


Er ist und bleibt einzigartig
Ob er will oder nicht: Der Land Rover Defender schleppt ein Erbe über nunmehr acht Jahrzehnte mit sich – auch wenn er mittlerweile auf anderer technischer Plattform und in neuzeitlichem Karosseriekleid vorfährt, an dem letztes Jahr ein wenig retuschiert wurde. Was für alle Ewigkeit bleibt: seine unverwüstliche Wandelbarkeit.
Von Gundel Jacobi
Was ist das für ein Auto? Die Liste ist schier unendlich lang, wenn man darüber nachdenkt, wofür ein Defender eingesetzt werden kann. In fast allen Teilen der Welt steht seine beeindruckende Kletterfähigkeit an erster Stelle. Auch hierzulande wird seine Robustheit hoch geschätzt. Selbstverständlich steht in gleichem Maße stets die Frage im Raum, ob ein solches Fahrzeug, das mitunter einfach als Dickschiff bezeichnet wird, noch zeitgemäß ist. Wir meinen, solche Diskussionen sind beim Defender müßig, denn im letzten Jahr wurden hierzulande knapp 4000 dieser Alleskönner für ziemlich individuelle Zwecke neu zugelassen. Nischenfahrzeug hin oder her: Die Luft ist ziemlich dünn in einer Preisklasse, in der 100.000 Euro locker übersprungen werden können. Wenn schon, denn schon – wir haben uns den fast fünfeinhalb Meter langen Landy mit sieben Sitzen zu Gemüte geführt und sind bei mancher Parkplatzsuche ins Schwitzen geraten; sowohl in der Länge, in der Breite und bei Garagen auch in der Höhe. Somit können wir mit tiefster Überzeugung bestätigen, dass der Defender für die freie Wildbahn geschaffen ist und dort auch am besten zur Geltung kommt.
Wie fühlt man sich in dem Auto? Sobald mit einem beherzten Ausfallschritt die 58 Zentimeter Einstiegshöhe überwunden ist, kann man sich aufs einladende Gestühl gleiten lassen – und will von dort nicht mehr weichen. Denn wohlig eingepasst zwischen breiter Mittelkonsole und Marshmallow-artig geschäumten Türverkleidungen lässt es sich vortrefflich thronen. Kann sich noch jemand an die Landys mit diversen Hebeln fürs Getriebe erinnern? Schnee von vorgestern! Es gibt nur noch einen ziemlich griffgünstig angebrachten Knauf zum Zupacken, womit das Achtstufen-Automatikgetriebe angewiesen wird. Schalter zum Aktivieren von elektronischen Programmen im Gelände befinden sich direkt daneben.
Der Bildschirm zum Wischen und Tippen sitzt genau darüber; beinahe ist man gewillt zu sagen: wie in jedem Allerweltsauto von heute. Im Moment der Blickrichtung nach vorne durch die Windschutzscheibe gibt’s dann aber auch wieder jene Einzigartigkeit, die einen Land Rover auszeichnet: Es ist die deutlich erlebbare hohe Sitzposition, die hochbauende Motorhaube, die unweigerlich darauf abzielt, dass man das Schiff schon zu schaukeln bereit sein sollte. Spätestens wenn die Augen nach hinten wandern, eröffnet sich sogar die Welt eines Raum-Schiffes – Stichwort unendliche Weiten! In der uns zur Verfügung stehenden siebensitzigen Ausführung gibt’s im Fond erst mal zwei prächtige Einzelsitze, dahinter eine Dreierbank – und irgendwie ist zwischen allem genügend Luft und Platz.

