


Der Kurzstreckenläufer
Im Sechserpack der vollelektrischen Kia-SUV-Palette spielt der EV2 derzeit die kleinste Geige. Das betrifft die Außenlänge von 4,06 Meter, aber auch die Batteriegrößen ab 42,2 Kilowattstunden und die Preise ab 26.600 Euro. Auch im Stromverbrauch hielt der Testwagen Maß.
Von Bernd-Wilfried Kießler
Was ist das für ein Auto? Seine Außenlänge von gut vier Metern scheint den EV2 bei den Kleinwagen einzuordnen. 1,58 Meter Höhe und die Kunststoff-Schutzleisten rundum weisen Richtung Mini-SUV. In Längsrichtung verschiebbare hintere Sitze machen ihn gar zum Alleskönner. Der ideale Stadtwagen? Ist er leider nicht, denn bei Kia haben sie seine geräumige Kastenkarosserie auf 1,80 Meter breitgeklopft. Das erschwert das Rangieren in Tiefgaragen und Parkhäusern, erfordert viel Aufmerksamkeit beim Zirkeln durch enge Altstadtgassen, zumal, wenn eine Straßenseite vollgeparkt ist. Das Argument, man wolle mit größerer Spur- und Wagenbreite die mögliche Kurvengeschwindigkeit erhöhen, zieht angesichts der Reichweite unseres Testwagens nicht. Denn 317 offizielle WLTP-Kilometer bedeuten in der Praxis, dass man alle 200 Kilometer eine Ladesäule ansteuern muss. Das Revier dieses Autos sind also Großstädte und Ballungszentren, wo es nicht auf Tempo ankommt, sondern die Freude darin besteht, dass es überhaupt rollt.
Wie fühlt man sich in diesem Auto? Zugegeben: Die Außenbreite vermittelt ein inneres Raumgefühl, was aber im Fond verschenkt war – unser Testwagen war als Viersitzer ausgelegt. Ab der zweitbesten Ausstattung Air sind drei Sitze im Fond aufpreisfrei zu haben. Was wirklich praktisch ist: Die hinteren Sitze mit in der Neigung verstellbaren Lehnen sind um 16 Zentimeter in Längsrichtung zu verschieben – dieses Maß ist aus unerklärlichen Gründen üblich, seit diese sinnvolle Einrichtung im vorigen Jahrtausend in Kompaktvans eingeführt wurde. Sie führt zu Beinfreiheit ohne Ende für die Hinterbänkler, ermöglicht aber auch die Unterbringung der Gehwerkzeuge, falls der Platz dahinter gebraucht wird. Apropos Platz: Unter der vorderen Haube ist ein flaches 15-Liter-Fach untergebracht, in dem das Ladekabel mitfahren kann. Neudeutsch wird es Frunk (sprich: „Frank“) genannt – ein Verschmelzen von front für vorn mit trunk für Kofferraum und in Amerika erfunden.
In der ersten Reihe ist die Atmosphäre ausgesprochen angenehm – nicht nur wegen des Ambientelichts, das aus vielen Farben wählbar ist und sogar die Mittelkonsole schmückt. Die ist im vorderen Teil mit der Ladefläche fürs Smartphone so weit heruntergezogen, dass sie einen Durchstieg ohne Akrobatik ermöglicht. Es gibt einen Flaschenhalter und unter der Armauflage zwischen den Sitzen kleinere Staufächer. Ein schwerer Konstruktionsfehler ist die Anordnung des An-Aus-Knopfes für den Motor an einem Hebel der Lenksäule, der komplett vom Lenkrad verdeckt wird. Wir haben uns auch in zwei Wochen Testzeit nicht daran gewöhnt und sind wiederholt ausgestiegen, ohne den Strom abzuschalten.

