


Der edle Vetter aus Rüsselsheim
Die französische Marke DS hat es nicht leicht auf dem deutschen Markt. Vor gut zehn Jahren von Citroen abgespalten, versucht sie mit eigenwilligem Äußeren und luxuriösem Innenraum mit einem Hauch von Paris auf bewährter Technik Kundschaft anzusprechen.
Von Bernd-Wilfried Kießler
Was ist das für ein Auto? Der DS N°4, wie sich das Viereinhalb-Meter seit der letzten Modellpflege nennt, nutzt die Kompaktwagen-Plattform des Stellantis-Konzerns und wird in Rüsselsheim am gleichen Band wie der Opel Astra gebaut. Über seine Verarbeitungsqualität dürfte es damit keine Zweifel geben. Freilich: Der Preis unseres Testwagens in Höhe von 48.230 Euro lässt einen zusammenzucken. Zwar gehen bei näherem Hinsehen 3.800 Euro auf das Konto der Nappaleder-Ausstattung, die merkwürdigerweise mit einem Head-up-Display kombiniert ist. Man kann in der Einstiegsfassung, die auf den historischen DS-Beinamen Pallas hört, schon für 39.230 Euro in Besitz eines keineswegs mager ausgestatteten N°4 kommen. Warum die Zulassungszahlen trotzdem überschaubar sind? Das hiesige DS-Händlernetz ist mit 35 Standorten einfach zu klein: Mehr als zwanzig Kilometer will der deutsche Autofahrer nachgewiesenermaßen nicht bis zu seiner nächsten Werkstatt fahren.
Wie fühlt man sich in diesem Auto? Die komfortablen Ledersitze vermitteln natürlich Eindruck beim Einstieg, und die Innenraumgestalter haben sich große Mühe gegeben, alles ein wenig anders zu machen. Der heutzutage unverzichtbare Bildschirm ist eher unauffällig in die Armaturentafel integriert. Dass man darunter den Motorstartknopf als liegende Raute in Rot angeordnet hat, ist eine jener bewussten Eigenwilligkeiten, die einem signalisieren, dass man nicht in einem 0815-Auto sitzt. Einiger Zierrat besteht in geriffeltem Chrom, und man muss schon sehr genau hinschauen, um kleine hölzerne Schmuckleisten an den Innenseiten der Türen zu erkennen. Die diversen Bedienelemente sind einleuchtend auf Knöpfe, Schalter und Bildschirm verteilt. In deren Anordnung hat man sich nicht verkünstelt.
Im Fond sitzen zwei Personen bequem, der mittlere Platz mit seiner Stummelkopfstütze kann wirklich nur als Notsitz gelten. Stattdessen lassen sich hier zwei Becherhalter ausklappen und im nächsten Schritt Skier oder Besenstiele vom Kofferraum dahinter durchladen. Der hat mit 438 Litern ein ordentliches Fassungsvermögen, muss allerdings über eine 80 hohe Kante beladen werden, vor der es innen 20 Zentimeter abwärts geht. Einen ebenen verlängerten Ladeboden haben sie leider nicht zustande gebracht: Es entsteht eine Stufe, wenn die hinteren Rückenlehnen nach vorn geklappt werden.
Was für einen Antrieb hat das Auto? Der Hersteller nennt ihn Hybrid, es ist aber nur ein milder, der das Auto mit seinen 28 Pferdestärken kurz beim Anfahren allein voranbringt, ehe sich der Dreizylinder knurrend zuschaltet. Immerhin taugt die kleine Speicherbatterie von 0,9 KWh dazu, Brems- und Schubenergie aufzufangen und verbrauchssenkend an den E-Motor abzugeben, wenn rangiert oder beschleunigt wird. Mit einer Systemleistung von 145 PS kommt man im leer gut anderthalb Tonnen wiegenden Wagen gut voran, ist in weniger als zehn Sekunden aus dem Stand auf Tempo 100 und könnte, wenn man denn wollte und die Strecke frei genug wäre, sogar die 200-km/h-Hürde nehmen. Die Doppelkupplung hat sechs Stufen, die durch Paddel am Lenkrad auch von Hand gewechselt werden können. Im Diesel-DS-4 sind’s sogar deren acht Übersetzungen, der Plug-in-Hybrid liegt mit sieben Gängen in der Mitte. Das Fahrwerk ist weit weg von jenem Sänftencharakter, mit denen französische Autos einst punkteten. Keine Querfuge bleibt dem Rückgrat der Insassen verborgen.
Was bietet dieses Auto? Schon die Pallas-Grundausstattung enthält wesentlichen Luxus und viel Sicherheit. In unserem Testwagen fanden sich zusätzlich für 9.000 Euro mehr unter anderem ein Navigationsgerät, beheizbares Lenkrad, getönte Fondscheiben, Matrix-LED-Scheinwerfer, die Gegenkommer ausblenden können, und wie schon erwähnt Head-up-Display sowie Lederausstattung. Ob der Mehrpreis entsprechenden Gegenwert bietet, muss jeder für sich entscheiden.

Warum wir den DS N°4 nicht vergessen werden. Es ist ausdrücklich untersagt, mit Pressetestwagen an Rennen und Rallyes teilzunehmen. Was nicht verboten ist: Mit einem DS N°4 an einer organisierten Ausfahrt an den Start zu gehen, deren Erlös wohltätigen Zwecken zukommt. Natürlich sind in einem solchen bunten Feld Klassiker gern gesehene Gäste, und wir hatten ein privates Modell mit H-Kennzeichen gemeldet. Dann kam uns eine Hitzewelle in die Quere, und wir stiegen kurzfristig auf den vollklimatisierten DS-Testwagen um. Das Aufsehen damit war kaum geringer als für einen Oldtimer. Denn die meisten Menschen an Start und Ziel hatten bis dahin einen DS N°4 noch nicht bewusst wahrgenommen, und die wenigsten wussten, dass sie einen edlen Vetter des Opel Astra vor sich hatten.
Autogramm
DS N°4 Hybrid 145 Étoile + Nappa
Typ: Kompaktwagen; Preis: 48.230 Euro; Länge: 4,47 Meter, Breite: 1,84 Meter, Höhe: 1,50 Meter; Radstand: 2,68 Meter; Leergewicht: 1.538 Kilogramm; Zuladung: 467 Kilogramm; Kofferraum: 438–1.217 Liter; Sitze: 4+1; Tankinhalt: 47 Liter; Motor: Otto-Dreilzylinder; Leistung: 136 PS/100 kW bei 5.500 U/min; E-Motor: 28 PS/21 kW; Systemleistung: 145 PS/107 kW; Systemdrehmoment: 230 Newtonmeter bei 1.750 U/min Getriebe: Sechsstufen-Doppelkupplung; Spitze: 203 km/h; 0 auf 100 km/h: 9,4 Sekunden; Normverbrauch (WLTP): 5,2 Liter Benzin; CO2-Ausstoß: 116 Gramm/km; Testverbrauch: 6,2 Liter.



