Ein Abschied, der vielleicht keiner ist

Zum Zeitpunkt als wir diesen Testwagen ins Auge fassten, rechneten wir damit, dass es sich um einen Abschied von der A-Klasse handeln könnte. Denn das Mercedes-Management hatte ja für die Zukunft auf Luxus gesetzt, wozu die Einstiegsmodelle A- und B-Klasse nicht mehr zu passen schienen.

Von Bernd-Wilfried Kießler

Allerdings hat das Weltgeschehen in den letzten Monaten, ja Wochen unvorhersehbare Wendungen genommen, was wenig gute Aussichten für den großen Luxus, geschweige denn für ausschließliche Elektroautos verspricht (Schöne Grüße an Jaguar!). So verdichten sich die Gerüchte, dass man in Untertürkheim doch einen Nachfolger für die Kompaktklasse auf die Räder stellt, die man ursprünglich in absehbarer Zeit auslaufen lassen wollte.

Was ist das für ein Auto? Auf den ersten Blick ähnelt die Silhouette mit langer Motorhaube, großem Radstand, flacher Dachlinie und steilem Heck dem BMW 1er – tatsächlich hat es vor Jahren zwischen Stuttgart und München kurzzeitig Gespräche gegeben, eventuell gemeinsame Sache zu machen. Das war an einem Wendepunkt der Modellpolitik in Sachen A-Klasse, die ursprünglich für eine alternative Antriebszukunft mit Brennstoffzelle vorgesehen war – mit doppeltem Boden für die Wasserstofftanks und deshalb mit mehr Außenhöhe. Schlagzeilen machte die nur 3,58 Meter kurze 1. Generation durch den Elchtest am 21.Oktober 1997 – ein zu Verschwörungstheorien führendes Ereignis.

Nachdem der Brennstoffzellenantrieb nicht in Großserie ging und der Nutzung des doppelten Bodens für Gastanks auch kein Erfolg beschieden war, kam es mit der 3. Generation der A-Klasse im Jahre 2012 zu einer Kehrtwende. Das Auto sah hinfort so ähnlich aus wie unser Testwagen. Der zeigt ein aus sechs Elementen bestehendes ausdrucksvolles Gesicht, zwei Wölbungen auf der Motorhaube, die aus historischen Gründen „power domes“ genannt werden, und eine vergleichsweise geglättete Flanke. Die Besonderheiten der ersten beiden A-Klasse-Generationen, mit denen diese im Straßenbild sofort erkennbar waren und bis heute sind, gingen verloren.

Wie fühlt man sich in diesem Auto? Der Innenraum ist dunkel gehalten, rote Ziernähte glühen, Klavierlack und mattes Metall prägen das Bild. Unverkennbar Mercedes: die fünf großen runden Lufteinlässe, die an Flugzeugturbinen erinnern. Weil das Auto seit 2018 auf dem Markt ist und die letzte Modellpflege vier Jahre zurückliegt, bleibt man von verschiedenen zweifelhaften Neuerungen verschont – also keine übergroßen Bildschirme – und viele Bedienungselemente wie gewohnt per Knopfdruck oder Rändelrad. Womöglich überspringt ja eine neue A-Klasse die technischen Irrwege des Wischens und Tippens auf dem Bildschirm? Eine Kleinigkeit fiel uns ins Auge oder besser gesagt – sie fiel uns nicht sofort ins Auge: Der Druckschalter für die Warnblinkanlage ist winzig an einer Leiste oberhalb der Mittelkonsole angeordnet. Eigentlich sollte er groß und deutlich wahrzunehmen sein, um im Falle eines plötzlichen Notfalls auch in Panik ohne Umschweife gefunden und gedrückt zu werden

