Vollhybrid mit dieselähnlichem Verbrauch

Er ist der Größte im Dacia-Programm und mit großzügigen Platzverhältnissen als Mildhybrid oder Vollhybrid zu bestellen. Letzteren haben wir getestet und konnten uns an der Reichweite von rund 800 Kilometer mit einer Tankfüllung erfreuen.

Von Gundel Jacobi

Was ist das für ein Auto? Beim Bigster scheint der Name Programm zu sein. Er wirkt voluminös, obwohl er gar keine extremen Abmessungen hat. Denn mit einer Außenlänge von 4,57 Meter ist er beispielsweise sogar gut zehn Zentimeter kürzer als einer seiner Mitbewerber, der Mazda CX-5. Vermutlich liegt dieser Eindruck daran, dass man seit Jahren den Anblick seines kleineren Bruders Duster gewöhnt ist – und sich der Bigster im Gegensatz zu jenem 23 Zentimeter mehr in die Länge streckt. Auf jeden Fall ist er ein Schaffer. Deshalb haben ihm die Sounddesigner wohl auch ein ebenso absonderliches wie sympathisches Geräusch mit auf den Lebensweg gegeben: Jedes Mal, wenn man sich vom Bigster entfernt und er sich automatisch abschließt, ertönt ein Geräusch, das sich wie ein tiefempfundenes „Ufffff!“ anhört. Also nach dem Motto: „Geschafft für heute!“ Genug der Vermenschlichung.

Wie fühlt man sich in diesem Auto? Mit seinem bulligen, SUV-typisch hoch bauenden Bug, rundum kunststoffummantelt und mit 19-Zoll-Reifen ausgestattet fühlt man sich in ihm auch aufgrund der hohen Sitzposition gut aufgehoben auf langen Strecken – mit gewissen Abstrichen der etwas weichen Polsterung. In engeren Gassen oder bei der Parkplatzsuche wendet sich das Blatt ein wenig. Selbst wenn man bei Einpark- oder Wendemanövern die Ruhe behält und dann vor allem die 360-Grad-Kamera sehr zu schätzen weiß, kommt doch jedes Mal der Wunsch auf, dass die Warntöne nicht gar so laut und aufgeregt schallen, zumal noch genügend Spielraum bis zum Hindernis vorhanden ist und auch ausgenutzt werden muss. Das ist im Alltag echt nervig – und ganz abstellen will man so etwas ja auf gar keinen Fall.

Die Passagiere im Fond sind fein untergebracht: Da hat es genügend Platz in alle Richtungen. Für flexibles Laden gibt es die Möglichkeit, die drei Rücksitzlehnen einzeln umzuklappen, entweder mit einer Schlaufe direkt am Sitz oder von hinten aus dem Gepäckraum per Fernentriegelung. Solche Komfortmerkmale wären früher bei Dacia undenkbar gewesen – heute gehören sie ganz selbstverständlich dazu. Schade, dass sich die Rückbank nicht verschieben lässt: eventuell ein kleiner Verbesserungsvorschlag für die nächste Generation. Apropos Kofferraum: Je nach Motorisierung bewegt sich dessen Größe unter der Abdeckung zwischen großzügigen 546 Liter (Vollhybrid) und 667 Liter (Mildhybrid); maximal stehen demnach bei umgeklappten Lehnen zwischen 1851 Liter und 1937 Liter bis unters Dach bereit. Dies sollte man bei der Wahl der Motorisierung nicht außer Acht lassen. Prinzipiell stehen 2,70 Meter Ladelänge zur Verfügung – das ist eben der Bigster! Beim Sprudelkastenversuch mit fünf leeren Kästen ging es mit etwas Muskelkraft zumutbar über die 75 Zentimeter hohe Ladekante; sie gefüllt hinein zu wuchten, fühlt sich das dann völlig anders an.