Welchen Antrieb hat das Auto? Es gibt beim Land Rover Defender die Wahl zwischen Benziner, Diesel und Plug-in-Hybrid. Wir haben uns für eine Selbstzünder-Variante entschieden: einen fein säuselnden Sechszylinder-Diesel. Beim Druck auf den Startknopf quittiert eine Gedenksekunde das konzertierte Aufwachen der 350 Pferde. Ja, an Kraft mangelt es dem zurückhaltend kastig gezeichneten Geländekraxler nicht, immerhin muss ein Leergewicht von gut zweieinhalb Tonnen vorangebracht werden – von Anhängern mit Pferden oder Booten beladen ganz abgesehen, da er 3,5 Tonnen an den Haken nehmen darf. Das Fahrerlebnis ist erwartungsgemäß ausgewogen, denn kein Mensch würde auf die Idee kommen, die Wankneigung der mobilen Schrankwand auf kurvenreichen Strecken auszureizen.
Wer sich obendrein von asphaltierten Straßen wegbewegt und die Geländeuntersetzung aktiviert oder gar Wasserdurchfahrten bis zu einer Wattiefe von 90 (!) Zentimeter bewältigen will, legt sowieso den Maßstab höchster Vernunft auf seine Achsen und Räder. Da wir mehrheitlich den Wagen zum Personentransport eingesetzt haben und aufmerksam der Passagier-Aussagen lauschten, notierten wir übereinstimmende Zufriedenheitsbekundungen in Sachen Federung, Geräuschdämmung und Klimatisierung. Am Ende der Testzeit waren wir mit unserem durchschnittlichen Verbrauch von 9,5 Liter Diesel sozusagen im grünen Bereich – lag er doch gerade mal 0,2 Liter überm WLTP-Normwert.

Was bietet einem das Auto? Das lässt sich mit einem Wort zusammenfassen, nämlich: alles. Klar, es ist auch bei einem Defender eine Frage des Geldbeutels, aber über eine ganze Armada von elektronischen Helferlein in puncto Sicherheit und Komfort verfügt der Allradler in jedem Fall. Unser 130er-Diesel-Modell mit Terrain- Response-Programm, adaptivem Fahrwerk samt Luftfederung, zwei Dutzend Fahrassistenten, Dreizonen-Klimaautomatik sowie sieben Sitzen steht in der SE-Ausführung ab 104.500 Euro in der Preisliste – und damit im Mittelfeld der gesamten Defender-Bandbreite.
Was ist uns besonders aufgefallen? Achtung beim Rückwärtsfahren: Das prominent an der seitlich öffnenden Hecktür angebrachte, vollwertige und komplett umschalte Ersatzrad verlängert das Gefährt zusätzlich! Dank rundum angebrachter Warnsensoren und einer präzisen Rückfahrkamera sollte einem jedoch kein Rempler zustoßen. Auch wenn ein mächtiger Richtungswechsel auf vergleichsweise kleinem Manövrierfeld ansteht, gibt es keinen Grund zur Panik. Aber ein Wendekreis von 13 Metern fordert vielleicht hin und wieder zusätzliches Zirkeln. Wie beschrieben: Das Bild einer besonnenen Kapitänin auf der Brücke ihres Schiffes hat beim Defender seine Berechtigung.
Autogramm
Land Rover Defender 130 D350 AWD SE
Typ: Geländewagen; Preis: 104.500 Euro; Länge: 5,36 Meter; Breite: 2,00 Meter; Höhe: 1,97 Meter; Radstand: 3,02 Meter; Leergewicht: 2666 Kilogramm; Zuladung: 714 Kilogramm; Kofferraum: 389-2116 Liter; Sitze: sieben; Tankinhalt: 89 Liter; Motor: Diesel-Sechszylinder; Hubraum: 2997 Kubikzentimeter; Leistung: 350 PS/257 kW bei 4000 U/min; Drehmoment: 700 Newtonmeter bei 1500-3000 U/min; Getriebe: Achtstufen-Automatik; Spitze: 191 km/h; 0 auf 100 km/h: 6,8 Sekunden; Normverbrauch: 9,3 Liter Diesel, CO2-Ausstoß: 244 Gramm/km, Testverbrauch: 9,5 Liter.
