


Eine Neuvorstellung in voller Fahrt
Seit zwei Jahren ist der chinesische Hersteller Xpeng in Deutschland vertreten. Auf einer Etappe einer 10.000-Kilometer-Testtour durch Europa hatten wir Gelegenheit, den vollelektrischen Luxus-Van X9 zu fahren – im wuseligen Verkehr südeuropäischer Großstädte, auf Autobahnen und Landstraßen.
Von Harald Koepke
Wer sucht, der findet. Dem morgendlichen Start in Malaga geht zunächst eine Einweisung in die Bedienung des Xpeng X9 voraus – ohne die geht es nicht. Grundfunktionen wie Sitzverstellung, Wischerbetätigung oder Wahl der Fahrstufe sind vertraut. Mein persönlicher Lieblingsgriff: die Verstellung der Lenksäule mit einem Hebel unten dran, ganz wie seit Jahrzehnten bekannt – und bewährt! Dann gilt es, sich etwa für die Einstellung der Außenspiegel unter Anleitung ins Menü des großen Zentral-Bildschirms zu vertiefen. Wenn man sie gefunden hat, ist es – ab dem dritten Mal vielleicht – ganz einfach. So wie diese nun wirklich wichtige Vorbereitung vor dem Losfahren sind dann während der Fahrt etliche mal mehr, mal weniger dringliche Funktionen auf dem großen mittig angeordneten Bildschirm zu suchen. Kann man sich damit im Stau stehend gut ablenken, so ist es genau diese Ablenkung, die während der Fahrt besser nicht die Oberhand gewinnen sollte. Damit ist der Xpeng heutzutage nicht allein.
In Fahrt. Nun aber los, schließlich haben wir genug Strecke vor uns. Ausparken, einfädeln, all das klappt dank guter Rundumsicht und etlicher Kameras bestens, deren zwölf sind im Einsatz. Beim Blinken wird eine nach hinten gerichtete Kamera eingeblendet, sowohl in die kleine Anzeige hinter dem Lenkrad wie auch in die sehr gut ablesbare Projektion in die Windschutzscheibe. Schon nach wenigen Kilometern erschließt sich das als äußerst nützliche Ergänzung der Außenspiegel – und des Schulterblicks! Schließlich gilt es hier in Malaga, sich schnell mit den vielen um einen herumschwirrenden Motorrollern zu arrangieren.
Das Mitschwimmen im Verkehr gelingt komfortabel und sicher, zumal die stets vorhandene schnellstens abrufbare Leistung zusammen mit der exakten Lenkung flotte Spurwechsel möglich macht. Einmal auf der Autobahn zeigt sich unser Testwagen als komfortabler Gleiter, vor allem wenn man sich die nach dem eigenen Geschmack und Empfinden zu wählenden Fahrproramme eingestellt hat: Eco beim Antrieb lässt leider Komfort im aktiven luftgefederten Fahrwerk nicht zu. Alle möglichen Anliegen – auch an das präzise Navigationssystem – lassen sich per Sprachbefehl formulieren – recht so, denn dann bleibt der Blick auf der Straße.
Platz ohne Ende. Eine erste Pause – nein, noch nicht zum Laden, nur für eine Wäsche für das im trockenen Süden verstaubte Gefährt, um es fototauglich herauszuputzen – verschafft Zeit, das Wageninnere zu erkunden. Sitzen Fahrer und Beifahrer schon äußerst bequem, steigert sich das in den beiden Sesseln der zweiten Reihe zum Erholungserlebnis in entspannter halb liegender Position mit Blick auf den aus dem Dach hervorklappenden großen Bildschirm. Man kann den 5,32 Meter langen X9 auch als rollendes Arbeitszimmer nutzen und auf den stabilen Tabletts am Rücken der Vordersitze am Laptop in die Tasten hauen. Selbst die drei Sitze in der dritten Reihe sind für Erwachsene mehr als ausreichend, und dann warten dahinter immer noch sensationelle 721 Liter Kofferraum. Die Plätze in Reihe 3 sind über eine lange Schiebetür gut zu erreichen, die ihre Vorteile vor allem in engeren Parklücken zeigt.

