Der ewig Zukünftige

Die Brennstoffzellen-Technologie klingt verführerisch: rasches Tanken, beeindruckende Reichweite, womöglich nachhaltig produzierter Wasserstoff. Hyundai bringt schon die zweite Generation seines Technologieträgers Nexo auf den Markt. Klares Manko: die hinterherhinkende Tankstellen-Infrastruktur.   

Von Gundel Jacobi

Überschaubare Brennstoffzellen-Gemeinde. Manche Autos überholen sich selbst. Wie das funktioniert? Ganz einfach: wenn die erste Generation in Deutschland gerade mal eine halbe Hundertschaft an Verkäufen pro Jahr verzeichnen konnte, aber die zweite Generation bereits in den Verkaufsräumen steht. Streng genommen ist es ja schon eine dritte Auflage, denn der südkoreanische Hersteller Hyundai glänzte bereits im Jahr 2013 mit seinem in Serie gebauten Brennstoffzellenfahrzeug ix35 FCEV. Dessen Nachfolge trat 2018 der Nexo an – ein in jeder Hinsicht etwas schmallippiger Kompakter.

Und nun: Womm! Der nur ganz leicht gewachsene aktuelle Nexo scheint auf einem anderen Stern geboren zu sein: Eindeutig kastig und ziemlich ausdrucksstark – nicht zuletzt seine LED-Grafik und die wuchtige Kunststoffummantelung rundum lassen ihn gleichzeitig aufgeplustert und leichtfüßig wirken. Wesentliches Merkmal ist und bleibt seine Zugehörigkeit zur Brennstoffzellengemeinde – fast möchte man sagen, er ist ein ewig Zukünftiger, dessen mit Wasserstoff betriebene Antriebstechnologie stetig weiterentwickelt und auf dem jeweils neuesten Stand gehalten wird. Einzig auf seinen großen Auftritt muss er noch immer warten.

Woran dies wiederum liegen mag? Am leidigen Thema Wasserstoff-Tankstelleninfrastruktur. Mit 50 Zapfpunkten – wohlgemerkt bundesweit – lässt sich kein echtes Verkaufsargument zusammenschustern. Es sind also nach wie vor die Pioniere der Mobilität, die nach einem Brennstoffzellenauto (FCEV = Fuell Cell Electric Vehicle) greifen. Das Angebot ist überschaubar. Zur Zeit schreiten sie durch zwei Händlertüren, hinter denen entweder Hyundai-Bedienstete oder Toyota-Verkäufer warten. Letztere preisen ihren ebenfalls modern gehaltenen Mirai an.     

Vernünftige Anordnung und einfache Bedienung. Der 4,75 Meter lange Nexo hält im Inneren alles bereit, was man heutzutage an Konnektivität, Infotainment und Komfort vorfinden möchte – was zweifelsohne in dieser Fahrzeugklasse deutlich mehr ist, als von Ort A nach Ort B zu kommen. Da wäre allem voran der entlang der Armaturentafel in die Breite gezogene Bildschirm. Er hält auf der linken Hälfte die typischen Bordinfos bereit, und auf der rechten Seite stehen seine berührungsempfindlichen Kacheln zur Steuerung vieler Funktionen zur Verfügung. Darunter sitzen die Lüftungsdüsen – und dort wie in guten alten Zeiten zentral einseh- und bedienbar für Fahrer und Beifahrer der Knopf für die Warnblinkanlage. Na also: Geht doch, auch bei nagelneuen Autos! Noch ein Stockwerk tiefer befindet sich eine Leiste mit druckempfindlichen Flächen für Kurzbefehle der Klimatisierung. Bravo! Vernünftige Anordnung und einfache Bedienung, wie es nicht nur uns gefällt.

Im Fond ist Platz für drei Erwachsene, der Radstand von 2,79 Meter weist bereits auf ordentliche Beinfreiheit hin. Im hintersten Stübchen passen 510 Liter unter die Abdeckung, wobei man das Transportgut flach über die Ladekante ins Innere schieben kann.

Schöne neue Antriebswelt – mit Haken und Ösen. Ein Brennstoffzellenauto stößt nur reinen Wasserdampf aus, und es fährt geräuschlos. Denn der Nexo ist ein Elektroauto – mit dem Vorteil, dass es seine Batterien nicht mühsam aufladen muss, sondern den Strom selbst an Bord herstellt. Soweit, so gut. Aber es braucht dafür eben Wasserstoff, der obendrein mit einem nicht zu unterschätzenden Aufwand an der Tankstelle in der Regel mit 700 bar unter Druck gehalten wird. Der Betankungsvorgang an sich dauert rund fünf Minuten.

