


Der gedehnte Kompaktwagen
Wer denkt, dass der koreanische Hersteller nur an EV wie Elektro denkt, der irrt: Das große K des hier getesteten Modells K4 könnte im Deutschen für Kolbenmotor stehen. Jedenfalls arbeitet ein Vierzylinder-Benziner unter der breiten Haube.
Von Bernd-Wilfried Kießler
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Was ist das für ein Auto? Der Begriff „kompakt“ ist im wahrsten Sinne des Wortes dehnbar, denn Kia gibt den K4 als Nachfolger des 4,31 Meter langen Ceed aus, allerdings um 13 Zentimeter verlängert und auf 1,85 Meter breitgeklopft. Weil man die Griffe der hinteren Türen ins dunkel gefärbte Glas verlegt hat und die engen koreanischen Fugen sprichwörtlich sind, könnte der K4 auf den ersten Blick als Dreitürer durchgehen. Zudem erscheint das Dach am Heck durch einen Designerkniff schwebend: Die hintere Dachsäule wurde teilweise geschwärzt.
In der K4-Zulassung steht als Herkunftsland weder Südkorea noch die Slowakei, wo Kia ein europäisches Werk unterhält, sondern MEX. Volkswagen betreibt sein mexikanisches Werk schon seit den 1960-er Jahren, heutzutage laufen Autos von 17 Marken im mittelamerikanischen Land von den Bändern – es sind dies außer VW und Kia: Audi, BMW, Cadillac, Chevrolet, Chrysler, Dodge, GMC, Ford, Honda, Infiniti, Jeep, Mazda, Mercedes-Benz, Nissan und Toyota. 2025 kamen über vier Millionen Pkw aus Mexiko mit den Hauptzielen USA und Kanada.
Wie fühlt man sich in diesem Auto? Den Hauptkritikpunkt zuvörderst: Für einen Allzweckwagen in Europa mit seinen engen Altstadtgassen, aber auch Dorfsträßchen, hat man ständig das Gefühl, der K4 ist mindestens zehn Zentimeter zu breit. Dieser Eindruck entsteht auch, wenn eine Straßenseite vollgeparkt ist. Das innerstädtische Chauffieren des K4 erfordert also einiges an Konzentration. Die äußere Breite führt naturgemäß zu innerer Geräumigkeit, auch im Fond, wo drei Erwachsene bequem auf perforiertem Leder Platz nehmen können. Die dunkle Grundfarbe des Innenraums wird durch weiße Schmuckelemente aufgehellt – besonders auffällig: der weiße Pralltopf mit Airbag in Lenkradmitte. Metallisch glänzender Zierrat wird sparsam eingesetzt, beim Ambientelicht bietet die Sprachsteuerung elf verschiedene Farbtöne an; ein Glasschiebedach erfordert 990 Euro Aufpreis.
Ansonsten bietet das Cockpit einen annehmbaren Kompromiss aus Bildschirm und Tasten, Knöpfen und Drehrädchen. Am linken Rand der Mattscheibe in der Mitte kann das Klima an Bord gesteuert werden – immer sichtbar, und nicht wie anderswo in einem Untermenü versteckt. Trotzdem tippt man während der Fahrt gern mal daneben – nichts ist präziser als feste Knöpfe und Schalter. Der Motor wird per Startknopf in Gang gesetzt, die Automatik nicht durch irgendwelchen modischen Krimskrams wie Hebelchen und Druckflächen geregelt, sondern durch einen handfesten Griff zum Zupacken.
Welchen Antrieb hat das Auto? Heutzutage ganz ungewohnt: ein Vierzylinder-Ottomotor ohne jegliche hybride elektrische Sparhilfen, wenn man von der Start-Stopp-Automatik absieht. Die Kraftübertragung besorgt ein siebengängiges automatisches Doppelkupplungsgetriebe. Dieser Antriebsstrang hat dazu geführt, dass wir einen Testverbrauch mit einer 7 vor dem Komma notierten, 0,3 Liter über dem WLTP-Normwert, der mit 6,9 Liter Benzin angegeben wird. Wir tippen mal, dass dies angesichts der hohen Benzinpreise keine Dauerlösung für die gesamte K4-Produktionszeit von sieben oder acht Jahren ist. Wenn man den Motor unseres Testwagens elektrifiziert und in einen Hybridantrieb verwandelt, wird dies allerdings zu einer deutlichen Verkleinerung des Kofferraums führen, weil Platz für die Speicherbatterie gebraucht wird. An der mildhybriden K4-Einstiegsmotorisierung mit einem Liter Hubraum und 115 PS/85 kW kann man das jetzt schon ablesen: Dort misst der Stauraum statt 438 nur 328 Liter.
Das Geräuschniveau im Inneren dieses Kia ist angenehm, wenn man beim heutzutage üblichen Piepsen seine Ohren auf Durchzug stellen kann. Beim Anfahren überlegt sich die Elektronik im K4 immer für den Bruchteil einer Sekunde, ob sie den Druck aufs Gaspedal wirklich in Vortrieb umsetzen soll. Man gewöhnt sich daran. In der unteren Mitte des Lenkradkranzes ist ein Knopf postiert, mit dessen Hilfe man zwischen den Fahrprogrammen Eco, Normal und Sport wählen kann.

Was bietet dieses Auto? Wir widmenuns an dieser Stelle gern dem Nutzwert und der Gepäckraumgröße. Die Kia-Ingenieure haben sich bei der Wahl zwischen Passagieren und Gepäck für die Menschen in der zweiten Reihe entschieden: Hier ist wirklich Platz in allen Richtungen, aber nicht auf Kosten des Gepäckabteils dahinter: Für ein Auto dieser Länge und Breite sind 438 Liter Stauraum angemessen. Bis unters Dach passen 1217 Liter wenn die hinteren Lehnen geklappt sind. Eine Stufe im Ladeboden entsteht dabei nicht, lediglich ein leichter Anstieg nach vorn. Die Ladekante maßen wir in siebzig Zentimetern über dem Erdboden, innen geht’s nur zwölf Zentimeter nach unten. Vier Verzurrösen sorgen für Sicherheit.
Von den zeitgemäßen Fahrhilfen aller möglichen Art, über die dieser Kia verfügt, fanden wir eine besonders nützlich: Wird in einer Richtung geblinkt, erscheinen auf dem Bildschirm sofort bewegte Aufnahmen von dieser Seite. Wenn man also etwa scharf nach nach rechts um die Ecke abbiegt, hilft das, dort befindliche Radfahrer und Fußgänger nicht um dieselbige zu bringen.
Autogramm
Kia K4 1.6T GDI Spirit
Typ: Kompaktwagen; Preis: 36.890 Euro; Länge: 4,44 Meter, Breite: 1,85 Meter, Höhe: 1,44 Meter; Radstand: 2,72 Meter; Leergewicht: 1.500 Kilogramm; Zuladung: 440 Kilogramm; Kofferraum: 438–1.217 Liter; Sitze: fünf; Tankinhalt: 47 Liter; Motor: Otto-Vierzylinder; Leistung: 180 PS/132 kW bei 6000 U/min; Drehmoment: 265 Newtonmeter bei 1.500 bis 4.500 U/min; Getriebe: Siebenstufen-Doppelkupplung; Spitze: 210 km/h; 0 auf 100 km/h: 8,4 Sekunden; Normverbrauch (WLTP): 6,9 Liter Benzin; CO2-Ausstoß: 155 Gramm/km; Testverbrauch: 7,2 Liter.