Welchen Antrieb hat das Auto? Unter der Motorhaube des frontgetriebenen Vollhybrid-Bigster arbeitet ein 109 PS/80 kW starker 1,8-Liter-Benziner mit vier Zylindern. Das hört sich nicht nach besonders viel Leistung an. Aber es kommt ein kleiner Elektromotor mit 49 PS/36 kW hinzu, sodass man summa summarum 158 Pferdestärken abrufen kann. Vornehmlich durch Bremsenergie-Rückführung gelingt es, die kleine 1,4-kWh-Batterie während der Fahrt aufzuladen. Auf der anderen Seite sind kleinere Entfernungen in städtischem Gebiet in geringer Geschwindigkeit elektrisch zurückzulegen – das ist eben der Charme eines Vollhybridlers. Dacia spricht vollmundig von an die 80 Prozent. Tatsächlich ist es doch erstaunlich häufig, dass man auf dem Bordcomputer immer wieder das „EV“ für ausschließlich elektrisches Fahren aufleuchten sieht. Sobald sich der Ottomotor zuschaltet, ist dies deutlich zu hören, was durchaus zum Charakter des Bigster passt. Über Land bis Tempo 120 ist die Geräuschkulisse ganz geschmeidig, sofern der Gasfuß entsprechend mit Gefühl agiert. Wenn man rasch beschleunigt oder starke Steigungen erklimmt, haben die Motoren merklich angestrengt zu tun, wobei sich der Strom-Akku rasch entleert. Aber auch hier können wir nichts wirklich Abgründiges vermerken. Das Fahrwerk ist manierlich mit einem gewissen Hang zur Straffheit abgestimmt.

Welchen Verbrauch hat dieses Auto? In Zeiten raumgreifender Reichweitendiskussionen dürfen wir beim Bigster eindeutig Entwarnung geben, auch wenn man Äpfel nicht mit Birnen vergleichen soll: Da er als Vollhybride nicht an die Steckdose muss, sondern entweder eigenständig Strom produziert oder eben den klassischen Benzin-Tankrüssel benötigt, kann man ihn nicht direkt an einem kompletten Elektriker messen, vielleicht eher an einem Diesel. Denn mit einem vollen 50-Liter-Tank haben wir ihn im ausgewogen gemischten Stadt-Land-Autobahnverkehr fast 800 Kilometer vorangebracht. Unser durchschnittlicher Testverbrauch lag dementsprechend bei 5,7 Liter Super. Wohlgemerkt: ohne ihn besonders zu schonen oder übermäßig zu triezen.  

Was bietet einem das Auto? Der Dacia Bigster steht ab 24.790 Euro in der Preisliste, aber nicht in der von uns gefahrenen Version, sondern mit 140 PS/103 kW leistendem dreizylindrigen 1,2-Liter-Motor und handgeschalteten sechs Gängen. Unser Vollhybrid-Testwagen mit 158 PS/116 kW und automatischem Multi-Mode-Getriebe in mittlerer Journey-Ausführung kostet ab 30.790 Euro und hat folgende Komfortmerkmale an Bord: Schlüsselkarte, berührungsempfindlicher Bildschirm mit Echtzeit-Navi, elektrische Heckklappe, verdunkelte Fensterscheiben ab Reihe zwei, adaptiver Tempomat, Verkehrszeichenerkennung, Spurhalteassistent, Fernlicht-Automatik, induktive Ladeschale für Mobiltelefone, Kühlfach in Mittelkonsole. In zusätzlichen Paketen kann man unter anderem Sitzheizung, Rundum-Kamera, Panorama-Glasschiebedach, Toter-Winkel-Warner und 19-Zoll-Reifen dazubestellen – wie gesagt: alles nicht selbstverständlich in einem Dacia vor noch gar nicht allzu langer Zeit.

Autogramm

Dacia Bigster Hybrid 155 Journey
Typ: SUV; Preis: 30.790 Euro; Länge: 4,57 Meter; Breite: 1,81 Meter; Höhe: 1,65 Meter; Radstand: 2,70 Meter; Leergewicht: 1487 Kilogramm; Zuladung: 453 Kilogramm; Kofferraum: 546-1851 Liter; Sitze: fünf; Tankinhalt: 50 Liter; Motor: Otto-Vierzylinder; Hubraum: 1789 Kubikzentimeter; Leistung: 109 PS/80 kW; E-Motor: 49 PS/36 kW; Systemleistung: 158 PS/116 kW; Drehmoment: 172 Newtonmeter bei 3000 U/min; Getriebe: Multi-Mode-Automatik; Spitze: 174 km/h; 0 auf 100 km/h: 9,7 Sekunden; Normverbrauch: 4,7 Liter Super, CO2-Ausstoß: 106 Gramm/km, Testverbrauch: 5,7 Lite


Beitrag veröffentlicht

in

,

von

Schlagwörter: