An der Spitze der Käufergunst

Warum hüpft das Herz beim Einstieg in einen Alfa gleich etwas mehr als üblich? Vermutlich bleibt mit dieser Marke bis in alle Ewigkeit die sprichwörtliche italienische Auto-Leidenschaft verbunden. Da klingt auch schon der Junior-Zusatz Ibrida nach einem Tick mehr Leistung als es die hierzulande verwendete Bezeichnung Hybrid zu vermitteln mag. Also, auf geht’s im Benziner mit kleinem Elektromotor als Helfer!   

Von Gundel Jacobi

Was ist das für ein Auto? Wenn man mal von den wallenden Emotionen absieht und mit etwas Distanz einen Blick auf den Einstiegs-Alfa wirft, sieht man sofort, dass der Junior eine Art Mini-SUV ist – geht mit einer Länge von 4,17 Meter als Kompakter in Ordnung. Natürlich ist er am berühmten Scudetto-Kühlergrill zu erkennen – nicht nur von bekennenden Alfisti. In der TI-Ausstattung ist der „kleine Schild“ in mattem Schwarz ausgelegt, auf ihm prangt ausgeschrieben der gesamte Markenname Alfa Romeo: So viel Platz muss sein! Die zum Heck extrem hochgezogene Gürtellinie samt breiter hinterer Dachsäulen erhöht möglicherweise einen gewissen Wiedererkennungswert. Von innen betrachtet animiert dies ab und an zu gemäßigten Flüchen: Die Sicht nach schräg hinten ist geradezu unmöglich – wohl dem, der eine 180-Grad-Rückfahrkamera dazu gebucht hat. Die verdunkelten Scheiben von der mittleren Dachsäule an nach hinten plus dunkle Jahreszeit lassen ein stetes Vorwärtsstreben als sinnvoll erachten. Übrigens setzte sich das matte Schwarz bei Stoßfängern, Seitenschwellern und Radkästen fort. Wir finden, eine zweite Schokoladenseite zusätzlich zum Bug zeigt sich am Heck: Ungewöhnlich wirkt das dort über die gesamte Breite wulstig gebogene Leuchtenband. Es macht sich ausnehmend gut entlang der ansonsten mehrheitlich glatten Flächen. Nicht verschweigen wollen wir die Abgasanlage mit Doppelendrohr – Ehrensache bei einem Alfa.  

Wie fühlt man sich in dem Auto? Zunächst einmal geht’s kuschelig zu im Junior, ob vorne oder hinten: Zwei Erwachsene hintereinander werden auf längeren Strecken sicher nicht die Regel sein. Der Kofferraum ist mit 415 Liter von mittlerer Größe und über eine 78 Zentimeter hohe Ladekante eben zu befüllen. Idealerweise lässt sich der Ladeboden auch in unterschiedlichen Höhen fixieren. Im Cockpit kann man sich gut zurechtfinden, die zur Verfügung stehenden Flächen wirken nicht überladen. Wie sagt man mitunter schulterzuckend: Irgendwas ist immer! Beim Junior ist es der an sich gestochen scharfe Monitor in der Armaturentafelmitte, den man über berührungsempfindliche und logisch angeordnete  Felder fein bedienen könnte. Aber er sitzt definitiv zu niedrig. Der Blick nach unten ist unausweichlich, und da werden wir immer mäkeliger. Die Erkenntnisse sind nämlich nicht neu, dass ein zu langes Verharren abseits der Fahrtrichtung nach vorn einfach daneben ist, was die Sicherheit betrifft. Also bitte: In der nächsten Generation möge der Junior seine Lüftungsdüsen weiter unten in Gang setzen, um den Bildschirm blickgünstig nach oben rutschen zu lassen. Eine Leiste unter dem Monitor führt ein paar Direktwahlmöglichkeiten für wesentliche Klimabedienung und einen Lautstärkeregler auf. Schade, dass sie ziemlich winzig, nicht beleuchtet und somit schwer zuzuordnen sind. Motorstart-Stoppknopf, Fahrprogrammschalter und die kleinteilige 08/15-Stellantis-Kulisse für den Fahrtrichtungshebel sind intuitiv zu betätigen. Am besten gefällt uns die farblich abgehobene Rotlichtzone auf den Stoff-Kunstledersitzen und ein Hauch dieses Ambientelichts hinterm Lenkrad an den Rundinstrumenten.     

