Ein vorbildlicher Ruhepol

Der aktuell kleinste Kia-Stromer raubt einem zwar nicht den Atem, nötigt aber doch eine Menge Respekt ab. Denn als Nachfolger des Kia Niro ist mit dem EV3 sowohl im Design als auch der Technologie ein entscheidender Schritt in die Gegenwart gelungen. Ob dies auch für die Zukunft reicht?

Von Gundel Jacobi

Was ist das für ein Auto? Schaut man sich die Elektro-SUV-Meute an, beschleicht einen häufig das Gefühl, dass bei vielen die Ähnlichkeit in einem glattgebügelten Äußeren ohne herausragende gestalterische Ecken und Kanten gipfelt. Dies kann man einem Kia EV3 definitiv nicht vorwerfen – ganz im Gegenteil: Mit auffälligen Federstrichen gelingt es dem südkoreanischen Hersteller, selbst bei eher nicht Autointeressierten für Aufmerksamkeit zu sorgen. Zudem kann man mittlerweile das Design recht schnell Kia zuordnen. Kompakt in den Abmessungen kommt der Wagen daher und trifft somit den Geschmack von Menschen, die sich nach E-Autos umschauen, die vielbeschworene höhere Sitzposition schätzen und sich mit einem 4,30 Meter langen Auto auch in Ballungsgebieten ziemlich problemlos durch den Verkehr und in Parkbuchten schlängeln, wobei 1,85 Meter Breite eine gewisse Aufmerksamkeit erfordern.     

Wie fühlt man sich in diesem Auto? Großzügige Platzverhältnisse zeichnen den Wagen in der ersten und zweiten Reihe aus. Was auf den ersten Blick toll wirkt: die schwebende, da durchbrochene Mittelkonsole zwischen Fahrer und Beifahrer. Man könnte da sogar durchsteigen. Auf Dauer stellt es sich indes als nur halb so praktisch heraus, denn dadurch gibt’s da oben keine Ablageflächen. Sie sind unten auf Bodenhöhe. Namentlich bei Dunkelheit fingert man etwas hilflos nach dort Abgelegtem. Die langgezogene Bildschirmgestaltung im Querformat auf der Armaturentafel sieht nicht nur gut aus, sondern lässt sich auch prima bedienen; schalterähnliche Druckflächen darunter ermöglichen raschen Menüzugriff. Zusätzliche Bedienungsmöglichkeiten auf dem Lenkrad halten zudem auch versehentlichen Zugriffen Stand, will sagen: Es sind keine hypernervösen Flächen, die schon beim zufälligen Berühren Befehle annehmen, was in der Elektro-Welt durchaus keine Seltenheit ist. Was uns hingegen nicht gefiel: der schlecht einsehbare Motorstartknopf am Fahrstufenhebel direkt am Lenkrad. Immer wieder mussten wir uns  mit verrenktem Kopf von dessen Position überzeugen. Das geht besser, Kia!

Im Fond überrascht das komfortable Raumgefühl, sofern nicht drei Personen nebeneinander sitzen. Für Kopf- und Beinfreiheit ist jedoch merklich gesorgt, bei Letzterer vor allem durch das Fehlen eines Mitteltunnels. Der Kofferraum hat im Prinzip mit 460 Liter Fassungsvermögen ein ordentliches Maß. Aber, oh weh: die Ladekante, eine Schwachstelle gerade von SUV-Fahrzeugen. Sie sitzt beim EV3 in einer Höhe von 74 Zentimeter – kaum niedriger als ein üblicher Esstisch. Das führt beim Beladen allzu oft zu notwendigem Anschwingen von etwas schwereren Gepäckstücken. Wer auch noch den doppelten Ladeboden rausgenommen hat, erlebt keine Freude beim Hinein- oder Hinauswuchten.  

Welchen Antrieb hat das Auto? Man kann beim batterieelektrischen EV3 mit 204 PS/150 kW zwischen zwei Akkugrößen wählen: 58,3 oder 81,4 kWh. Augenscheinlichster Unterschied liegt demnach in der Reichweite, die unter Idealbedingungen mit kleinerem Batteriepack bei maximal 436 Kilometer liegt und beim größeren Akku 605 Kilometer ausweist. Letztere durchaus beeindruckende Zahlenkombination steckte in unserem Testwagen. Hier liegt die Theorie von der Praxis deutlich entfernt – erreichten wir nämlich nach den Ladevorgängen bei 100 Prozent konkrete Weissagungen zwischen 400 und 500 Kilometern. Nachvollziehbar: Wir waren in der kühlen Jahreszeit unterwegs. Teilweise sank die Außentemperatur über Nacht bis zum Gefrierpunkt, was selbst im Stand an der Reichweite nagte.

