Endlich mal kein SUV!

Alle reden vom Fiat 500, vom Panda, der jetzt Pandina heißt, und vom Grande Panda. Dazwischen gerät der Fiat 600 leicht in Vergessenheit – zu Unrecht, wie unser Alltagstest dieses Autos in Sport-Ausstattung beweist.

Von Bernd-Wilfried Kießler

Porträt von Bernd-Wilfried Kießler

Was ist das für ein Auto? 600 ist eine historische Fiat-Zahl – das erste Modell mit dieser Bezeichnung erschien im Jahre 1955 und leitete die Volksmotorisierung in Italien ein, ehe der kleinere Fiat 500 in diesem damals armen Land noch größere Erfolge erzielte. Der 600 allerdings verbreitete sich in Lizenzbauten als Seat 600 und Zastava 750 in Spanien und Jugoslawien, wurde in Deutschland in Heilbronn als NSU-Fiat Jagst und später als Fiat Jagst 2 gefertigt. Die Spanier bauten den Kleinwagen auch mit vier Türen, in Italien erschien der verlängerte Sechssitzer Multipla – früher Vorläufer der Kompaktvans. Ohne Übertreibung lässt sich sagen, dass es sich um eine Ikone der italienischen Marke handelt, wenn sie auch durch den aktuellen 500 etwas in den Hintergrund getreten ist.

So, wie einst zwischen Fiat 500 und 600 eine gewisse Familienähnlichkeit erkennbar war, wirkt der neue 600 in der Silhouette und bei den Scheinwerfern wie ein vergrößerter 500. Die steile Bugpartie mit unteren Lüftungsgittern aus hochkant angeordneten Rechtecken macht ihn jedoch eigenständig. Obwohl einige Zutaten wie der Rundum-Kunststoffschutz im unteren Bereich und die großen 18-Zoll-Felgen aus der SUV-Kiste stammen, ist der Fiat 600 nichts anderes als ein Kompaktwagen mit einem leicht erhöhten Dach.

Wie fühlt man sich in diesem Auto? Weil wir die Sport-Ausstattung bewegten, geht’s im Inneren im Wesentlichen dunkel zu – von Grau auf den Halbledersitzen mit gutem Seitenhalt vorn über Anthrazit rundum bis zum schwarzen Dach. Ein schmaler Streifen rotes Ambientelicht bringt ein wenig Farbe ins Innere, aber wirklich nur wenig. Erfreulich schlank ist der Bildschirm in der Mitte der Armaturentafel geraten, unter dem auf einer Tastenleiste das Klima geregelt wird. Anderes steuern Tasten auf dem Lenkrad.

Bei der Bemessung des Innenraums müssen die Gestalter an die Zeiten des Ur-600 in den 1950er Jahren gedacht haben, da die Bewohner des Stiefels als kleiner und jedenfalls kurzbeiniger galten als die Menschen nördlich der Alpen: Fünf hochgewachsene Basketballrecken werden ihre Gehwerkzeuge in diesem Auto nicht unterbringen. De facto ist der Fiat 600 ein Viersitzer mit Notsitz hinten in der Mitte. Denn da ist nicht nur die Kopfstütze etwas kurz geraten, die dort zusteigende Person hat Mühe, einen Fuß an dem weit nach hinten ragenden Aufsatz auf dem Mitteltunnel mit zwei Staufächern und einer Armstütze vorbeizumanövrieren. Der Kofferraum, der durch eine elektrisch bewegte Heckklappe – Hub binnen zügigen vier Sekunden – und über eine Ladekante in Höhe von 76 Zentimeter erreicht wird, ist mit 385 Litern für ein Auto dieser Größe akzeptabel. Beweglich ist der Ladeboden zehn Zentimeter unter der Kante, der sich noch einmal weitere zehn Zentimeter nach unten absenken lässt. Braucht man mehr Platz und ist nur zu zweit oder dritt unterwegs, können die hinteren Lehnen nach vorn geklappt werden, ohne dass sich eine Stufe bildet.

