Elektriker auf allen Vieren

Mildhybrid, Plug-in-Hybrid, komplett stromernd: Opel hat der zweiten Generation seines großen SUV die zeitgemäße Antriebspalette mit auf den Weg gegeben. Um in der Liga umfassend mitspielen zu können, fehlte noch eine Feinheit – den Grandland mit Antrieb auf alle Viere. Den kann man nun auch wählen, und er ist somit gleichzeitig der erste Elektro-Opel mit Allradantrieb. 

Von Gundel Jacobi

Allradantrieb für Kenner und Liebhaber. Salopp gesagt handelt es sich beim Grandland Electric AWD um einen speziellen Prachtkerl, was man ihm von außen nicht direkt ansieht. Auf den ersten Blick zeigt das 4,65 Meter lange SUV sein mittlerweile bekanntes Opel-Gesicht mit sogenanntem 3D-Vizor samt beleuchtetem Opel-Blitz; es soll an ein Motorradhelm-Visier erinnern. Rundum ist alles ziemlich glattgebügelt, am Heck zieht ein durchgehendes Leuchtband den Wagen optisch deutlich in die Breite. Letzteres ist übrigens eine eigene Erwähnung wert, da man die Größe beim Fahren mit einer Breite von 2,10 Meter bei ausgeklappten Außenspiegeln tatsächlich spürt – sowohl bei engen Durchfahrten als auch auf Baustellenspuren. Da wird es beispielsweise auf der Autobahn schon richtig eng auf der linken Spur – also besser: in die Schlange der Lkw einordnen. Wie gesagt, äußerlich ist nicht mal durch eine AWD-Plakette seine besondere Bestimmung erkennbar, dass er für kraftvolle Dienste auf allen Vieren einsetzbar ist. Von möglichen Allrad-Königsdisziplin-Zuschreibungen wie Chromelementen an der Karosserie hat man sich in Rüsselsheim ja bereits aus Nachhaltigkeitsgründen losgesagt. Offenbar soll der Allrad-Opel-Liebhaber in aller Elektro-Stille genießen. 

Übersichtlicher Bauhausstil ohne Schnörkel. Im Inneren geht es klar strukturiert zu. Zentral sitzt der horizontale Bildschirm so hoch wie möglich in der Armaturentafelmitte – dem Fahrerplatz leicht zugeneigt. Neben den Bildschirm-Funktionen zum Wischen und Tippen ist den Designer- und Software-Füchsen eine sinnvolle Mischung mit Schaltern, Knöpfen und zusätzlichen Direktwahltasten für den schnellen Zugriff gelungen. Das wirkt alles wie ein übersichtlicher Bauhausstil ohne Schnörkel. Einzig die Schaltkulisse mit der völlig beliebigen kleinteiligen Stellantis-Ausformung ist eines Prachtkerls nun wirklich nicht würdig. Lobenswert sind hingegen die langstreckentauglichen Sitze. Ordentlich Platz im Fond gehört sowieso zum geräumigen Grandland. Beim Kofferraum muss der batterieelektrische Wagen gegenüber seinen kombinierten Benziner-Elektro-Brüdern gewisse Abstriche machen: 485 Liter unter der Abdeckung sind 65 Liter weniger als in den anderen Versionen. Insgesamt stehen in ihm knapp 1,6 Kubikmeter zur Verfügung.       

