


Der flotte Stromer mit den vielen Sternen
Der neue Mercedes CLA mit Elektroantrieb soll dank seines 85-Kilowattstunden-Akkus im Unterboden rund 750 Kilometer weit fahren können. Das entspricht einem WLTP-Normverbrauch von gut 12 Kilowattstunden pro einhundert Kilometer – ein Wert, der nicht nur die Konkurrenz in München und Ingolstadt aufhorchen lassen dürfte. Wir prüften im Alltag, was unterm Strich an der Säule geladen wurde.
Von Bernd-Wilfried Kießler
Was ist das für ein Auto? Die äußere Gestaltung des CLA ist so etwas wie das Abschiedsgeschenk des langjährigen Mercedes-Chefdesigners Gorden Wagener, dessen Bestreben es immer war, eine Karosserie aus einem Guss auf die Räder zu stellen: keinerlei Zacken und Falten, Kanten und Ecken, sondern fließende Übergänge von der Motorhaube zur Kabine und weiter zum Gepäckraum. Sein ganzer Stolz war es, selbst einen Kombi mit Hilfe einer spitz nach hinten auslaufenden Fensterpartie von der Seite betrachtet wie ein Coupé aussehen zu lassen. Beim neuen CLA war es einfach, eine Limousine mit kurzer Gepäckraumklappe in ein viertüriges Coupé zu verwandeln, das mit einem Luftwiderstandsbeiwert von 0,21 durch den Wind gleitet. Nicht ganz passend zum stilvollen Äußeren: 142 Sternchen am früheren Kühlergrill, der einst durch waage- und senkrechte Chromleisten unterteilt war. Unvoreingenommene Betrachter hielten sie für Schiffsschrauben, andere für Windräder, weil der Kreis um die drei Elemente fehlt. Nein, wir haben sie nicht nachgezählt, würden uns aber nicht wundern, wenn sie in absehbarer Zeit still und leise verglühten.
Zu Beginn des Elektrozeitalters meinte man, die neue Technik müsse auch äußerlich auf den ersten Blick sichtbar werden. Deutlichstes Beispiel: der BMW i3, der bis auf die Nieren keinem Markenbruder auch nur entfernt ähnelte. Inzwischen hat man umgedacht: Wenn die werte Kundschaft schon durch so neuartige Probleme wie Ladezeiten und Reichweiten verunsichert wird, so sollen diese Gefühle nicht noch durch absonderliche Karosserieformen verstärkt werden. Dementsprechend nimmt Mercedes mit der CLA-Baureihe einen neuen elektrischen Anlauf, der aber als Folge des Laufs der Zeit von hybridisierten Verbrennungsmotoren flankiert werden soll, ohne dass sich deren Blechkleider äußerlich grundlegend unterscheiden. Natürlich bietet diese Koppelung beider Antriebsarten auch wirtschaftliche Vorteile und die Möglichkeit, je nach Marktentwicklung das Schwergewicht auf die eine oder andere Motorisierung zu verschieben.
Wie fühlt man sich in diesem Auto? Zum Einstieg springen vier vollversenkte Türgriffe aus dem Blech. Luftwiderstand hin oder her – in China sind diese Öffner ab 1. Januar 2027 aus Sicherheitsgründen bei Neuentwicklungen verboten, weil sie sich im Falle eines Unfalls nicht von außen öffnen lassen. Trotz einer Dachhöhe von 1,47 Metern gelingt der Einstieg nur in Demutshaltung – gut, dass Hüte derzeit nicht in Mode sind. Auf dem Weg in den Fond muss man sich regelrecht zusammenfalten, kann aber im Inneren nicht hilfesuchend zu einem Griff am Dachhimmel greifen. Denn er wurde eingespart. Offenbar fanden vor dieser Entscheidung keine Testfahrten mit älteren Menschen als Mitfahrer statt. Zweifellos haben die drei Hinterbänkler das weitere Raumgefühl, denn über ihnen öffnet sich ein Himmelsblick durch das lange Panoramaglasdach. Es ist bei Sonnenschein wärmeabweisend, so dass keine Jalousie die Kopffreiheit einschränkt.
Die Sitze unseres Testwagens aus Teilleder in Anthrazit brachten durch gelbe Einsätze etwas Farbe ins Innere, das ansonsten durch geprägte Alublenden und -leisten einen technisch-wertigen Eindruck vermittelte – womit wir ins Cockpit schauen. Es wird von drei Bildschirmen beherrscht, die eine Einheit bilden, wobei vor dem Beifahrer aktuell nur ein Schmuckbild erscheint. Die Mittelkonsole hat sich in ein Vielzweckelement verwandelt, auf der es offene und geschlossene Ablagen, zwei Becherhalter, eine kabellose Ladefläche fürs Mobiltelefon gibt, und die außerdem als Ablage für die Unterarme von Fahrerin und Beifahrer nutzbar ist.

