


Mit Entwicklungshilfe von Renault
In seiner dritten Generation taucht der kompakte Leaf von Nissan in die moderne Stromer-Welt ein: Die größere der beiden Batterien ermöglicht eine Reichweite bis zu 600 Kilometer und ist damit auf Augenhöhe mit den Mitbewerbern.
Von Gundel Jacobi
Nagelneu in Crossover-Karosserie. Jahrelang war der Leaf ein Bestseller – von seinen zwei Generationen wurden seit 2010 weltweit rund 700.000 Stück verkauft. Er fuhr zwar nicht allein auf weiter Flur, aber der Markt der Wettbewerber war lange Zeit höchst überschaubar. Dies hat sich in jüngerer Vergangenheit bekanntlich komplett geändert, sodass die 2024 eingestellte Leaf-Produktion mit der rasanten Weiterentwicklung neuer Stromer zu tun hatte. Der Wagen war einfach in die Jahre gekommen. Nun steht der überaus erfolgreiche Japaner in dritter Generation in völlig anderem Aussehen und zeitgemäßer Technologie bereit.
Für das neue Modell hat sich Nissan einer Plattform des Kooperationspartners Renault bedient, womit er technisch mit dem Mégane und Scenic E-Tech Electric verwandt ist. Betrachtet man nur die 4,35 Meter Außenlänge und seine Breite von 1,81 Meter, zögert man keine Sekunde: Der Leaf ist ein Kompaktauto. Auch die Höhe von 1,55 Meter weist nur milde auf eine leicht aufgebockte Karosserie hin. Mit ein paar Kunstkniffen haben es jedoch die Designer geschafft, mit wuchtigem Bug und einer coupéartigen Dachlinie, die in einem kurzen Heck mit langer Kofferraumklappe endet, die sogenannte Crossover-Kaste zu betreten. Wie der Leaf auch schlussendlich bezeichnet wird, spielt keine entscheidende Rolle; klar ist vor allem, dass er mit seinen beiden Vorgängern nicht mehr zu vergleichen ist.
Digitales von Schaltern unterstützt. Auffällig unauffällig geht es auf den ersten Blick im Cockpit zu. Mit einem schon beinahe als klassisch einzustufenden zweigeteilten Digitalbildschirm stehen links die Tachometer- und Bordcomputerinfos bereit, wohingegen rechts das komplette Infotainment untergebracht ist. Eine Etage tiefer lassen Softtastflächen die direkte Klimabedienung zu. Sogar ein Drehschalter zur Lautstärkeregelung befindet sich an der Mittelkonsole – heutzutage keineswegs mehr selbstverständlich. Wer lieber in der Menüführung am Lenkrad rumfummelt, mag dies dort mit einer ganzen Armada von Dreh-Drückschaltern tun. Nach wie vor gibt es einen Start-Stopp-Knopf, die Kulisse zum Einstellen der Fahrstufen mit vier nebeneinander angebrachten Druckknöpfen ist auf der Mittelkonsole zu finden. Das mag Geschmackssache sein, wirkt aber irgendwie aus der Zeit gefallen und hat uns auch beim Bedienen nicht Hurra rufen lassen.
Toll finden wir indes das in höheren Ausstattungen enthaltene Head-up-Display vor der Windschutzscheibe. Das ist nicht nur eine technische Spielerei, sondern dient eindeutig der Sicherheit, da der Blick ideal weit nach oben in Fahrtrichtung gerichtet wird. Ebenso wählbar sind solche Besonderheiten wie Lautsprecher in den Kopfstützen oder ein Panoramaglasdach, das sich in integrierten Flächen schrittweise dimmen lässt. Bei der Sitzprobe im Fond gibt’s bis zu einer Größe von 1,70 Meter keinerlei Probleme; wer größer ist und gern sehr aufrecht sitzt, könnte auf Dachtuchfühlung kommen. Dass der unter dem Fahrzeugboden unterbrachte Stromspeicher zwangsläufig zu einem erhöhten Boden führt und die Knie deutlich anwinkeln lässt, ist normal. Aber keine Sorge: Man sitzt nicht wie ein Affe auf dem Schleifstein. Der Kofferraum mit der großen Klappe ist über eine mit 77 Zentimeter recht hohe Ladekante zu befüllen. Insgesamt sind unter der Abdeckung 437 Liter unterzubringen, wenn man das Fach unter dem Gepäckraumboden mitzählt.