Bärenstark mit zwei Elektromotoren. Das Spitzenmodell Grandland Electric AWD bringt es auf eine Systemleistung von 325 PS/239 kW. Dabei sitzen an der Vorderachse 213 PS/157 kW und an den Hinterrädern 112 PS/83 kW. Es gibt vier Spielarten im flüsterleisen Elektriker: Im Normal-Fahrmodus ist er als Fronttriebler unterwegs mit entsprechender Motorleistung – sobald entsprechende Fahrmanöver ein Zuschalten des Heckmotors nötig machen, geschieht dies automatisch. Wer besonders stromsparend fahren möchte, kann selbiges per Eco-Fahrprogramm einstellen und somit für eine längere Reichweite sorgen. Dadurch wird nicht nur konsequent der Allradantrieb ausgeschaltet, zusätzlich werden die Frontmotor-Leistung von 213 PS/157 kW und das Drehmoment (343 Newtonmeter) reduziert. Auf unserer Testrunde führt dies noch lange nicht zu einem Vorwärtskommen im Schneckentempo. Aber klar: Spürbar ist das schon, zumal Klimaanlage und Gaspedalannahme ebenfalls im Sparmodus abliefern. Das andere Extrem wird im Sport-Programm abgerufen: Beide E-Motoren sind beim Antrieb beteiligt, beim Druck aufs Fahrpedal mag der Grandland abgehen wie Schmitts Katze, was allerdings angesichts eines leer gut 2,3 Tonnen wiegenden Fahrzeugs problemlos beherrschbar bleibt. Zugegebenermaßen konnten wir aufgrund der Verkehrs- und Wettersituation den Spurt von Null auf Tempo 100 in 6,1 Sekunden nicht voll ausreizen – genauso wenig wie die WLTP-Reichweite, die jenseits des Sportprogramms mit rund 500 Kilometer angegeben wird. Eine Kröte, die man übrigens beim AWD derzeit schlucken muss: Es gibt ihn nur mit 73-kWh-Batterie, die größere 98er ist für den Fronttriebler vorgesehen – und damit schert der AWD aus der Long-Range-Elite aus.

Was uns richtig gut gefallen hat: Der Grandland ist vorbildlich gegen Außengeräusche gedämmt, hier zählt nicht nur das leise surrende E-Motor-Konzept. Obendrein konnten wir uns mit dem klasse abgestimmten Fahrwerk anfreunden, dessen Dämpfung entsprechend der Fahrbahnoberfläche arbeitet. Das macht dieses Spitzen-SUV ziemlich souverän mit einem gewissen Hang zur Straffheit, was sich in erster Linie bei etwa größeren Unebenheiten durch Stöße ins Innere zeigt. Für Freunde der Zugmaschinen-Fraktion sei gesagt, dass der Electric-Grandland in AWD-Manier eine Last von 1350 Kilogramm an den Haken nehmen kann.

Preise. Den in Rüsselsheim entwickelten und in Eisenach gebauten Grandland Electric gibt es ab 46.950 Euro – mit Allradantrieb kostet er ab 51.750 Euro. Letzteres schraubt sich je nach Ausstattung bis 59.990 Euro nach oben. In jener bestausgestatteten Ultimate-Linie sind unter anderem folgende Annehmlichkeiten an Bord: Panorama-Glasschiebe- und Sonnendach, 20-Zoll-Leichtmetallräder im Diamond-Cut-Aero-Design, elektrisch bewegte Heckklappe und die 360-Grad-Kamera Intelli-Vision sowie das Intelli-HUD Head-Up Display.

Autogramm

Opel Grandland Electric AWD Edition

Typ: Allrad-SUV; Preis: 51.750 Euro; Länge: 4,65 Meter; Breite: 1,93 Meter; Höhe: 1,67 Meter; Radstand: 2,78 Meter; Leergewicht: 2325 Kilogramm; Zuladung: 500 Kilogramm; Kofferraum: 485-1580 Liter; Sitze: fünf; Motor: Elektromotor, Permanentmagneterregte Synchronmaschine; Leistung: 325PS/239 kW; Drehmoment: 509 Newtonmeter; Spitze: 180 km/h; 0 auf 100 km/h: 6,1 Sekunden; Batterietyp: Lithium-Ionen-Akku; Batteriekapazität: 73 Kilowattstunden (kWh); Reichweite: 502 Kilometer; Wallbox Wechselstrom 11 kW: 4 Stunden 30 Minuten (20-80 Prozent), Ladestation Gleichstrom 160 kW: 30 Minuten (20-80 Prozent), Stromverbrauch: 17,9 kWh/100 Kilometer; CO2-Ausstoß: 53 Gramm/Kilometer (Strommix Deutschland).


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