Da FCEV-Fahrzeuge nach wie vor eine Ausnahme sind, erklären wir hier noch einmal deren Funktionsweise: Ein Brennstoffzellensystem besteht aus mehreren hundert gestapelten Einzelzellen – im Nexo sind es 432 Polymerelektrolyt-Zellen. Dieser so genannte Stack erzeugt 110 kW Leistung. Durch den Wasserstoff, der in drei Tanks im Unterboden vor der Hinterachse untergebracht ist und elektrochemisch mit Sauerstoff reagiert, wird im Stack nicht die komplette Leistung abgerufen. Deshalb gibt es noch eine kleine Pufferbatterie, die bis zu 80 kW etwa bei Leistungsspitzen beiträgt. Der Elektromotor ist somit in der Lage, eine Systemleistung von 204 PS/150 kW an die Vorderachse zu übertragen.

Von all diesen Vorgängen merkt man am Steuer nichts, aber man kann selbstverständlich auf dem Monitor nachvollziehen, ob das Fahrzeug im Stack-Modus, mittels Batterie oder in einer Mischung aus beidem vorankommt. Der Nexo hat sich auf ersten Testfahrten völlig unauffällig bewegen lassen, wobei er fahrwerkstechnisch eher zu der strafferen Fraktion gehört. Es bereitet auch immer wieder Vergnügen, die Rekuperationsstärke per Lenkradwippen zu beeinflussen. Damit kann man etliche Kilometer mehr rausholen. Apropos Reichweite: Im Vergleich zur ersten Generation sticht vor allem die verlängerte Reichweite heraus, die mit den Strecken von Dieselautos vergleichbar ist: rund 800 Kilometer.  

Wie heiß ist der Preis? Betrachtet man nur den Anschaffungspreis, dürfte schon der Hinweis auf eine vergleichsweise exotische Technologie den Einstieg in die Nexo-Welt erklären: Es geht los ab 69.900 Euro. Dehnt man den Begriff des Preises für eine besondere Mobilitätssituation weiter aus, bleibt man unweigerlich am Wasserstoff hängen – will sagen: Wer eine klar definierte Strecke mit Wasserstoffanbindung hat und einen gewissen Anspruch auf ein noch recht einzigartiges Vorankommen verspürt, dürfte mit gut gefülltem Geldbeutel seine Sehnsucht mit dem Nexo stillen können.

Hyundai wiederum formuliert sein andauerndes Interesse an der Brennstoffzellen-Technologie auf salopp-charmante Art dergestalt, dass die Koreaner in erster Linie zeigen wollen, wie gut sie FCEV beherrschen. Für den Sprung ins wann auch immer hierzulande beginnende Wasserstoffzeitalter sind sie dann bestens vorbereitet. Bohrt man ein bisschen weiter, bekunden die technologieoffenen Fachleute aber natürlich auch ihre Anwendungen weit über den Individualverkehrshorizont hinaus: Schiffe, Züge, Bau- und Militärfahrzeuge sind denkbare Bereiche – weltweit. Selbst Flugzeuge sind schon mit Brennstoffzellenantrieb geflogen.

Autogramm

Hyundai Nexo  

Typ: SUV; Preis: 69.900 Euro; Länge: 4,75 Meter; Breite: 1,87 Meter; Höhe: 1,64 Meter; Radstand: 2,79 Meter; Leergewicht: 1955 Kilogramm; Zuladung: 485 Kilogramm; Kofferraum: 510-1630 Liter; Sitze: fünf; Motor: Elektromotor; Leistung: 204PS/150 kW; Drehmoment: 350 Newtonmeter; Spitze: 176 km/h; 0 auf 100 km/h: 7,8 Sekunden; Batteriekapazität: 2,6 Kilowattstunden (kWh); Reichweite: 826 Kilometer; Tankinhalt: 6,69 Kilogramm Wasserstoff (3 Behälter); Wasserstoffverbrauch: 0,9 kg H2/100 Kilometer; CO2-Ausstoß (mit klimaneutral erzeugtem Wasserstoff): 0 Gramm/Kilometer.


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