Eine Frage der Reichweite

Fünf Meter ist sie lang! Die neue Fließhecklimousine des schwedischen Autobauers im chinesischen Geely-Konzern rollt leise surrend heran – mit Leistungen zwischen 333 und 680 PS. Da muss niemand lange über Premiumanspruch diskutieren. Oder doch?

Von Gundel Jacobi

Thors Hammer hat seinen Stammplatz. Die Luft ist dünn in der Arena der hochklassigen Limousinen, vergleicht man sie mit dem Angebot entsprechender SUV-Modelle. So tummeln sich bei diesem traditionell wirkenden Wagentyp ein gutes halbes Dutzend kompletter Stromer mit Premiumanspruch – vom Audi A6 Sportback e-Tron über Mercedes EQE bis zum Xpeng P7. Im Prinzip könnte die Volvo ES90-Karosserie von nahezu jedem Hersteller stammen. Die coupéhafte Linie wirkt zweifellos elegant, hat aber außer dem Markenemblem und dem mittlerweile bekannten Thors-Hammer-Tagfahrlicht keine wesentlichen Volvo-Erkennungszeichen. Auffällig unauffällig ist die nahezu glattgebügelte Außenhaut.

Im Inneren herrscht aufgeräumte Klarheit. Das Cockpit ist geschmackvoll, wie man es von einem Volvo erwartet: reduziert eingesetzte Knöpfe und Tasten auf dem Lenkrad. Ansonsten wird auf dem hochkant an der Mittelkonsole platzierten Bildschirm gewischt und getippt oder per Sprachsteuerung Anweisung erteilt.

Wer in einem Volvo mit Spitzenanspruch sitzt, schaut besonders auf Details oder etwaige Schwächen, zum Beispiel, dass es weder vorne noch hinten oberhalb der Türen Haltegriffe gibt. Sind diese nützlichen Helfer wirklich aus der Mode gekommen? Wunderschön mutet indes eine sogar hintergrundbeleuchtete Holzdekor-Bahn entlang der Armaturentafel an – ohne protzig zu wirken. Der feine Sinn für skandinavisches Design ist bemerkenswert. Im Fond eröffnen sich unendliche Weiten vor allem für die Beinfreiheit – kein Wunder bei einem Radstand von 3,10 Meter: eine echte Chauffeurslimousine.

Sehr schicke und sehr flache Heckscheibe. Spürbar erhöht wegen der darunter angeordneten Batterien ist der Kabinenboden, was einerseits das Ein- und Aussteigen bequemer macht; andererseits sitzt man gerade hinten mit etwas angewinkelten Beinen auf dem Gestühl. Ein wenig mehr Oberschenkelauflage wäre dort womöglich hilfreich. Die drei Kopfstützen in der zweiten Reihe vermitteln absolute Sicherheit, sichtmäßig kollidieren sie jedoch ebenso wie die Köpfe von drei Mitreisenden im Fond mit der flachen Heckscheibe – da kann sich der Mensch am Steuer beim Rangieren nur auf die Rückfahrkamera konzentrieren. Bei den meisten Mitreisenden dürfte die hohe Gürtellinie hinten zu einem wohligen Sicherheitsgefühl sorgen. Der Kofferraum in Mittelmaß ist über die große Heckklappe perfekt zu beladen, sofern es sich nicht um allzu klobige Gepäckstücke handelt. Denn das coupéhaft abgeschrägte Dach fordert in Sachen Ladehöhe natürlich seinen Tribut. Immerhin gibt es auch noch einen sogenannten Frunk, also ein kleines Fach unter der Haube im Vorderwagen – dort passen 27 Liter hinein, was sich gut für die Unterbringung des Ladekabels eignet.        

800 Volt ermöglichen Schnellladen in 22 Minuten. Zu einer ersten Testfahrt stand der Hecktriebler mit 333 PS/245 kW bereit. Die Leistung lässt sich geschmeidig portionieren, erzeugt bei Bedarf mehr als einen ordentlichen Schub. Erst bei Tempo 180 wird abgeregelt – eine mittlerweile umfassende Volvo-Philosophie, die offenbar keine Kaufzurückhaltung hervorruft. Sehr angenehm lässt sich der ES90 im One-Pedal-Modus bewegen – mit starker Rekuperation bis zum Stillstand. Absolut empfehlenswert! Ebenfalls für Lobeshymnen geeignet: Das auf Wunsch erhältliche adaptive Luftfahrwerk löst das Versprechen der richtigen Balance zwischen Komfort und Straffheit ein.

