Flotter Feger

Der Elektrozwerg macht einen auffällig sympathischen Eindruck, wieselt flink durchs Straßengetümmel und hat vor allem zwei markante Merkmale, die man mögen muss: eine sehr nervige Assistentin und eine für Kleinwagen nicht ungewöhnliche überschaubare Reichweite. 

Von Gundel Jacobi

Porträt von Gundel Jacobi

Was ist das für ein Auto? Hinter dieser Überlegung verbirgt sich zunächst eine andere Frage, die wir vom Nachbarn gestellt bekommen haben, der immerhin schon wusste, dass es sich bei BYD um einen der namhaftesten chinesischen Hersteller handelt: Was ist der Unterschied zwischen Dolphin Surf und Dolphin? Ganz einfach – der Zusatz Surf weist darauf hin, dass es sich um einen knapp Viermeter-Kleinwagen handelt, während der 30 Zentimeter längere Dolphin als größerer Bruder in der Kaste der Kompaktwagen antritt. BYD hat dem surfenden Delphin eindrucksvoll zugestanden, dass er als keckes Einstiegsmodell in der Verkaufspalette schon äußerlich auf sich aufmerksam machen darf.

Es fängt mit der Farbe an: Zitronengelb mit einem Klecks Limettengrün – nur ausgewiesene Gelbgegner können sich der sympathischen Strahlkraft dieser Schattierung widersetzen. Obendrein ist das Spiel mit Kanten, Linien, Kurven und auffälliger Kunststoff-Ummantelung beim keilförmig nach hinten aufragenden Zwerg derart gelungen, dass man unverhohlen von einem flotten Feger schreiben möchte. Ob das Heck die Schokoladenseite des Kleinen ist, lassen wir mal außen vor, aber völlig abgefahren wirkt eindeutig der zweigeteilte Dachspoiler: Wow!      

Wie fühlt man sich in diesem Auto? Tasten an der Türinnenseite, Schalter und Drehregler auf dem Lenkrad sowie eine Leiste unterm Hauptbildschirm an der Armaturentafel: Da hat BYD vieles richtig gemacht – zumindest für den europäischen Geschmack. Dabei ist alles nachvollziehbar aufgeräumt, keinesfalls überfrachtet, dass man sich wie in einer vollgepfropften Pilotenkanzel vorkommen könnte. Zunächst gewöhnungsbedürftig: Eine knubbelige Drehwalze ganz links in der Mittelkonsole zum Einstellen der Fahrstufen lässt sich erstaunlich geschmeidig bedienen, auch wenn dies nicht unbedingt der Weisheit letzter Schluss ist. Kein Chinese ohne Spielerei: Der Monitor lässt sich nach eigenem Belieben quer oder hochkant positionieren – dieser Drehvorgang gelingt einfach per Lenkradtaste oder mit einem Sprachbefehl.

Über den Sitzkomfort kann man vorne wie hinten nicht meckern. BYD hat im internationalen Zwist zwischen mehr Platz im Fond oder im Kofferraum der zweiten Sitzreihe den Zuschlag gegeben – was wiederum bei einem Mitbewerber wie dem Hyundai Inster mit einer verschiebbaren Rückbank elegant gelöst wurde. Jedenfalls sind 308 Liter im Hinterstübchen fürs Gepäck nicht unbedingt der Brüller. Demgegenüber gibt’s jedoch keine Verrenkungen oder gar Quetschungen für die hinteren Passagiere.  

Welchen Antrieb hat das Auto? Der Dolphin Surf in der mittleren Boost-Ausstattung hat einen 43,2-kWh-Akku an Bord und serviert eine Leistung von 88 PS/65 kW, die einem Kleinwagen angemessen ist. Das sind in der Tat recht zurückhaltende technische Daten, die einen in der Fahrpraxis jedoch keinesfalls zu einem Verkehrshindernis machen, schon gar nicht in Ballungsräumen oder über Land, wenn man mit dem sofort anliegenden Drehmoment von 175 Newtonmeter auf Touren kommt. Der chinesische Dolphin Surf kümmert sich zudem ganz tapfer um eine manierliche Dämpfung von Straßenunebenheiten. Er kann jedoch nicht verhehlen, dass die Fahrwerksabstimmung bei entsprechenden Asphaltvertiefungen  überfordert ist und dies zu Rumplern im Innenraum führt.

