


Komplett unter Strom
Der Kleinwagen Nissan Micra erlebt nach vier Jahren Abstinenz nun eine Neuauflage in sechster Generation. Der batterieelektrische zweieiige Zwilling des Renault 5 ist jedenfalls auf den ersten Blick vom französischen Modell deutlich zu unterscheiden.
Von Gundel Jacobi
Sympathie-Bonus mit Kulleraugen. Das modische Leben verläuft in Wellen – auch das von Autos: Mal sind eckige Formen modern, dann kommen wieder Rundungen gut an. Zuweilen ist das auch parallel möglich, wie die neueste Generation des Nissan Micra im Vergleich zum Allianzbruder Renault 5 zeigt. Das größte äußere Unterscheidungsmerkmal bildet nämlich die Lichtgrafik: Während den R5 eher zackige Scheinwerfer zieren, setzt der Micra auf rundliche Leuchten vorn und hinten, die vermutlich auf den Sympathie-Bonus von Kulleraugen setzen möchten. Man darf gespannt sein, ob dieses augenscheinliche Kleinkindschema erfolgreiche Verkaufsergebnisse erzielt. Fakt ist, dass sowohl Bug- als auch Heckpartie verblüffende Unterschiede der beiden Kleinen aufweisen – unwissende Betrachtende würden die Fahrzeugkarosserien allenfalls der gleichen Klasse zuordnen, aber ansonsten keine weiteren Gemeinsamkeiten feststellen. Deshalb besinnen wir uns nun vornehmlich auf den zu beschreibenden Japaner, ach – eine letzte Gemeinsamkeit sei benannt: Die Wagen laufen im französischen Werk Douai der Allianzpartner Renault und Nissan vom Band.
Kleinwagenklasse lässt grüßen. Im Cockpit zeigt die Kombination aus berührungsempfindlichem Bildschirm und Schaltern, dass die Designer keinem reinen Wisch- und Tippwahn erlegen sind. Das Bedienkonzept lässt sich ganz ordentlich durchschauen und zuordnen. Google-Unterstützung in jeglicher Ausrichtung fehlt natürlich nicht im Konnektivitäts-Zirkus. Während einer langen ersten Tour über Land und durch Großstadtreviere hat uns im Prinzip nur das Navi zu mehrfachem Stirnrunzeln und verschiedentlich falschen Straßenabbiegungen gebracht, weil die Anweisungen nicht eindeutig waren. Dass im knapp vier Meter langen Micra kein komfortabler Platz für fünf Personen samt Gepäck zu einer Alpenüberquerung vorhanden ist, dürfte jedem vernünftig denkenden Menschen klar sein – namentlich in der zweiten Reihe geht’s natürlich für erwachsene Beine und Köpfe eher beengt zu.
Wer sich an die hoch gesetzten – senkrechten – Türgriffe oberhalb der Gürtellinie gewöhnt hat, dürfte beim Zugang in den Fond keine größeren Schwierigkeiten haben; aber so richtig praktisch sind sie nicht. Ganz hinten ist eine deutliche Stufe von der Ladekante in den Kofferraum hinab zu überwinden. Zum Zwecke der maximalen Transportgut-Beförderung lässt sich die Rückbank im Verhältnis 2:1 umklappen – auch hier gibt’s eine mächtige Stufe durch die umgelegten Lehnen. Seine absoluten Vorteile spielt der Vier-Meter-Stromer in engen Gassen oder bei der Parkplatzsuche in kleine Lücken aus: Wendig ist der Micra durchs Verkehrsgewusel zu manövrieren.

Komfortables Pedal-Spiel bis zum Stillstand. Nostalgiker müssen umdenken: Den Micra gibt es nur noch als Stromer. Diesel haben als Neuzugänge in der Kleinwagenklasse schon länger ausgedient, aber auch ein hybridisierter Benziner hat keinen Platz mehr in der Micra-Palette – so wenig wie beim nahen Verwandten Renault 5. Man kann beim komplett batterieelektrischen Hüpfer zwischen zwei Leistungen wählen: Der E-Motor mit 122 PS/90 kW ist mit einem 40-kWh-Akku gekoppelt und weist unter Idealbedingungen eine Reichweite von 317 Kilometern aus. Die stärkere Variante mit 150 PS/110 kW hat einen 52-kWh-Akku an Bord und soll damit bis zu 416 Kilometer weit kommen. Wir hatten die kraftvollere Ausführung mit knapp 100 Prozent Ladung und kamen nach rund 250 Kilometer auf meist tempobegrenzten Autobahnen samt steigungsarmen Überlandfahrten sowie geschlichenen Ortsdurchfahrten noch mit 16 Prozent Reichweite am Tagesziel an. Der Bordcomputer wies einen Durchschnittsverbrauch von 17,2 kWh aus, womit wir bei gemäßigter zweistelliger Außentemperatur genau drei kWh überm WLTP-Verbrauch von 14,2 kWh lagen. Unterwegs hatten wir nach besten Gelegenheiten die mehrstufigen Rekuperationsstärken angewendet.
