr klare Bedienbarkeit ohne Ablenkung –  viele Tasten und Knöpfe anstelle von Irrwegen im Bildschirmmenü des Vormodells – summieren sich zu einer herausragenden Langstreckentauglichkeit. So bekommt die lange Fahrt durch sieben Länder ihren tieferen Sinn – Landstrecken mit einem E-Auto können durchaus ein entspanntes Fahrerlebnis bieten.


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