Was für einen Antrieb hat das Auto? So wie das gesamte Gefährt haben wir auch den Dieselmotor zum Test ausgewählt in der Befürchtung, dass er in absehbarer Zeit nicht mehr zu haben sein könnte. Schade wär’s, denn der Zweiliter-Vierzylinder hat nicht nur akzeptable Fahrleistungen und Verbrauchswerte – dank Rußfilter und AdBlue-Technologie erfüllt er auch die aktuellen Abgasnormen. Wer die Gelegenheit hat, regelmäßig den synthetischen Dieselkraftstoff HVO100 zu tanken, fährt umweltschonender als in einem E-Auto. Derzeit bieten in Deutschland zwischen 300 und 400 Tankstellen HVO100 an. Dass er den Preissprung des fossilen Diesels mitmacht, obwohl er gar kein Erdöl enthält und mithin die Straße von Hormus niemals sieht, liegt an der Profitgier des weltweiten Kraftstoffhandels

Der Selbstzünder im A 220d ist durchzugskräftig und verrichtet seine Arbeit geräuscharm. Seinen WLTP-Normverbrauch von glatt fünf Liter unterboten wir im Test knapp. Wer meint, dass ihn die AdBlue-Zusatzkosten belasten, sei beruhigt: Der Einsatz dieser Abgasreinigung führt zu einer leichten Diesel-Verbrauchssenkung im einstelligen Prozentbereich; das gleicht sich also aus. Angesichts aller dieser Fakten kann man nur bedauern, dass die Erfindung Rudolf Diesels durch die bekannten Machenschaften so ruiniert wurde, dass eine Wiederbelebung durch verstärkte Entwicklungsarbeiten zur Zeit schwierig erscheint.

Was bietet dieses Auto? Der Einstieg in die A-Klasse ist aktuell ab 37.997 Euro für einen Benziner mit 136 PS/100 kW möglich, der preisgünstigste Diesel mit 116 PS785 kW kostet 39.514 Euro. Die 220d-Motorisierung unseres Testwagens ist ab 43.945 Euro haben, in der Ausstattung mit der länglichen Bezeichnung AMG Line Advanced Plus wird die 50.000-Euro-Hürde genommen. In diesem Preis enthalten sind unter anderem Sitze in einer Ledernachbildung, deren bekannteste Alcantara heißt. Mercedes verwendet allerdings ein Produkt namens Artico. Mit echtem Nappaleder bezogen ist das Lenkrad. Von außen sichtbar sind die 18-Zoll-Fünfspeichen-Leichtmetallfelgen, beim Auspuffgeräusch soll die AMG-Tochter hörbar werden. Es werden also viele Sinne angesprochen.

Was haben wir vermisst? Zu Scherzen reichte es diesmal nicht: Die weibliche Stimme der Sprachsteuerung möchte auf Zuruf im Gegensatz zu anderen Mercedes-Modellen keinen Witz erzählen – Wettervorhersagen teilt sie orts- und stundengenau mit. Zwar öffnen sich die Türen schlüssellos und wird der Motor auf Knopfdruck zum Laufen gebracht, aber die Heckklappe zum 310 Liter fassenden Kofferraum muss von Hand gehoben und geschlossen werden – eigentlich ganz normal und alltäglich. Aber vielleicht waren wir in letzter Zeit zu oft in Autos aus China unterwegs, deren Klappe zum Stauraum sich beinahe schon automatisch öffnet, wenn man nur daran denkt.

Autogramm

Mercedes A 220d AMG Line Advanced Plus

Typ: Kompaktwagen; Preis: 50 944 Euro; Länge: 4,42 Meter; Breite: 1,80 Meter; Höhe: 1,40  Meter; Radstand: 2,73 Meter; Leergewicht: 1560 Kilogramm; Zuladung: 480 Kilogramm; Kofferraum: 310/1210 Liter; Sitze: fünf; Tankinhalt: 51 Liter; Motor: Diesel-Vierzylinder; Hubraum: 1950 Kubikzentimeter; Leistung: 190 PS/140 kW bei  3800 U/min; Drehmoment: 400 Newtonmeter bei 1600-2600 U/min; Getriebe: Achtstufen-Doppelkupplung; Spitze: 235 km/h; 0 auf 100 km/h: 7,2 Sekunden; Normverbrauch (WLTP): 5,0 Liter Diesel, CO2-Ausstoß: 131 Gramm/km, Testverbrauch: 4,9 Liter.


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