Nicht zu unterschätzen ist die praktische Micra-Fähigkeit, den Wagen im so genannten Ein-Pedal-Modus zu bewegen – also bis zum Stillstand. Dies macht vor allem in städtischem Gewusel Sinn. Alles in allem waren wir aufgrund unserer gemäßigten Fahrweise vom Verbrauch ein bisschen enttäuscht, hatten eine deutlichere Annäherung an den offiziellen Wert erwartet. Bei zahmer Fortbewegung mit aufmerksamem Zirkeln um auffällige Bodenwellen, Kanaldeckel oder auffällige Schlaglöcher kann man zwar die generell straffe Fahrwerksabstimmung wahrnehmen, aber im Prinzip verhält sich der kleinste Nissan recht manierlich auf Asphalt.
Micra-Einstieg aktuell unter 20.000 Euro möglich. Im Gegensatz zum überquellenden Kompakt-SUV-Angebot oder dem weitreichenden Premiumsegment betonen die Verkaufsstrategen immer die besonders preissensiblen Baureihen der Kleinwagen, von denen es sowieso nicht mehr allzu viele Mitbewerber gibt. Im Bereich der stromernden Kleinen findet sich aktuell gerade mal ein halbes Dutzend in dieser Viermeter-Klasse. Als Lockangebot zum Einstieg bietet Nissan den Micra Engage ab 27.990 Euro. Diese Ausstattung – grundsätzlich mit 40-kWh-Batterie und 122 PS/90 kW-Motor – beinhaltet unter anderem schlüssellosen Zugang, elektrische Fensterheber, Klimaautomatik, abgedunkelte Scheiben ab der zweiten Reihe, Parkpiepser hinten und Tempomat. Solcherart ausgestattet kann die staatliche Förderung bis 6000 Euro sowie die aktuelle Nissan-Förderung bis 31. März in Höhe von 3600 Euro den Basis-Micra unter 20.000 Euro drücken.
Wer beispielsweise die größere 52-kWh-Batterie mit stärkerem 150 PS/110 kW-Motor möchte, muss zur Advance-Linie ab 32.990 Euro greifen: Sie hat zusätzliche Merkmale wie einen größeren 10,1-Zoll-Bildschirm, kabelloses Mobiltelefonladen, Kunstlederlenkrad, Parkpiepser vorne, seitlich und hinten, adaptiven Tempomat, Notbremsassistent mit Querverkehrserkennung hinten, Rückfahrkamera, Spurhalter mit Bremseingriff und Totwinkelwarner mit Lenkkorrektur. In der Spitzenausstattung Evolve, die einzig mit großem Akku und 150 PS/110 kW-Motor ab 34.900 Euro angeboten wird, kommen noch solche Annehmlichkeiten wie Harman/Kardon-Audiosystem, Sitzheizung, 18-Zoll-Leichtmetallfelgen, Zweifarblackierung, Stauassistent sowie Tempomat mit Anpassung an Höchstgeschwindigkeit und in Kurven hinzu.
Autogramm
Nissan Micra Engage
Typ: Kleinwagen; Preis: 27.990 Euro; Länge: 3,97 Meter; Breite: 1,77 Meter; Höhe: 1,49 Meter; Radstand: 2,54 Meter; Leergewicht: 1452 Kilogramm; Zuladung: 408 Kilogramm; Kofferraum: 326 Liter; Sitze: fünf; Motor: Elektromotor, Permanentmagneterregte Synchronmaschine; Leistung: 122PS/90 kW; Drehmoment: 225 Newtonmeter; Spitze: 150 km/h; 0 auf 100 km/h: 9,0 Sekunden; Batterietyp: Lithium-Ionen-Akku; Batteriekapazität: 40 Kilowattstunden (kWh); Reichweite: 317 Kilometer; Ladestation Gleichstrom 80 kW: 30 Minuten (15-80 Prozent), Stromverbrauch (WLTP): 14,2 kWh/100 Kilometer; CO2-Ausstoß: 42 Gramm/Kilometer (Strommix Deutschland).


