


Außen naja – innen hui!
Einen Achtungserfolg mit fast 3000 Neuzulassungen im vergangenen Jahr erzielte die chinesische Marke Xpeng, die 2024 mit drei vollelektrischen Modellen bei uns auf den Markt gekommen war.
Von Bernd-Wilfried Kießler
Im Gegensatz zu anderen Neuankömmlingen aus dem Reich der Mitte versuchte sich der erfahrene deutsche Geschäftsführer nicht an Experimenten wie Online-Vertrieb oder Reparaturketten ausgelagerter Werkstattdienste, sondern setzte von Anfang an auf traditionelle Händlerbetriebe als Zweitmarke. Ein ebenso erfahrener Pressesprecher flankierte den Xpeng-Start in Deutschland und sorgte für schnellen Bekanntheitsgrad.
Was ist das für ein Auto? Das 4,76 Meter lange SUV-Coupé G6 bildet preislich mit 43.600 Euro den Einstieg in die schmale Modellpalette, die von der Limousine P7 und dem SUV G9 ergänzt wird. Dem schräg abfallenden Heck verdankt der G6 den Zusatz Coupé. Dank großer 20-Zoll-Räder erscheint die Karosserie von der Seite betrachtet etwas weniger wuchtig – das ist natürlich ein Designer-Kniff. 1,92 Meter Breite ist für deutsche Straßen grenzwertig, auch wenn einem beim Rangieren die Abstände zu Hindernissen rundum auf den Zentimeter genau gemeldet werden. Vorn hat man eine durchgehende Lichtkante unterhalb der Motorhaube, aber deutlich über den Scheinwerfern angeordnet. Ein großes stilisiertes X als Markenzeichen gibt Unkundigen wenig Auskunft, um welchen Hersteller es sich handelt. Die nach Art eines Seifenstückchens glattgeschliffene Blechhaut ist gut für den Luftwiderstandsbeiwert, aber ohne Wiedererkennungswert.
Wie fühlt man sich in diesem Auto? Der Wagen heißt einen mit Lichtsignalen und ausklappenden Außenspiegeln willkommen, sobald man sich ihm mit dem Schlüssel in der Tasche nähert. Die Türschlösser sind geöffnet, was aber auch per Druck auf den Schlüssel bewerkstelligt werden kann. Während man einsteigt, ist innen schon alles fahrbereit gemacht, Fahrersitz und Lenksäule begeben sich auf eine eingestellte Position, sobald man sitzt: Das Auto kann umgehend mit einem Lenkstockhebel nach vorn oder hinten in Bewegung gesetzt werden – alles in allem eine feine Sache, die sich noch durch eine Rückenmassage auflockern lässt. Durch ein wärmedämmendes Panoramaglasdach fällt Licht in den Innenraum, in dem sich die Gestalter für ein vornehmes Grau entschiedenen haben. Selbst das buchstäbliche Armaturenbrett aus Holz ist entsprechend eingefärbt.
Eine kleine Dusche aus Wermutstropfen ergießt sich über den Neueinsteiger in den Xpeng, wenn er etwa die Außenspiegel verstellen will. Dies und vieles andere ist in diversen Ebenen auf dem Bildschirm versteckt und bedarf der Detektivarbeit. Hätten Sie’s gewusst, dass der Hebel zum Öffnen der Motorhaube zweimal gezogen werden muss? Wir kamen darauf, nachdem wir an die fünf Minuten mit zehn Fingern unter der nach einem Zug aufgesprungenen Haube vergeblich nach einem dortigen Hebel fühlten. Noch nach Tagen entdeckten wir neue Funktionen, bei denen sich die Sprachsteuerung unwissend stellte. Spannend!
Trotz der Bezeichnung SUV-Coupé wird die Kopffreiheit der drei Hinterbänkler in keiner Weise eingeschränkt: Vom Innenraum schneidet die angeschrägte Dachlinie nichts ab. Das ist nicht der einzige Luxus in der zweiten Reihe: Die Rückenlehnen sind verstellbar, wobei sich der rechte Passagier mit dem mittleren auf einen Neigungswinkel einigen muss. Beinfreiheit haben alle reichlich, denn es gibt keinerlei Mitteltunnel. Binnen fünf Sekunden öffnet und schließt sich die Heckklappe, wodurch über eine Ladekante in Höhe von 77 Zentimetern ein 571 Liter fassender Kofferraum frei wird, der seinen Namen verdient. Soll er nach vorn verlängert werden, geschieht das stufenlos, aber leicht ansteigend.