Volvo ist stolz auf den ES90-Luftwiderstandsbeiwert von 0,27. Da kann sein SUV-Bruder EX90 als Vertreter der Gattung der rollenden Schränke mit 0,29 natürlich nicht mithalten. Das wirkt sich in Sachen Effizienz auf den Stromverbrauch aus – und somit zwangsweise auf die Reichweite, die für das von uns gefahrene Modell Single Motor Extended Range mit WLTP-Werten zwischen 554 und 651 Kilometer angegeben wird. Jene maximalen 651 Kilometer hätten wir bei Temperaturen um den Gefrierpunkt definitiv nicht erreichen können. Der Bordcomputer wies nach ausführlichen Touren im gemischten Stadt-Land-Verkehr einen Durchschnittsverbrauch von 22 kWh/100 Kilometer aus. Laut WLTP sollen es zwischen 15,9 und 18,5 kWh sein. Unter diesen Bedingungen wären somit nicht mehr als gut 400 Kilometer machbar gewesen. Sofern eine 800-Volt-Lademöglichkeit verfügbar ist, gilt dies als perfekte Voraussetzung, die 88-kWh-Batterie in 22 Minuten von 10 bis 80 Prozent zu laden. Bei einer herkömmlichen 11-kW-Wallbox zuhause oder auch an solchen Ladepunkten im öffentlichen Raum sind zum Strom fassen bis 100 Prozent zehn Stunden nötig.

Mit dem heckbetriebenen Single Motor-ES90 ist noch nicht das Ende der Fahnenstange erreicht. Wer einen Allradler möchte, kann zwischen zwei Twin Motor-Varianten wählen: entweder mit 456 PS/335 kW oder in der Performance-Ausführung mit 680 PS/500 kW. In beiden Fällen steigt die Reichweite unter Idealbedingungen auf 700 Kilometer und wird mit 22 Minuten beim Schnellladen angegeben.

Gelungene schwedisch-chinesische Zusammenarbeit. Der in China gebaute Volvo ES90 ist eine rundum gediegen-solide Limousine und lässt sich nicht zuletzt wegen der umfassenden Assistenzsysteme entspannt bewegen. Ausdrücklich lobenswert sind die Warntöne, die gut hörbar und doch dezent im Hintergrund werkeln: Wir haben die ausführliche Testfahrt ohne Abschalten des Geschwindigkeitsübertretungs-Systems hinter uns gebracht. Das gelingt uns nur selten. Zudem verblüffend: Jegliches Lauern nach zuweilen seltsamen chinesischen Spielereien, wie sie im Land der aufgehenden Sonne in vielen Fahrzeugen weit verbreitet sind, löst sich in Nichts auf.

Der Volvo ES90 kostet in der Hecktriebler-Ausführung ab 70.490 Euro oder in der Twin-Motor-AWD-Version ab 87.490 Euro, als Performance-Allradler ab 92.990 Euro – ordentliche Preisaufschläge, da die beiden Allradausführungen nur in der höchsten Ausstattung erhältlich sind.

Autogramm

Volvo ES90 Single Motor Extended Range

Typ: Limousine; Preis: 70.490 Euro; Länge: 5,00 Meter; Breite: 1,94 Meter; Höhe: 1,54 Meter; Radstand: 3,10 Meter; Leergewicht: 2.410 Kilogramm; Zuladung: 490 Kilogramm; Kofferraum: 424-1.427 Liter; Sitze: fünf; Motor: Elektromotor, Permanentmagneterregte Synchronmaschine; Leistung: 333PS/245 kW; Drehmoment: 480 Newtonmeter; Spitze: 180 km/h; 0 auf 100 km/h: 6,8 Sekunden; Batterietyp: Lithium-Ionen-Akku; Batteriekapazität: 88 Kilowattstunden (kWh); Reichweite (WLTP): 651 Kilometer; Wallbox Wechselstrom 11 kW: 10 Stunden (0-100 Prozent), Ladestation Gleichstrom 300 kW: 22 Minuten (10-80 Prozent), Stromverbrauch: 18,5 kWh/100 Kilometer; CO2-Ausstoß: 55 Gramm/Kilometer (Strommix Deutschland).


Beitrag veröffentlicht

in

,

von