Welchen Antrieb hat das Auto? Der Schwerpunkt liegt auf der Hinterachse, die ein E-Motor mit 272 PS/200 kW ins Rotieren bringt. Wie bei modernen Allradantrieben auch mit Verbrennungsmotoren üblich wird die Vorderachse nur bei Bedarf einbezogen – im vorliegenden Fall durch einen zweiten E-Motor mit 109 PS/80 kW. In der Regel kann bei Elektroautos auf ein mehrgängiges Getriebe verzichtet werden, weil das gesamte Drehmoment aus dem Stand anliegt. Zum Zwecke des sorgsamen Umgangs mit dem Strom haben sie sich bei Mercedes für zwei Gangstufen entschieden, von denen die höhere bei ebensolchem Tempo automatisch und kaum spürbar in Kraft tritt. Einen deutlich wahrnehmbaren Drehzahlwechsel wie bei Verbrennungsmotoren gibt’s ja nicht.
Bei jenen kämen wir nicht auf die Idee, die Zeit an der Zapfsäule auch nur zu erwähnen – anders beim E-Auto: Um die Ladeaufenthalte so kurz wie möglich zu halten, wird im CLA-Antriebsstrang mit 800 Volt gearbeitet. Am Schnelllader gibt der Hersteller von 10 auf 80 Prozent 22 Minuten an. Wir haben an einer 400-kW-Säule von 50 auf 80 Prozent 13 Minuten gebraucht – mit einer maximalen Ladeleistung von 94 kW. Das sollte uns 414 Kilometer weit bringen. Ein andermal wurde uns bei 100 Prozent Vollladung und einer Außentemperatur von 11 Grad Celsius eine Reichweite von 456 Kilometern vorhergesagt. Als die Luft sich am nächsten Morgen durch Sonneneinstrahlung auf 18 Grad erwärmt hatte, sollte der Strom für zwanzig Kilometer mehr reichen – beide Werte sind ernüchternd angesichts einer WLTP-Angabe von 770 Kilometer. Am Testende lag unser Durchschnittsverbrauch bei 18,7 kWh auf 100 Kilometer – das sind fast fünfzig Prozent über dem WLTP-Wert, und das bei bürgerlicher Fahrweise ohne jede Raserei. In jedem Falle müssen E-Auto-Fahrer außer Energievorrat an Bord und Fahrstil auch das Außenthermometer im Auge haben – man fährt bewusster unter Strom.
Was kann man in diesem Auto mitnehmen? Der 405 Liter fassenden Gepäckraum im Heck mit einer Ladekante in Höhe von 76 Zentimetern wird durch ein 101-Liter-Staufach unter der vorderen Haube ergänzt, unter die außer dem Ladekabel auch noch ein handlicher Rollkoffer passt. Das Heck hätte natürlich statt durch eine kurze Klappe auch durch eine, die bis zum Dach reicht, zugänglich gemacht werden können. Aber damit wäre dem CLA Shooting Brake die Butter vom Brot genommen worden – der Edelkombi bietet genau dies, nämlich zum Aufpreis von 1.369 Euro praktischeren Zugang zu größerem Stauraum. So können CLA-Fahrer nichts Sperriges mitnehmen, weil die Ladeöffnung nur eine Höhe von höchstens 40 Zentimeter zulässt.
Was wird uns in Erinnerung bleiben? Im Unterschied zu vielen Geisterstimmen in Autos aus Fernost, die auf Befragen mit ihren Auskünften sehr sparsam umgehen, bleibt die naheliegender Weise als Mercedes angesprochene freundliche Auskunftsperson keine Antwort schuldig. Sie erzählt auf Zuruf mittelprächtige Witze und antwortet an einem kühlen Morgen auf die Bitte, die Lenkradheizung einzuschalten, um die klammen Finger zu erwärmen, ohne zu zögern: „Es gibt in diesem Fahrzeug keine Lenkradheizung.“
Autogramm
Mercedes CLA 350 4Matic Elektro Progressive
Typ: Limousine; Preis: 60.285 Euro; Länge: 4,84 Meter; Breite: 1,86 Meter; Höhe: 1,47 Meter; Radstand: 2,79 Meter; Leergewicht: 2135 Kilogramm; Zuladung: 440 Kilogramm; Kofferraum: 450+101 Liter; Sitze: fünf; Motor: zwei Elektromotoren, vorn 109 PS/80 kW, hinten 272 PS/200 kW; Systemleistung: 354PS/260 kW; System-Drehmoment: 515 Newtonmeter; Getriebe: Zweistufen-Automatik; Spitze: 210 km/h; 0 auf 100 km/h: 4,9 Sekunden; Batterietyp: Nickel-Mangan-Cobalt–Akku (NMC); Batteriekapazität: 85,0 Kilowattstunden (kWh); Reichweite WLTP: 770 Kilometer; Wallbox Wechselstrom 11 kW: 8 Stunden 30 Minuten (10-100 Prozent), Ladestation Gleichstrom 320 kW: 22 Minuten (10-80 Prozent); Stromverbrauch (WLTP): 12,7 kWh/100 Kilometer; CO2-Ausstoß: 43 Gramm/Kilometer (Strommix Deutschland), Testverbrauch: 18,7 kW/h.