Langstreckentauglichkeit bescheinigt. Nissan hat sich für zwei Batteriegrößen mit 52,9 kWh und 75,1 kWh entschieden. Dahinter stecken maximale Reichweiten von 436 beziehungsweise 624 Kilometer, die der japanische Hersteller mit einem bemerkenswert moderaten WLTP-Verbrauch von 13,5 im einen Fall und 14,7 kWh im anderen ermöglicht. Nach einer ersten Testfahrt mit dem größeren Akku, bei der wir den Leaf nicht übermäßig trietzten, zeigte der Bordcomputer 15,5 kWh an. Damit kann man im Alltagsbetrieb durchaus zufrieden sein; es ist natürlich im Vergleich zu den Vorgängern um Klassen besser. Zu Rekordmeldungen reicht es allerdings nicht, denn auch die Ladeleistung von 105 kW bei der kleinen Batterie sowie 150 kW bei dem großen Akku steht im Mitbewerber-Umfeld nicht auf dem Siegertreppchen. Mit dem größeren Stromspeicher benötigt der Leaf mit der Zusatzbezeichnung Long Range rund 30 Minuten am Schnelllader von 20 bis 80 Prozent. Das können andere heutzutage besser.
Alles muss der Leaf aber auch gar nicht leisten. Mit seinen Fähigkeiten eines vorzeigbaren Kompromiss-Allrounders trifft er sicherlich den Nerv einer Kundschaft, die nicht zuletzt zudem den guten Leaf-Ruf der Vergangenheit mit im Kopf hat. Interessant bei den meisten E-Modellen ist ja, dass die schiere Leistung der Motoren nicht mehr so stark im Vordergrund steht wie im Bereich der Verbrenner. Salopp könnte man sagen: Es ist immer genug vorhanden, zumal das Drehmoment praktisch ab der ersten Umdrehung anliegt und somit den Druck aufs Fahrpedal mit einem stets kräftigen Durchzug quittiert. In Zahlen heißt das: 176 PS/130 kW oder 217 PS/160 kW.
Mit der Entscheidung für den stärkeren Motor geht automatisch die größere Batterie samt gewachsener Reichweite einher: Mit rund 600 Kilometern kann man beim Leaf Long Range ganz klar von Langstreckentauglichkeit sprechen. Auch im Hinblick auf seinen Fahrkomfort muss er sich nicht verstecken. Gängige Straßenunebenheiten bringen ihn nicht aus der Ruhe – er lässt sich in jeder Hinsicht gutmütig chauffieren. Das flüsterleise Vorankommen gelingt bis Tempo 120, wenn die Windgeräusche deutlich zunehmen. Schade übrigens, dass man zwar mit dem blitzschnell einzustellenden E-Pedal sehr stark rekuperieren kann, aber bis zum Stillstand bringt man den Wagen damit nicht; die Bremse muss gedrückt werden.

Der im britischen Nissan-Werk Sunderland produzierte Leaf steht ab sofort mit der kleinen Batterie ab 35.950 Euro und mit dem großen Akku ab 41.200 Euro bei den Händlern. Derzeit lassen sich beim Kauf davon die staatliche Umweltprämie von 6000 Euro plus eine Nissan-Prämie von 4600 Euro abziehen. Eine preissensible Kundschaft wird zumindest die Augenbrauen hochziehen und möglicherweise tiefer ins Studium vergleichbarer Modelle eintauchen.
Autogramm
Nissan Leaf Engage
Typ: Kompaktwagen; Preis: 35.950 Euro; Länge: 4,35 Meter; Breite: 1,81 Meter; Höhe: 1,55 Meter; Radstand: 2,69 Meter; Leergewicht: 1864 Kilogramm; Zuladung: 441 Kilogramm; Kofferraum: 437-1052 Liter; Sitze: fünf; Motor: Elektromotor, Permanentmagneterregte Synchronmaschine; Leistung: 176PS/130 kW; Drehmoment: 345 Newtonmeter; Spitze (abgeregekt): 160 km/h; 0 auf 100 km/h: 8,3 Sekunden; Batterietyp: Nickel-Mangan-Cobalt-Akku (NMC); Batteriekapazität: 52,9 Kilowattstunden (kWh); Reichweite (WLTP): 436 Kilometer; Wallbox Wechselstrom 11 kW: 5 Stunden 45 Minuten, Ladestation Gleichstrom 50 kW: 40 Minuten (80 Prozent), Stromverbrauch (WLTP): 13,5 kWh/100 Kilometer; CO2-Ausstoß: 40 Gramm/Kilometer (Strommix Deutschland).


