


So sicher wie im Eierkarton
Schon immer hatten sie bei der spanischen VW-Tochter den Ehrgeiz, mit dem Leon auf Volkswagen-Technik den pfiffigeren Golf zu bauen. So richtig gelungen ist das erst mit der Seat-Partnermarke Cupra und der Modellpflege 2024. Wir fuhren das kompakte Spitzenmodell mit dem Beinamen VZ Extreme.
Von Bernd-Wilfried Kießler
![]()
Was ist das für ein Auto? Zäumen wir die 300 Rösser bei den beiden Großbuchstaben VZ auf: Sie stehen für das spanische Wort veloz, und das heißt zu deutsch „schnell“. In der Tat muss der Zweiliter-Benziner bei 250 km/h abgeregelt werden, sonst würde er das 1496 Kilogramm wiegende 4,40-Meter-Auto wahrscheinlich noch schneller nicht nur auf Trab bringen, sondern in einen wilden Galopp versetzen. Da der Name Cupra an Kupfer erinnert, sind nicht nur das Markenzeichen auf der Motorhaube, sondern auch die Leichtmetallfelgen in dieser Metallfarbe gehalten. Am Heck leuchtet es durchgehend rot.
Wie fühlt man sich in diesem Auto? Wer es nicht glaubt, soll es ausprobieren: In diesem Auto sitzen Fahrer und Beifahrer so fest wie ein Ei im Eierkarton. Da haben die Konstrukteure mit den Wülsten zum Seitenhalt übertrieben – man kommt nicht leicht drüber, raus noch schwerer als rein. Denn hinein kann man sich ja leicht von oben auf die Sitzfläche plumpsen lassen. Überdies muss man eine vergleichsweise harte Polsterung mögen, was auf kurzen Strecken kein Problem ist. Dauert die Fahrt dann aber mal mehrere Stunden, drängt dies durchaus ins Bewusstsein beziehungsweise ins Sitzfleisch. Der Startknopf befindet sich auf dem Lenkrad – sehr viel praktischer als bei vielen Mitbewerbern, die ihn in Erinnerung an das historische Zündschloss schwer auffindbar irgendwo neben der Lenksäule verstecken. Es lohnt sich übrigens auch, bei Dunkelheit unterwegs zu sein: Der schmale Lichtstreifen in sanftem Gelborange zieht sich in einer dezenten Linie von einer Tür über die Armaturentafel bis zur anderen. Das verdient wirklich das Prädikat Ambientelicht.
Was für einen Antrieb hat das Auto? Man muss ihm nicht unbedingt die Sporen geben und schon gleich gar nicht überall, aber: Der Leon VZ macht keinen Hehl aus seiner Bestimmung, dem Vorwärtsdrang alle Priorität zuzusprechen. Das heißt, man sollte bereits beim Anfahren den Gasfuß mit Sinn und Verstand einsetzen, sonst macht der Wagen einen kleinen Sprung. Beispiel: Parksituation am Berg. Da ist es besser, die elektronische Parkbremse vor dem Anfahren zu lösen; verlässt man sich aufs automatische Entsperren, hüpft der Wagen gewissermaßen nach vorn. Oder: Nach dem Halten an einer Kreuzung kann es geschehen, dass der Leon beim Losfahren mit beherztem Gasstoß an der Vorderachse zerrt. Aber das wissen ja die VZ-Bändiger, und so gelingt es nach etwas Eingewöhnungszeit ganz gut, die 300 Pferde nur dann losgaloppieren zu lassen, wenn man es denn wirklich möchte. Natürlich haben wir’s zu Testzwecken kurzfristig mal fauchen lassen, was am Ende zu einem Verbrauchswert von 8,2 Litern Benzin auf 100 Kilometer führte, 0,6 Liter über der WLTP-Norm.
Ob im Geradeauslauf oder auf kurvigen Strecken, das Fahrwerk lässt einen nicht im Stich, da stets das Gefühl vorherrschend ist, mit einem gut liegenden Brett auf der Straße unterwegs zu sein. Nein, kein Gokart-Feeling, aber halt meist bemüht, keinerlei Wanken aufkommen zu lassen. Das bedeutet aber auch, dass Unebenheiten deutlich ins Innere weitergegeben werden. Die wahre Versuchung liegt zweifellos im Cupra-Schalter auf dem Lenkrad, wenn man mittels Sport- oder Individualprogrammen nicht nur die Gasannahme und Lenkwirkung spürbar nach oben katapultiert. Auch automatische Zwischengasstöße sowie veränderte Geräuschkulissen bis hin zum Fauchen zeigen dem Herrchen oder Frauchen die enorme Wandlungsfähigkeit der Leistungsmaschine. Keinerlei Individualität liegt leider in der Schaltkulisse: ein kleinteiliger und uninspirierter Schiebehebel, was in einem Cupra umso mehr auffällt, weil er ja insgeheim kein Produkt von der Stange sein möchte.
Was bietet dieses Auto? Dieser Leon, den es zu Preisen ab 28.530 Euro auch als Seat gibt, versteckt sich nicht – so wenig wie alle seine Markenbrüder – und richtet sich gezielt an Menschen mit einem Hang zur Zeigefreudigkeit. Das äußert sich an den kupferfarbenen Leichtmetallfelgen und ebensolchen Bremssätteln sowie in gleichem Maße am Heck, wo den Nachfolgenden vier Auspuffenden und dazwischen ein Diffusor gezeigt werden. Fünf Personen haben in ihm Platz, wobei die Kofferraumgröße das untere Ende der Kompaktwagenklasse markiert. Wenn man ihn zwischendurch mal als fauchenden Kleintransporter nutzen will, gibt’s immerhin bis unters Dach Platz für 1,3 Kubikmeter. Die Ladekante maßen wir in 74 Zentimeter Höhe über der Fahrbahn, innen geht’s 14 Zentimeter abwärts. Der verlängerte Ladeboden ist stufenlos und steigt leicht nach vorn an. Von den zahlreichen Fahr- und Sicherheitshilfen sind die Sportbremsen in der VZ Extreme-Ausstattung im Preis inbegriffen. Wer sie in einer anderen Fassung dazukaufen will, muss 4170 Euro extra hinlegen. Wer Licht von oben ins eher dunkel ausgekleidete Innere bringen möchte, kann das mit einem elektrischen Glasschiebedach für 1040 Euro tun – im Testwagen leider nicht eingebaut.
Autogramm
Cupra Leon 2.0 TSI VZ Extreme
Typ: Kompaktwagen; Preis: 56.150 Euro; Länge: 4,40 Meter; Breite: 1,80 Meter; Höhe: 1,44 Meter; Radstand: 2,61 Meter; Leergewicht: 1496 Kilogramm; Zuladung: 504 Kilogramm; Kofferraum: 270/1301 Liter; Sitze: 4+1; Tankinhalt: 50 Liter; Motor: Otto-Vierzylinder; Hubraum: 1984 Kubikzentimeter; Leistung: 301 PS/221 kW bei 5300 U/min; Drehmoment: 400 Newtonmeter bei 2000-5200 U/min; Getriebe: Siebengang-Doppelkupplung; Spitze: 250 km/h; 0 auf 100 km/h: 5,7 Sekunden; Normverbrauch (WLTP): 7,6 Liter Benzin, CO2-Ausstoß: 171 Gramm/km, Testverbrauch: 8,2 Liter.