Welchen Antrieb hat das Auto? Der Elektromotor leistet fast 300 PS und entwickelt 440 Newtonmeter Drehmoment von der ersten Umdrehung an. Das ermöglicht ein leichtfüßiges Fahren, zumal bei der elektrotypischen Abwesenheit von Motorlärm, und dies, obwohl über 2,1 Tonnen Leergewicht über die Hinterräder in Bewegung gesetzt werden müssen. Xpeng verzichtet bewusst auf ein Abregeln und lässt den Wagen bis über 200 km/h laufen. Die Ingenieure sind sich sicher, dass dies den Alltagsnutzen nicht beeinträchtigt – weniger der Batteriegröße wegen, sondern aufgrund der hohen Ladeleistung.
Xpeng hat im vergangenen Jahr von Nickel-Mangan-Kobalt-Akkus (NMG) auf Lithium-Eisenphosphat (LFP) umgestellt. Deren Energiedichte ist etwas geringer, ihre Lebensdauer wird auf 30 Prozent mehr geschätzt. Sie sind billiger in der Herstellung und ermöglichen eine höhere Ladegeschwindigkeit. Noch ein sozialer Aspekt: Kobalt und Nickel sind beim Abbau in ihren Herkunftsländern durch Kinderarbeit in Verruf geraten.
Was bietet dieses Auto? Vieles haben wir schon beschrieben. Wir sollten noch den 360-Grad-Rundumblick von oben erwähnen und die Kameras, die beim Blinken Seitenansichten auf den Bildschirm schicken. Nicht zu vergessen, dass die Türen von innen per Daumendruck geöffnet werden. Oft wird heutzutage beklagt, dass die Autos infolge der technischen Entwicklung sowie der gesetzlichen Vorschriften immer ähnlicher werden, und es ihnen an charakteristischen Eigenarten fehle. Obwohl man’s ihm auf den ersten Blick nicht ansieht – dieser Vorwurf geht beim Xpeng G6 ins Leere.
Was wir nicht vergessen werden: Vertraue keiner vom Bordcomputer errechneten Reichweite, die du nicht selbst in der Realität überprüft hast! Mit mehr als 500 angezeigten losfahren und nach 240 Kilometern mit einem kläglichen Rest von 67 Kilometern ankommen: So erging es uns auf einer zügigen Reise Richtung München. Auf der Autobahn bei Tempo 130 bis 160 gönnt sich der G6 eben doch deutlich mehr, als es einen die Theorie glauben lassen möchte; Werte um die 25 kWh/100 km sind da keine Seltenheit. Dass höheres Tempo zu mehr Verbrauch führt, ist seit der Erfindung des Automobils bekannt. Wie sehr auch die Außentemperatur Einfluss nehmen kann, wurde bei diesem Test deutlich: Bei einem Reisetempo zwischen 100 und 120 km/h teilte die Verbrauchsanzeige bei 15 Grad Celsius 17,7 kWh mit, bei nur neun Grad stieg dieser Wert auf 21 kWh. Unterm Strich notierten wir einen Durchschnittsverbrauch von 19,6 kWh.
Gut, dass die Größe des Akkus von dem Moment an unwichtiger wird, ab dem ein Elektroauto besonders schnell laden kann. Bei Xpeng ist diese Disziplin eine, in der die noch junge Marke glänzt. Schon vor der kürzlich erfolgten Modellpflege schaffte der G6 auf dem Papier eine Ladeleistungsspitze von 382 kW – neuerdings sind es sogar 451 kW. Um den Stromspeicher von 10 auf 80 Prozent zu bringen, dauert es im besten Fall nur zwölf Minuten. An einer Schnellladesäule wurden binnen 17 Minuten immerhin 54,4 kWh nachgeladen (von 15 auf 79 Prozent) – mit einer durchschnittlichen Ladeleistung von 185 kW. Das ist ein Wert, von dem viele Mitbewerber nur träumen können.
Autogramm
Xpeng G6 RWD Long Range
Typ: SUV-Coupé; Preis: 47.600 Euro; Länge: 4,76 Meter; Breite: 1,92 Meter; Höhe: 1,65 Meter; Radstand: 2,89 Meter; Leergewicht: 2115 Kilogramm; Zuladung: 475 Kilogramm; Kofferraum: 571/1374 Liter; Motor: Elektro Permanent Magnet Synchron; Leistung: 296 PS/218 kW; Drehmoment: 440 Newtonmeter; Spitze: 202 km/h; 0 auf 100 km/h: 6,7 Sekunden; Batterietyp: Lithium-Eisenphosphat (LFP); Batteriekapazität: 81 Kilowattstunden (kWh); Reichweite (WLTP): 525 Kilometer; Ladetechnik: 800 Volt; AC-Ladeleistung: 11 kW; Ladedauer: 9 Std. 12 Min.; DC-Ladeleistung: 451 kW; Ladedauer (WLTP): 12 Minuten (10-80 Prozent), Stromverbrauch (WLTP): 17,5 kWh/100 Kilometer; CO2-Ausstoß: 64 Gramm/Kilometer (Strommix Deutschland); Testverbrauch: 19,6 kWh/100 km.

(Foto: pje)