Apropos: Das Einparken kann getrost dem vertrauenerweckenden Park-Assistenten überlassen werden. Wer lieber selbst einparkt, freut sich über den für ein Fahrzeug dieser Größe erfreulich kleinen Wendekreis von 10,80 Metern – dank mitlenkender Hinterräder! Aber natürlich sind 5,32 Meter Länge und fast zwei Meter Breite in deutsche Parkhäusern und Tiefgaragen eine Herausforderung und für die üblichen Parkbuchten zu groß. Zum Laden benötigt – wenn alle Voraussetzungen stimmen – unser Xpeng X9 nur wenig Zeit. 800-Volt-Technik und eine maximale Ladeleistung von 400 Watt – wenn das denn die Schnellladesäule zulässt – sorgen für eine Aufladung von 10 auf 80 Prozent in nur 12 Minuten.
Heiß im doppelten Sinne. So haben wir ein wenig Zeit, uns in der Landschaft umzuschauen, die nicht nur für Dreharbeiten von Italo-Western genutzt, sondern auch von Indiana Jones und Lawrence von Arabien besucht wurde. Kurz fühle ich mich im heißen Wüstenwind im Schatten der übriggebliebenen Filmkulisse eines Saloons wie Harrison Ford oder Charles Bronson, doch bald zieht es mich wieder in den klimatisierten Xpeng mit den gekühlten Getränken in der Mittelarmlehne. Die Weiterfahrt nach Valencia, nur von einer weiteren kurzen Ladepause unterbrochen, gestaltet sich geradezu erholsam – die Langstreckenqualität des Xpeng X9 ist beachtlich, zumal die Reichweite von an die 500 Kilometer im Höchstsommer (Achtung – Wortschöpfung!) überzeugend gerät. Mit hohem Autobahnanteil pendelt sich der Verbrauch um die 21 kWh/100 km ein.
Heiß ist an diesem Auto nur der Preis – es geht in der Basisversion, die umfassend ausgestattet ist, mit 77.600 Euro los. Das von uns gefahrene Spitzenmodell Xpeng X9 AWD Performance ist – anders als das an der Hinterachse angetriebene Grundmodell – mit Allradantrieb ausgestattet sowie mit einem stärkeren Motor (503 PS/370 kW statt 320 PS/235 kW) und einer Batterie mit einer Kapazität von 110 kWh (statt 94,8 kWh). Die umfangreiche Voll-Ausstattung ist hingegen bei allen Modellen gleich, Aufpreise gibt es nur für Sonderlackierungen (1.000 bis 1.500 Euro) und eine Anhängerkupplung (1.260 Euro). Die Fahrzeuggarantie beträgt sieben Jahre oder 160.000 km, dazu gibt es acht Jahre Garantie auf die Hochvoltbatterie (bis 160.000 km). So etwas würden wir uns von deutschen Herstellern wünschen.
Autogramm
Xpeng X9 AWD Performance
Typ: Minivan; Preis: 86.600 Euro, Länge: 5,32 Meter; Breite: 1,99 Meter; Höhe: 1,79 Meter; Radstand: 3,16 Meter; Leergewicht: 2745 Kilogramm; Zuladung: 3320 Kilogramm; Kofferraum: 721/2250 Liter; Sitze: sieben; Motor: 2 Permanentmagnet-Synchron-Elektromotoren; Gesamtleistung: 503 PS/370 kW; Gesamtdrehmoment: 640 Newtonmeter; Spitze: 200 km/h; 0 auf 100 km/h: 5,9 Sekunden; Batterietyp: Nickel-Mangan-Kobalt; Batteriekapazität: 110 Kilowattstunden (kWh); Reichweite (WLTP): bis zu 580 Kilometer; Wallbox Wechselstrom 11 kW: 11 Stunden (0-100 Prozent), Ladestation Gleichstrom 542 kW: 12 Minuten (10-80 Prozent), Stromverbrauch (WLTP): 20,8 kWh/100 Kilometer; CO2-Ausstoß: 60,5 Gramm/Kilometer (Strommix Deutschland 2025).