Welchen Antrieb hat das Auto? Unter der Motorhaube arbeitet ein Dreizylinder-Ottomotor mit 1,2 Litern Hubraum, der ursprünglich von PSA respektive Peugeot stammt und mild hybridisiert wurde: Der Benziner wird von einem kleinen Elektromotor mit 29 PS/21 kW beim Beschleunigen unterstützt. Ausschließlich elektrisch kann man das Auto immer nur kurz bewegen, etwa beim Anfahren. Arbeiten beide Aggregate gemeinsam, führt das zu einer Gesamtleistung von 145 PS/107 kW. Im unteren Drehzahlbereich kann der Dreizylinder die Zahl seiner Brennräume nicht verheimlichen, ehe er runder und damit leiser läuft.

Automatisch funktioniert das Laden der 0,9 kWh fassenden Puffer-Batterie vor allem während der Bremsmanöver sowie im Schub – eine feine Sache, dass jene Energie nicht verloren geht. Dieses System auf der Grundlage von 48-Volt-Technologie soll dazu beitragen, dass Kraftstoff gespart wird. Im Falle des getesteten 600 Hybrid weist der WLTP-Verbrauch 4,8 Liter Benzin auf 100 km aus, am Ende ermittelten wir 5,6 Liter. Die Kraftübertragung übernimmt ein sechsstufiges Doppelkupplungsgetriebe, dessen Fahrtrichtungen nicht vom Stellantis-typischen kleinen Schiebehebel auf der Mittelkonsole, sondern von vier Drucktasten ebendort gesteuert werden. Zum Wechsel der Gangstufen von Hand gibt’s Paddel an der Lenksäule. Wie von diesem System in Konzernbrüdern bekannt, gönnt es sich beim Anfahren mitunter einen Wimpernschlag Denkpause.

Was bietet dieses Auto? Zunächst ein sauber abgestimmtes Fahrwerk und eine zielgenaue Lenkung, die beide auf verkehrsarmen kurvenreichen Landstraßen so etwas wie Fahrfreude vermitteln können. Der Beiname Sport kennzeichnet nur die Ausstattung – die gleiche Technik kann man auch günstiger als Pop und Icon zu Preisen ab 26.490 Euro erhalten. Im getesteten Sport-600 hat uns besonders der schlüssellose Zugang gefallen und zwar jener von der Art, wo man das Gerät wirklich in der Tasche lässt und bei Annäherung Lichter an- und Türschlösser aufgehen. Das gleiche Spiel dann nach dem Verlassen, wo per Kontrollblick auch aus der Entfernung erkennbar ist, ob das Auto seine Ohren beziehungsweise Außenspiegel wirklich angelegt hat. Das Zündschloss wird wie heutzutage weitgehend üblich durch einen Start-Stopp-Knopf ersetzt. Vergeblich gefahndet haben wir nach einem Navigationssystem an Bord. Das muss innerhalb eines Pakets für 1000 Euro zusätzlich erworben werden.

Autogramm

Fiat 600 Hybrid 145 Sport

Typ: Kompaktwagen; Preis: 31.990 Euro; Länge: 4,18 Meter; Breite: 1,78 Meter; Höhe: 1,53 Meter; Radstand: 2,56 Meter; Leergewicht: 1355 Kilogramm; Zuladung: 427 Kilogramm; Kofferraum: 385/1256 Liter; Sitze: fünf, Antrieb: Otto-Dreizylinder + E-Motor; Gesamtleistung: 145 PS/107 kW; Drehmoment: 230 Newtonmeter; Spitze: 200 km/h; 0 auf 100 km/h: 8,5 Sekunden; Normverbrauch: 4,8 Liter Benzin; CO2-Ausstoß: 109 Gramm/Kilometer; Testverbrauch: 5,6 Liter.


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