Welchen Antrieb hat das Auto? Der Elektromotor bringt mit seinen 146 PS/108 kW das leer über 1,6 Tonnen wiegende Fahrzeug flott in Fahrt – bei 161 km/h regelt die Elektronik schnelleres Vorankommen ab. Lobenswert: die innere Ruhe während der Fahrt. Vom Motor ist bekanntlich kein Lärm zu erwarten. Das trifft auch für das übrige Auto zu, solange die Fahrbahn glatt ist – etwa eine frisch geteerte Straße. Wenn der Untergrund hoppelig wird, wenn Querfugen und Kanaldeckel überfahren werden, macht sich der eine oder andere Poltergeist aus Richtung Fahrwerk bemerkbar, das gern etwas komfortabler abgestimmt sein könnte.
Was bietet einem dieses Auto? Auf die Einstiegsversion Light („Licht“) lässt Kia die Ausstattung Air („Luft“) folgen, dann kommt Earth („Erde“), die wir getestet haben. Alle gängigen Fahr- und Sicherheitshilfen bietet schon die Light-Fassung, dazu LED-Scheinwerfer, Rückfahrkamera, adaptiven Tempomat und schlüssellosen Zugang. In unserem Testwagen gab es zudem unter anderem Klimaautomatik, Regensensor, Sitzheizung vorn und beheizbares Lenkrad. Einmalig in dieser Wagenklasse: der Parkassistent, mit dessen Hilfe man – gesteuert vom Wagenschlüssel – das Auto von außen in enge Parklücken und wieder herausbugsieren kann. Ein Navigationsgerät muss im 1190 Euro teuren Technologiepaket dazu gebucht werden, wenn einem die Wegweisung per Smartphone nicht genügt.

Werfen wir noch einen Blick in den Kofferraum, dessen Ladekante wir in 78 Zentimeter Höhe über der Fahrbahn maßen. Innen gibt’s einen doppelten Boden, je nachdem, ob man das Ladegut in Höhe der Kante hineinschieben möchte oder den Platz nach unten voll ausnutzen will. Zwei Verzurrösen helfen bei der Ladungssicherung.
Für welche Strecken eignet sich das Auto? Autotesten hat mit Arbeit zu tun – wir wagten das Abenteuer einer Langstreckenfahrt von Tübingen nach Paris – alles in allem 1200 Kilometer hin und zurück, was einschließlich des Bunkerns auf 100 Prozent vor der Abreise zu acht Ladevorgängen und Kosten von rund 160 Euro führte. Selbstverständlich nutzt man für solche Strecken das zweifellos teurere DC-Schnelladenetz. Das Gerücht, mit Strom zu fahren sei billiger, ist damit widerlegt: Mit einem Fünf-Liter-Auto und Dieselmotor hätte die Tour bei 2,23 Euro pro Liter Dieselkraftstoff 133,80 Euro gekostet. Als Durchschnittverbrauch im Test ermittelten wir 12,2 kWh auf 100 Kilometer und lagen damit fast drei Kilowattstunden unter dem WLTP-Wert. Weil der Verbrauch je nach Lufttemperatur und Geschwindigkeit stark schwankt, geben wir zu Protokoll, dass sommerliches Wetter herrschte und wir in einem Gemisch Stadt/Land/Autobahn unterwegs waren, auf letzterer in mäßigem konstantem Tempo, wie es auf den weniger befahrenen Strecken in unserem westlichen Nachbarland möglich ist. Wer weniger oft laden will, kann den EV2 mit 61-kWh-Batteriekapazität ordern, was aber einen Preissprung auf mindestens 33.490 Euro erfordert.
Autogramm
Kia EV2 42,2 kWh Earth
Typ: Mini-SUV; Preis: 31.290 Euro; Länge: 4,06 Meter; Breite: 1,80 Meter; Höhe: 1,58 Meter; Radstand: 2,57 Meter; Leergewicht: 1.620 Kilogramm; Zuladung: 315 Kilogramm; Kofferraum: 362/1.201 Liter; Sitze: vier; Motor: Elektromotor, Permanentmagneterregte Synchronmaschine; Leistung: 146 PS/108 kW; Drehmoment: 250 Newtonmeter; Spitze: 161 km/h; 0 auf 100 km/h: 8,7 Sekunden; Batterietyp: Lithium-Ionen-Akku; Batteriekapazität: 42,2 Kilowattstunden (kWh); Reichweite (WLTP): 317 Kilometer; Ladeleistung Gleichstrom: 118 kW; Wechselstrom 11 kW, Stromverbrauch (WLTP): 15,1 kWh/100 Kilometer; CO2-Ausstoß (Strommix Deutschland 2025): 52 Gramm/Kilometer; Testverbrauch: 12,2 kWh.

