


Südländischer Heißsporn im Kleinformat
Freunde höherer Leistungen aufgepasst: Der gerade mal vier Meter kurze Cupra Raval hat es faustdick in seinen Elektromotoren. Zum Marktstart des Kleinwagens mit seiner auffälligen Außenhaut geht’s los mit 211 PS/155 kW – samt bemerkenswertem Kofferraum.
Von Gundel Jacobi
Premierenauftritt im VW-Konzern. Er ist ein Hingucker mit seiner Haifisch-Haube, ungewöhnlich gezeichneten Scheinwerfern, markanten Sicken und Kanten sowie dreifarbigen Felgen. Damit gehört der nagelneue Raval zu den extravaganten Fahrzeugen im VW-Konzern, die gerade wegen der Zugehörigkeit zur Kleinwagenklasse für besondere Aufmerksamkeit sorgen, wobei er im Grunde technisch nicht viel anders ist als der ebenfalls frische Vetter VW ID Polo. Allerdings presst sich der spanische Heißsporn wegen seines tiefergelegten Fahrwerks um 1,5 Zentimeter dichter auf die Straße und hat überhaupt die Nase vorn. Denn der Südländer erscheint im Sommer als erster und kann sich nicht zuletzt wegen seiner MEB+-Plattform, die er im VW-Konzern mit einem kleinen Vorlauf nutzt, eines viel beachteten Premierenauftritts sicher sein. Wer sich für einen Cupra entscheidet, tritt bewusst aus dem Allerwelts-Einerlei heraus und ist bereit, der Jagd auf Schnäppchen-Preise zu entsagen. Tatsächlich verzeichnet die vor neun Jahren von Seat losgelöste Marke zunehmende Verkaufserfolge und ruckelt sich unterm VW-Dach zu einer etablierten Partner-Firma zurecht. Schaut man sich die schicken stromernden Wettbewerber à la Mini Aceman, Nissan Micra oder Renault R5 an, ahnt man indes, dass es ein Cupra Raval nicht einfach haben wird, sich in diesem Segment zu behaupten.
Bedrohliche Kulisse ist gewollt. Man erwartet von einem Cupra, dass er diesen Hang zum aggressiven Auftritt hat, was er bereits beim Blick auf den Bug einlöst, da seine schräg nach oben gezogenen dreieckigen Scheinwerfer mit dunkel kontrastrierter Innenzeichnung ziemlich bedrohlich wirken. Zudem zeugt die gesamte Vorderwagengestaltung gezielt pfeilförmig von nach vorne gerichtetem Vorwärtsdrang. Ein Kunstkniff, der vor allem bei Kleinwagen seine Wirkung nicht verfehlt: die seitliche Linie optisch deutlich zum nach oben gezogenen Heck ansteigen zu lassen. Dabei entstehen vor dem geistigen Auge etwa Bilder einer sprungbereiten Katze! Etwas anderes fällt aber auch auf – nämlich die an sich stimmig aussehenden versenkbaren Türgriffe. Hier ist anzunehmen, dass sie die erste Modellpflege nicht überstehen werden. Dafür sind sie aus Sicherheitsgründen in letzter Zeit zu sehr in Verruf geraten und werden in China gar verboten. Was man beim Raval nicht einfach sehen kann, jedoch bedeutende Fortschritte zur Folge hat, ist die weiterentwickelte Konzernplattform MEB+ mit weitreichenden Folgen: Unter anderem ist der ursprüngliche Elektro-Heckantrieb nach vorne gewandert, und es gibt leichtere Batterien mit höherer Energiedichte.
Innere Geruhsamkeit in der Bedienung. Im Cockpit fällt eine wohltuende Mischung aus Tasten und Drehreglern am Lenkrad auf, das Bordinfo-Instrument hinterm Lenkrad besticht durch seine akkurate Ablesbarkeit. Rechts davon befindet sich der größenmäßig gut eingepasste Touchscreen zum Wischen und Tippen, der sich nach kurzer Eingewöhnung intuitiv bedienen lässt. Auch die Klimazentrale ist innerhalb des Bildschirms integriert, aber als eigene Einheit im unteren Monitorbereich. Übrigens: Auch wenn sich Cupra eines technisch wachen Konzepts verschrieben hat – ein Head-up-Display ist in dieser Kleinwagenklasse einfach nicht vorgesehen, was während der ersten Testfahrt durchaus vermisst wurde. Ganz anders gestaltete sich der Eindruck des Sitz-Seitenhalts: Hier bleibt nur ein Bravo!
Eine Reihe weiter hinten im Fond wird es spannend, handelt es sich doch oft um die Achillesferse in einem rollenden Vier-Meter-Abteil. Die Kopffreiheit ist absolut okay, bei der Beinfreiheit fühlt es sich schon merklich begrenzt an, eben kleinwagentypisch. Cupra hat mehr auf das nächsthintere Stübchen gesetzt: Der Kofferraum bietet mit 441 Liter Fassungsvermögen richtig viel Platz. Obendrein gibt es noch einen Ladeboden, der drei unterschiedliche Fachgrößen ermöglicht: pfiffige Idee!