Klar, man kann den einen oder anderen Kilometer durch Bremsenergierückgewinnung wieder wettmachen, was ganz gut in mehreren Rekuperationsstufen bis hin zum Stillstand gelingt. Aber auch bei zurückhaltend eingesetztem Druck aufs Fahrpedal bleibt der Stromschuster bei seinen Leisten und kann nicht zaubern. Mit gemäßigtem Fahrstil und höchstens 110 km/h auf der Autobahn kamen wir auf einen Verbrauch von 16,4 kWh, mit 20 km/h mehr, also bei Richtgeschwindigkeit 130 sprang dieser Wert auf 19,4 kWh. Wie man’s auch dreht und rechnet: Viel weiter als 400 Kilometer kommt der Kia EV3 nicht – jedenfalls nicht zwischen Oktober und März.

Unstrittig angenehm lässt sich der kompakte Kia durchs Verkehrsgetümmel chauffieren – ohne Wankneigung über Land bei vernünftiger Fahrweise und mit meist stoischer Haltung ohne Durchrütteln der Passagiere bei gängigen Bodenunebenheiten. Erwähnenswert erscheint uns obendrein die vorbildliche Lärmisolierung: Leises Surren aufgrund des E-Antriebs ist logisch, aber auch die üblichen Reifenabroll-, Wind- und sonstigen Störfaktoren werden weitgehend außen vorgehalten.        

Welche Ladeleistung hat dieses Auto? Hier gibt’s nach unseren Erfahrungen Licht und Schatten: erst mal die Erkenntnis, dass dieses ultramoderne Gefährt statt der 800-Volt-Ladetechnologie, wie mittlerweile bei Kia üblich, nur der 400-Voltstrategie unterliegt. Da hat man wohl den Rotstift angesetzt, um beim EV3-Anschaffungspreis Maß halten zu können. Die Kröte lässt sich jedoch relativ geschmeidig schlucken, weil der Strom an der Schnellladesäule mit einer Leistung von bis zu 128 kW von zehn auf 80 Prozent in knapp 30 Minuten gebunkert werden kann. Dass dies kein Höchstleistungsmaß ist, wissen alle Branchenkenner. Wer an einer öffentlichen 11-kW-Ladesäule andocken muss, wird nach den dort üblichen vier freien Stunden jedenfalls nicht satt sein. Wir haben dies bei einem Batteriestand von 50 Prozent zu Testzwecken getan und nach vier Stunden mit 95 Prozent abgestöpselt.Das sind alles keine unüberwindbaren Hindernisse, aber man muss wissen, worauf man sich einlässt.    

Was bietet einem das Auto? Der stets frontgetriebene Kia EV3 steht ab 35.990 Euro in der Preisliste – mit kleinem Akkupack. Die größere Batterie (Long Range) schlägt mit 5400 Euro zu Buche. Prinzipiell ist der Kia EV3 mit umfassendem Infotainment, Fahrassistenten einschließlich adaptivem Tempomat und Rückfahrkamera in der Basisausstattung Air gut bestückt. Dies schraubt sich in drei Stufen nach oben. In der von uns gefahrenen höchsten GT-Ausführung mit hochglanzschwarzen Designelementen an der Karosserie ab 48.690 Euro sind unter anderem folgende Annehmlichkeiten an Bord: 19-Zoll-Felgen, elektrische Heckklappe, getönte hintere Scheiben, Lederausstattung, Matrix-LED-Scheinwerfer, beheizbares Lenkrad und Sitzheizung, Kreuzungs- und Totwinkelassistent, Harman/Kardon-Soundsystem und Wärmepumpe.

Autogramm

Kia EV3 81 kWh FWD GT-line (Long Range)

Typ: Kompakt-SUV; Preis: 48.690 Euro; Länge: 4,30 Meter; Breite: 1,85 Meter; Höhe: 1,56 Meter; Radstand: 2,68 Meter; Leergewicht: 1885 Kilogramm; Zuladung: 480 Kilogramm; Kofferraum: 460/1251 Liter; Sitze: 4+1, Antrieb: E-Motor 204 PS/150 kW, 283 Newtonmeter; Spitze: 170 km/h (abgeregelt); 0 auf 100 km/h: 7,7 Sekunden; Batterietyp: Lithium-Ionen-Akku; Batteriekapazität: 81,4 Kilowattstunden (kWh); Ladeleistung: 11/128 kW; Reichweite (WLTP): 605 Kilometer; Reichweite im Test: bis zu 402 Kilometer; Stromverbrauch (WLTP): 14,9 kWh/100 Kilometer; entsprechender CO2-Ausstoß (deutscher Strommix 2024: 363 g/kWh): 54 Gramm/Kilometer, Testverbrauch: je nach Fahrweise zwischen 16,4 und 19,4 kWh.


Beitrag veröffentlicht

in

,

von

Schlagwörter: