


Stehhöhe in der Heckküche
Der Reisemobil-Boom ist vorbei, jetzt schlägt wieder die Stunde der alltagstauglichen Freizeitmobile mit Aufstelldach. Wer – vor allem aus Preisgründen – keinen VW oder Mercedes fahren möchte, findet im Ford Nugget eine interessante Alternative.
Von Paul-Janosch Ersing
Was ist das für ein Auto? Im Windschatten der beiden Platzhirsche VW California und Marco Polo von Mercedes-Benz biegt der Ford Nugget (ab 75.505 Euro) um die Ecke – mit einem über den Daumen gepeilten Preisvorteil von gut 10.000 Euro. Damit nimmt er eine Position im Mittelfeld ein – vor den deutlich günstigeren Vertretern aus dem Stellantis-Konzern wie Opel Zafira, Peugeot Traveller oder Citroën Holidays.
Der Nugget kommt als nahezu vollausgestattetes Reisemobil zu seinen Nutzern – also immer mit Küchenzeile im Heck und bei den Varianten mit langem Radstand (L2) sogar mit einer mittels Sichtschutzrollo abtrennbaren Toilette von Westfalia (Aufpreis 629 Euro). Das Aufstelldach ist anders als bei vielen Wettbewerbern vorne angeschlagen, wodurch Stehhöhe im hinteren Bereich entsteht.
Wirklich gute Arbeit leistet die Kühl-Schublade mit einem Fassungsvermögen von 33 Litern. Überhaupt ist die L-förmig angeordnete Küche das heimliche Herzstück des Ford-Campers, der in diesem Jahr sein 40. Jubiläum feiert. Auf dem zweiflammigen Gasherd gelingen auch mehrgängige Menüs, die auf der vergleichsweise großen Arbeitsfläche vorbereitet wurden. Die Fächer, Schubladen und Schränke schließen sanft und bieten genug Stauraum für die typischen Habseligkeiten unterwegs.
Wie schläft es sich in diesem Auto? Die Schlafstätte im Oberstübchen erreichen bis zu zwei Personen über eine kurze Leiter, die bei Bedarf ins Küchenmobiliar eingehängt wird. Auf der von Kunststoff-Federn getragenen Matratze (2,05 x 1,25 Meter) liegt es sich komfortabel und luftig – in etwa so wie in einem Zelt. Praktische Details sind die beiden Leseleuchten (mit integrierten USB-Buchsen) und die zusätzliche induktive Ladefläche auf dem Kleiderschrank zum Nachladen von Smartphones.
Um das untere Bett (1,90 x 1,20 Meter) zu einem solchen zu machen, bedarf es etwas mehr Geduld und Handgriffe als oben. Zunächst müssen Fahrer- und Beifahrersitz gegen die Fahrtrichtung gedreht werden. Diese tausendfach erprobte Prozedur kam uns im Ford leider noch hakeliger vor als in anderen Campern. Ist es irgendwann geschafft, wird die Rücksitzbank nach vorne geschoben und die Lehne nach hinten geklappt. Ein zusätzliches Polster schließt die Lücke zu dem nun offenen Fach unterhalb von Gasherd und Spüle – und genau hier werden die Füße der Untenschläfer verstaut. Das hat schon fast die Gemütlichkeit einer Schiffskajüte.


Was für einen Antrieb hat das Auto? Unser frontgetriebener Testwagen war ziemlich unelektrifiziert unterwegs. Der Zweiliter-Diesel mit 170 PS (125 kW) überraschte mit akustischer Zurückhaltung bei gleichzeitig souveräner Durchzugsfreude. Mit einem vom Bordcomputer ermittelten Testverbrauch von 8,6 Litern landeten wir deutlich unterm zweistelligen Bereich.
Das Fahrgefühl im Nugget, der auf der technischen Basis des Tourneo Custom zum nächsten Ausflugziel rollt, ist nicht so leicht zu beschreiben. Man spürt die Größe des Fahrzeugs, wodurch ein gewisser Nutzfahrzeugcharakter nicht wegzudiskutieren ist. Andererseits erledigt das Fahrwerk seine Aufgaben hervorragend – mit dem Ergebnis einer tadellosen Straßenlage auch bei flotter Kurvenfahrt.
Was werden wir nie vergessen? Der ungläubige Blick in die Fahrzeugpapiere, wo die Fahrzeughöhe notiert ist: 2,07 Meter. Damit scheiden viele Tiefgaragen und Parkhauseinfahrten für den Nugget aus. Das ist eine verwunderliche Schwäche gegenüber den Konkurrenten aus Hannover und Stuttgart, die trotz ihrer Aufstelldächer sogar die Zwei-Meter-Marke unterbieten.
Autogramm
Ford Nugget L1 Titanium
Typ: Camper; Grundpreis: 79.313 Euro; Länge: 5,05 Meter; Breite: 2,03 Meter; Höhe: 2,07 Meter; Radstand: 3,10 Meter; Leergewicht: 2.722 Kilogramm; Zuladung: 478 Kilogramm; Sitze: vier; Tankinhalt: 55 Liter; Motor: Diesel-Vierzylinder; Hubraum: 1996 Kubikzentimeter; Leistung: 170 PS/ 125 kW; Drehmoment: 390 Newtonmeter; Getriebe: Achtstufen-Automatik; Spitze: 175 km/h; 0 auf 100 km/h: k.A.; Normverbrauch: 8,0-11,1 Liter Diesel, CO2-Ausstoß: 210-291 Gramm/km, Testverbrauch: 8,6 Liter.
