Der Wert des Bewährten

Gemeinsam mit dem kleinen Bruder Ibiza gab der Arona den Seat-Freunden im vergangenen Herbst Hoffnung, dass die spanische Marke nicht wie befürchtet im Cupra-Schatten verschwinden würde. Es handelte sich um die zweite Modellpflege seit seinem Erscheinen im Jahre 2017.

Von Bernd-Wilfried Kießler

Was ist das für ein Auto? Wir leben in Zeiten, in denen grundlegend Veränderungen sozusagen über Nacht geschehen. Statt langsamer Entwicklungen, die vorhersehbar sind, geht es heutzutage ruck-zuck, was die menschliche Anpassung mitunter an ihre Grenzen bringt. Unter diesem Gesichtspunkt ist der Seat Arona geradezu wohltuend: ein in allen Richtungen leicht vergrößerter Kompaktwagen, der weder in der Länge noch in der Breite die gängige Mode des Aufplusterns mitmacht und so das Einparken wie das Ein- und Aussteigen erleichtert. Zur zweiten Modellpflege hat man seine Silhouette nicht verändert, nur das Gesicht etwas ausdrucksvoller geschminkt und den Innenraum ein wenig modernisiert. Was hätte man an diesem Auto, das vor über zehn Jahren entworfen wurde, ändern sollen? Wir hätten uns eine verschiebbare Rückbank gewünscht, um ihn noch besser an wechselnde Transportbedürfnisse anzupassen, und wir wiederholen die Frage: Was ist das für ein Auto? Nein, Schutzleisten an den Radkästen und Schwellern machen es nicht zum SUV. Es ist schlicht ein geräumiger Kompaktwagen, wie er sein soll. Dass seine Preisliste aktuell bei 24.150 Euro für die einfachste Motorisierung mit 95 PS/70 kW und in der namenlosen Einstiegsausstattung beginnt und unser Testwagen deutlich über die 30.000er Hürde springt, ist eine jener erwähnten, schwer zu verkraftenden gegenwärtigen Anpassungen für Otto und Paula Normalverbraucher.

Wie fühlt man sich in diesem Auto? Dank des leicht erhöhten Dachs ist der Einstieg bequem und aufrechten Hauptes möglich. Wer sich allerdings als Mitfahrer mit Hilfe eines Griffs am Dach zurechtruckeln möchte, der greift ins Leere: eingespart. Auch die knitterfreie Mitnahme eines Kleidungsstücks, die unmittelbar hinter dem Fahrer aufgehängt die Rundumsicht nicht einschränkt, ist unmöglich. Nichts als Kleinigkeiten? Mitnichten: Nehmen wir mal an, so ein Griff schlägt mit fünf Euro zu Buche – bei drei Griffen (der Fahrer hat ja den Lenkradkranz als Einstiegshilfe) sind das 15 Euro. Wenn 100.000 Exemplare des Arona vom Band gelaufen sind, befinden sich unterm Strich 1,5 Millionen Euro mehr in der Seat-Kasse. Ansonsten empfängt einen im Arona eine freundliche Atmosphäre, farblos zwar, aber mit verschiedenen hellen Grautönen und Kunststoffleisten, die sich als mattes Metall tarnen. Weil der ursprüngliche Arona vor mehr als zehn Jahren entworfen wurde, kommt einem vieles vertraut vor, etwa ein richtiger Handbremshebel. Die Fahrtrichtungen des automatische Doppelkupplungs-Getriebes werden durch einen Griff zum Zupacken geregelt, der Bildschirm in der Mitte der Armaturentafel hält das Maß eines Tablets. Nein, die Zeit ist nicht stehengeblieben in diesem Seat: Ein rot pulsierender Start-Stopp-Knopf hat schon lange das Zündschloss ersetzt. Die Geräumigkeit vorn setzt sich in der zweiten Reihe fort, wo die Gehwerkzeuge auch dann untergebracht werden können, wenn die vorderen Sessel ganz nach hinten geschoben wurden, zumal die Füße unter den Sitzflächen Platz finden.

Was für einen Antrieb hat das Auto? Der 1,5-Liter-Vierzylinder mit 150 Pferdestärken stammt wie alle Seat-Motoren aus Wolfsburger Regalen. Mit einer siebenstufigen Doppelkupplung kombiniert bleibt unterwegs in Sachen Fahrleistungen kein Wunsch offen, hätten wir bis vor Kurzem freiweg geurteilt. Dank der Wahnideen und Willkür eines Mannes und seiner Gefolgsleute in Washington D.C. ist inzwischen jeder Tropfen Kraftstoff wertvoller als jemals zuvor geworden, so dass eine milde Hybridisierung durchaus erstrebenswert schiene. So muss halt der Gasfuß des Menschen am Steuer die Verbrauchsminderung bewirken. Vernünftige Fahrerinnen und Fahrer halten ihr eigenes Tempolimit ein. Auf diese Weise kamen wir auf einen Testverbrauch von 6,6 Litern Benzin auf 100 Kilometer.

Was bietet dieses Auto? Etwa diese nützliche Einrichtung: Will man bergauf beschleunigen, so zeigt sich die Automatik mit dem Zurückschalten der Gänge zögerlich – zum Glück sind zu beiden Seiten der Lenksäule Paddel angeordnet, mit denen man die Wechsel der Übersetzungen von Hand bewerkstelligen kann. Die Zweifarblackierung unseres Testwagens gab der hellgraubläulichen Basisfarbe einen Hauch Eleganz. Wesentlicher ist das variable Fassungsvermögen des 400-Liter-Kofferraums, der über eine lediglich 68 Zentimeter hohe Kante einigermaßen rückenschonend be- und entladen werden kann. Innen geht es zwar 14 Zentimeter abwärts, aber der Ladeboden lässt sich anheben, so dass man schwerere Gegenstände stufenlos wie in einen Backofen einschieben kann. In diesem Fall setzt sich die Ebene nach vorn fort, wenn die hinteren Sitzlehnen nach vorn geklappt werden. Das gibt es auch schon in der einfachsten Arona-Einstiegsausstattung, ebenso die Dachreling. In der FR-Fassung unseres Testwagens sind die luftigen Alufelgen 17 Zoll groß und die hinteren Scheiben getönt. Außerdem an Bord: Klimaautomatik, Park-, Stau- und Totwinkelassistent, adaptiver Tempomat sowie eine Rückfahrkamera. Diesbezüglich ist der Seat Arona also trotz seiner langen Bauzeit keineswegs von gestern.

Autogramm

Seat Arona 1.5 TSI FR

Typ: Kompaktwagen; Preis: 33.250 Euro; Länge: 4,16 Meter; Breite: 1,78 Meter; Höhe: 1,53 Meter; Radstand: 2,57 Meter; Leergewicht: 1268 Kilogramm; Zuladung: 442 Kilogramm; Kofferraum: 400-1280 Liter; Sitze: fünf; Tankinhalt: 40 Liter; Motor: Otto-Vierzylinder; Hubraum: 1498 Kubikzentimeter; Leistung: 150 PS/110 kW bei 5000-6000 U/min; Drehmoment: 250 Newtonmeter bei 1500-3500 U/min; Getriebe: Siebenstufen-Doppelkupplung; Spitze: 212 km/h; 0 auf 100 km/h: 8,3 Sekunden; Normverbrauch: 5,6 Liter Super, CO2-Ausstoß: 128 Gramm/km, Testverbrauch: 6,6 Liter.


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