Welchen Antrieb hat das Auto? Nun kann es sich bei einem mildhybriden 1,2-Liter-Dreizylindermotor nicht um eine röhrende Alfa-Rennmaschine handeln. Soviel ist schon mal klar. Daher muss man sich gar nicht an der zugegebenermaßen eher der Vergangenheit zuzuordnenden Alfa-Tausendsassa-Sprint-Genetik abarbeiten. Es sind eben andere Zeiten, in denen wir uns bewegen. Obendrein trägt der Junior nicht zufällig den Namen des jüngsten Sprösslings und kleinsten Bruders. Und oho: Mit rund 4000 Verkäufen im vergangenen Jahr steht er hierzulande an der Spitze der Alfa-Käufergunst. Mit anderen Worten: Die Kombination aus Benziner und E-Motor, die eine Systemleistung von 145 PS/107 kW ermöglicht, trifft den Nerv vernunftbetonter Alfisti – ein Widerspruch in sich? Uns hat es jedenfalls Vergnügen bereitet, die Scudetto-Nase in den Wind zu stellen, angemessenen Schrittes durch Ballungsgebiete zu traben, das leichte Schnattern von drei Zylindern lächelnd wahrzunehmen. Wenn uns zwischendurch mal der Hafer ein wenig gestochen hat, drückten wir beherzt auf die Tube, wechselten in den individuellen Fahrprogramm-Modus Dynamic, nützten gar die Schaltwippen hinterm Lenkrad und brachten den Junior auf gemäßigten Zack. Automatisch spannten wir die Muskeln an, wenn es über holprigeren Asphalt ging. Aber erstaunlicherweise hat sich auch das Fahrwerk an die veränderte Leidenschaft angeglichen: Richtig straff ist anders. Wem das alles nicht gefällt, sollte die Hände vom Junior lassen. Uns hat’s gefallen, lässig mit dem Alfa-Emblem durch die Lande zu fahren – und bei den meisten Mitmenschen funktioniert es auch, dass sie auf die rechte Spur ausweichen, wenn sie dieses Alfa-Gesicht im Rückspiegel wahrnehmen.     

Was kostet das Auto? In der Basis kommt der Alfa Junior Ibrida auf 30.450 Euro – mit Vorderradantrieb. Vier Ausstattungen stehen zur Wahl, wir sind wie beschrieben in der zweithöchsten mit den traditionellen großen Kennbuchstaben TI gefahren, die ab 33.450 Euro in der Preisliste steht. Wer ihn mit derselben Motorisierung mit Allradantrieb bewegen möchte, ist ab 34.950 Euro dabei. Für Elektrofreunde kommt der Junior in zwei E-Leistungsstufen in Frage: frontgetrieben mit 156 PS/115 kW ab 39.500 Euro oder als Allradler mit 280 PS/207 kW ab 48.500 Euro.

Autogramm

Alfa Romeo Junior Ibrida TI

Typ: Kompakt-SUV; Preis: 33.450 Euro; Länge: 4,17 Meter; Breite: 1,78 Meter; Höhe: 1,53 Meter; Radstand: 2,56 Meter; Leergewicht: 1305 Kilogramm; Zuladung: 485 Kilogramm; Kofferraum: 415-1280 Liter; Sitze: fünf; Tankinhalt: 44 Liter; Motor:  Otto-Dreizylinder; Hubraum: 1199 Kubikzentimeter; Leistung: 136 PS/100 kW; E-Motor: 29 PS/21 kW; Systemleistung: 145 PS/107 kW; Drehmoment: 230 Newtonmeter bei 1500 U/min; Getriebe: Sechsstufen-Doppelkupplung; Spitze: 200 km/h; 0 auf 100 km/h: 8,9 Sekunden; Normverbrauch: 4,8 Liter Super, CO2-Ausstoß: 109 Gramm/km, Testverbrauch: 6,1 Liter.


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