Schade, dass keine Ein-Pedal-Bedienung angeboten wird. Auch bei der wirksameren der beiden Rekuperationsstufen, die einzig über das Menü anzusteuern sind, kommt das Auto leider nicht zum Stehen, wenn man das Fahrpedal zurücknimmt. Man muss stets auf die Bremse drücken, sonst kriecht der Kleine unbeirrt weiter. Solche Feinheiten fielen wohl der hart kalkulierten Preisgestaltung zum Opfer. Damit kann man problemlos leben. Aber der Spurhalteassistent lehrt einen das Fürchten vor der Seitenlinie: Man hat das Gefühl, dass schon ein Annähern den Impuls zum unsanften Zurücklenken gibt. Und: Wehe, man vergisst mal, den Blinker auf der Autobahn zu setzen – rrrummms, da muss man schon ziemlich kräftig gegenhalten, um auf die angestrebte Spur zu kommen. So gesehen wundert es niemanden, dass die gestrenge unsichtbare Aufmerksamkeitsassistentin jegliche winzige Augenbewegung von der direkt vorausliegenden Fahrbahn mit einem strengen „Konzentrieren Sie sich auf die Straße!“-Befehl quittiert. Auch wenn man mal laut singt, sprich: den Mund aufreißt, wird dies als Gähnen interpretiert und durch fünf schrille Klingeltöne zu einer Ruhepause aufgefordert. Das ist wirklich zuviel des gutgemeinten Begleitens!    

Was bietet einem dieses Auto? Der Dolphin Surf in der mittleren Ausstattung Boost steht derzeit ab 26.990 Euro in der Preisliste – abzüglich steuerlichem und zusätzlichem BYD-Bonus weist der Hersteller im Konfigurator aktuell einen Preis von 15.940 Euro aus. Dabei ist der Wagen beileibe kein Mager-Modell, ganz im Gegenteil. In der Boost-Linie ist unter anderem Folgendes enthalten: 10,1-Zoll-Bildschirm, elektrisch verstellbare Außenspiegel, Regensensor, elektrisch verstellbarer Fahrersitz und 16-Zoll-Leichtmetallräder. Mit der Spitzenausstattung Comfort ist dann noch eine 360-Grad-Kamera, Premium-Audiosystem mit kabellosem Apple Carplay oder Android Auto, Mobiltelefon-Aufladen ohne Kabel, beheizte Sitze vorn und elektrisch einklappbare Seitenspiegel ab 30.990 Euro laut Preisliste dabei – abzüglich steuerlichem und zusätzlichem BYD-Bonus im Konfigurator für 17.640 Euro.     

Was bleibt uns im Gedächtnis? Sagen wir mal so: Die 43,2-kWh-LFP-Batterie kann auch keine Wunder vollbringen. Tatsächlich hat der Wagen nach einem 100 Prozent-Stromladen bei sommerlichen Temperaturen exakt 322 Kilometer Reichweite angezeigt. So weit, so gut. Nach Eingabe eines Fahrtziels – die 210-Kilometer-Routenführung lief über die Autobahn – hat uns das Navigationssystem mitgeteilt, dass wir zwischenladen müssten, weil der Stromvorrat nicht reichen würde. Vermutlich rechnete der Computer mit entsprechendem Autobahntempo. Wir machten die Probe aufs Exempel mit Tempo 110 – und entschieden uns unterwegs dann bei einem Verbrauch von rund 13 kWh für alle Fälle zu einem Ladestopp vor Fahrtende. Zugegeben: Sonnenwärme und Klimaanlage liefen auf Hochtouren, und wir gehören nicht zu den Naturen, die eine Anfahrt an einen Schnelllader erst bei fünf Prozent Stromvorrat ins Auge fassen. Ganz davon abgesehen ist ein Kleinwagen kein Fernreisemeister. Aber man muss schon wissen, wo die realistischen Reichweite-Grenzen liegen. Wer damit keine Probleme hat, ist mit dem gelben Feger samt seiner Eigenheiten gut beraten.      

Autogramm

BYD Dolphin Surf Boost

Typ: Kleinwagen; Preis: 15.940 Euro; Länge: 3,99 Meter; Breite: 1,72 Meter; Höhe: 1,59 Meter; Radstand: 2,50 Meter; Leergewicht: 1370 Kilogramm; Zuladung: 344 Kilogramm; Kofferraum: 308/1037 Liter; Sitze: vier; Motor: Elektromotor, Permanentmagneterregte Synchronmaschine; Leistung: 88 PS/65 kW; Drehmoment: 175 Newtonmeter; Spitze: 150 km/h; 0 auf 100 km/h: 12,1 Sekunden; Batterietyp: Lithium-Eisenphosphat-Akku; Batteriekapazität: 43,2 Kilowattstunden (kWh); Reichweite (WLTP): 322 Kilometer; Wallbox Wechselstrom 11 kW: 5 Stunden, Ladestation Gleichstrom 85 kW: 30 Minuten (10-80 Prozent), Stromverbrauch (WLTP): 15,6 kWh/100 Kilometer; CO2-Ausstoß: 47 Gramm/Kilometer (Strommix Deutschland); Testverbrauch: 15,3 kWh/100 Kilometer.


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