Unterwegs im flinken Wiesel. Mittels klassischem Lenkstockhebel wird die Fahrtrichtung angewiesen – bereit zur Abfahrt ist der Raval ohne weiteres Zutun, sobald man im Fahrzeug sitzt. Dies ermöglicht der so genannte digitale Fahrzeugschlüssel, sodass mittels Smartphone das Auto entriegelt und gestartet wird. Entsprechend der Cupra-Philosophie, die gerne die hochmotorisierten Versionen in den Vordergrund stellt, gab es zur Fahrvorstellung einzig die VZ-Spitzenausführung zu bewegen: Der Elektromotor stellt 226 PS/166 kW in Verbindung mit einer 52-kWh-Batterie bereit. Bei Bedarf kann es also losgehen wie Schmidts Katze, was jedoch nicht unbedingt ratsam ist – schließlich gilt es auch, die Reichweite vernünftig zu managen: Der stärkste VZ-Raval weist nach WLTP-Norm bis zu 440 Kilometer aus. Kleinwagen hin, Cupra her, der Raval ist ein echtes Wiesel, das sich in der Stadt genauso wohlfühlt wie über Land. Dafür bürgt ein tendenziell straff abgestimmtes Fahrwerk, das im Comfort-Modus gut mit holprigen Belägen umzugehen weiß. Der WLTP-Normverbrauch von 16,1 kWh/100 Kilometer wurde nach einer langen Testtour in gemischtem Stadt-Land-Gebiet einschließlich 130-km/h-Autobahnstrecke vom Bordcomputer mit durchschnittlich 16,8 kWh quittiert. Auffällig war allenfalls eine anschwellende Windgeräuschkulisse der Außenspiegel ab Tempo 120. Sehr praktisch gestaltete sich der wählbare One-Pedal-Betrieb in Ortschaften, um den Raval per ganz zurückgenommenem Fahrpedal bis zum Stand zu verzögern.
Zwei Batteriegrößen und vier Leistungsstufen. Grundsätzlich stehen zwei Batteriegrößen in jeweils zwei Leistungen zur Verfügung. Der 37-kWh-Akku ist mit der 116 PS/85 kW-Basismotorisierung kombiniert, die ab Herbst in den Handel kommen soll. Die nächste Stufe setzt mit 135 PS/99 kW an. Beide 37-kWh-Batterien weisen eine WLTP-Reichweite bis zu 300 Kilometer aus. Ein größerer Akku mit 52 kWh wird gekoppelt mit 211 PS/155 kW oder 226 PS/166 kW Leistung. In beiden Fällen wird eine Reichweite von rund 440 Kilometer genannt. DC-Schnellladung gelingt je nach Ausführung zwischen 88 und 105 kW. Bestenfalls ist somit eine Stromladung von 10 bis 80 Prozent binnen 23 Minuten machbar. Der Einstiegspreis für den Cupra Raval liegt bei 25.950 Euro, die VZ-Spitzenversion schlägt mit 46.525 Euro zu Buche.
Zweifellos tritt der Cupra Raval in einer gewissen Nische an – vor allem preislich betrachtet. Denn in der Kleinwagenklasse geht es in der Regel höchst preissensibel zu. Wer Vernunft und Vergnügen koppeln möchte, hat zumindest in der Entscheidung zwischen Reichweite, Schnellladefähigkeit, Leistung, Batteriegröße und Kaufsumme eine entsprechende Bandbreite.
Autogramm
Cupra Raval Endurance
Typ: Kleinwagen; Preis: 34.790 Euro; Länge: 4,05 Meter; Breite: 1,78 Meter; Höhe: 1,51 Meter; Radstand: 2,60 Meter; Leergewicht: 1610 Kilogramm; Zuladung: 545 Kilogramm; Kofferraum: 441 Liter; Sitze: fünf; Motor: Elektromotor, Permanentmagneterregte Synchronmaschine; Leistung: 211PS/155 kW; Drehmoment: 290 Newtonmeter; Spitze: 160 km/h; 0 auf 100 km/h: 7,1 Sekunden; Batterietyp: Lithium-Ionen-Akku; Batteriekapazität: 52 Kilowattstunden (kWh); Reichweite (WLTP): 445 Kilometer; Wallbox Wechselstrom 11 kW: 5 Stunden 30 Minuten, Ladestation Gleichstrom 105 kW: 24 Minuten (80 Prozent), Stromverbrauch (WLTP): 13,6-14,8 kWh/100 Kilometer; CO2-Ausstoß: 41-44 Gramm/Kilometer (Strommix Deutschland).


