Wieviel Erbgut steckt in diesem Auto?

Der im Frühjahr vergangenen Jahres erschienene Renault 4 E-Tech Electric ist Teil der Renaulution, mit der sich die französische Marke auf ihre große Vergangenheit zurückbesinnt und sie mit Impulsen für die Zukunft verknüpft.

Von Bernd-Wilfried Kießler

 

Was ist das für ein Auto? Der italienische Manager Luca de Meo, der nach erfolgreichen Jahren bei Seat im Jahre 2020 für fünf Jahre das Ruder bei Renault übernahm, erkannte den Wert der Tradition: Wenn, so war sein Gedanke, schon neumodische Antriebsformen wie der Elektromotor die möglichen Käufer verunsicherten, so sollten sie wenigstens äußerlich Bekanntes wiedererkennen. In diesem Sinne entstanden der Renault 5 E-Tech, der brandneue Twingo E-Tech und eben auch der Renault 4 E-Tech, der an den von 1961 bis 1994 in der gewaltigen Stückzahl von über acht Millionen gebauten R4 erinnern soll.

Die äußerlichen Zitate sind überschaubar, etwa in Form eines angedeuteten Kühlergrills mit Rundscheinwerfern, der das Gesicht des Vorfahren prägte, oder der trapezförmigen hinteren Seitenscheiben. Auch die abgerundeten seitlichen Kanten des Motorraums über den Radkästen sind vom Ur-Ahn inspiriert. Aber die Silhouetten von einst und jetzt unterscheiden sich sehr deutlich: Die Windschutzscheibe im Renault 4 E-Tech steht weniger steil, die Räder sind größer, und man hat Radkästen und Türschweller nach SUV-Art mit Kunststoffleisten verkleidet.

Wie fühlt man sich in diesem Auto? Ein wesentliches Ziel der Entwickler war die innere Geräumigkeit – ganz im Sinne des Ur-R4. Was allerdings deutlich von damals abweicht: eine Überfrachtung mit kleinteiligen bunten Informationen an der Armaturentafel und eine komplizierte Bedienung mit allein drei Lenkstockhebeln auf der rechten Seite des Steuers. Da werden Fahrtrichtungen, Scheibenwischer vorn und hinten sowie Lautstärke von Radio & Co geregelt – oder wird eben auch mal danebengegriffen. Das geht gewiss einfacher und sollte es bei einer baldigen Überarbeitung auch gemacht werden.

Die Gestaltung des Innenraums könnte man mit rustikaler Eleganz beschreiben: Da soll sich einerseits der äußerliche SUV-Charakter des Autos ein wenig widerspiegeln, andererseits in Mustern und Farbgebungen der Anspruch der Pariser Herkunft nicht verloren gehen. Dieser Spagat ist im Wesentlichen gelungen – augenzwinkernd mit einem geflochtenen Baguettekorb im Fußraum des Beifahrers. Wenn allerdings ein Fahrer vom Typ Daddy Langbein hinterm Steuer Platz nimmt – und das muss gar nicht mal ein Zwei-Meter-Mann sein – schrumpft der Fußraum hinter ihm in Richtung null. Da zudem die mittlere hintere Kopfstütze viel zu kurz ist, wird der Renault 4 in diesem Fall zu einem Dreisitzer – nur so viele Erwachsene können sicher befördert werden.

Welchen Antrieb hat das Auto? Unser Testwagen mit dem wohlklingenden Beinamen Comfort Range wurde von einem Elektromotor mit 150 PS/110 kW Leistung bewegt. Seine Energie zieht er aus einem Akku mit 52 Kilowattstunden. Das soll nach WLTP-Norm für 409 Kilometer Reichweite genügen. Keine Ahnung, wie dieser Wert ermittelt wurde, denn im Test reichte es bei 5 Grad plus Celsius gerade mal für 282 vorhergesagte Kilometer mit randvoller Batterie. Es gibt noch eine schwächere Motorisierung mit kleinerem Akku, die zum Preis von 29.400 Euro wohl nur dann in Erwägung gezogen werden kann, wenn jemand die Stadtgrenzen nicht zu verlassen gedenkt, weshalb man ihn Urban Range (soviel wie „innerstädtische Reichweite“) genannt hat.

Natürlich bringt man den reichlichen Anderthalbtonner dank 236 Newtonmeter Drehmoment zügig in Fahrt. Zum Zwecke des sorgsamen Umgangs mit dem Energievorrat an Bord wird sinnvollerweise bei 150 km/h abgeregelt. Als Testverbrauch ermittelten wir bei Temperaturen um den Gefrierpunkt im gemischten Betrieb Stadt/Landstraße/Autobahn 18,8 kWh auf 100 Kilometer, das sind 3,7 kWh über dem WLTP-Normwert. Das gut abgestimmte Fahrwerk führt zu einer ausgewogenen Straßenlage, die flottes und wendiges Chauffieren ermöglichte.

Was bietet dieses Auto? Der Renault 4 E-Tech ist der rollende Beweis, dass ein batteriebetriebenes Auto nicht übermäßig hoch ein muss: Mit 1,55 Meter Höhe erhebt sich sein Dach nicht auffällig weit über die allgemeine Blechschlange. Es ist den Renault-Ingenieuren auch gelungen, den Stromspeicher so unterzubringen, dass der Kofferraum im Heck über eine nur 61 Zentimeter hohe Ladekante rückenschonend zu erreichen ist. 420 Liter Fassungsvermögen weisen etwa den größenmäßig vergleichbaren Opel Mokka Electric deutlich in die Schranken – in dem bringt man nicht mehr als 310 Liter unter. Vier Verzurrösen dienen der Ladungssicherung. Ernüchterung macht sich hingegen breit, wenn der Ladeboden nach vorn verlängert werden soll und die hinteren Lehnen zu diesem Zweck geklappt werden: Es erhebt sich eine 17 Zentimeter hohe Stufe. Die elektrische Heckklappe ist Teil der Iconic-Ausstattung, die 4000 Euro über der einfachsten Evolution-Ausführung liegt und unter anderem 18-Zoll-Leichtmetallfelgen, heizbare Sitze vorn und ebensolches Lenkrad enthält. Dazu kommen unter anderem Navi und adaptiver Tempomat, während Sicherheitseinrichtungen wie Spurhalte- und Kreuzungsassistent grundsätzlich an Bord sind.

Dass nach dem Druck auf den Start-/Stoppknopf ein Rautenmännchen auf den Bildschirm springt und seine Dienste via Sprachsteuerung anbietet – diese Spielerei hat man bei den Chinesen abgeschaut. Dass sich das Wesen Reno nennt, ist für Menschen bestimmt, die Schwierigkeiten mit dem Unterschied zwischen dem geschriebenen und dem gesprochenen französischen Wort haben. Luxus, an den man sich gewöhnen kann: Den Autoschlüssel kann man wirklich immer in der Tasche lassen – er kennt keine halben Lösungen, öffnet bei Annäherung alle Türen, setzt im Inneren den E-Motor in Gang und verschließt den Wagen wieder, wenn man sich zwei, drei Meter von ihm entfernt. Davon benachrichtigt er einen mit einem Ton mittlerer Lautstärke sowie Tonhöhe und legt die Ohren respektive die Außenspiegel an, damit man sich mit einem Kontrollblick davon überzeugen kann, dass der Vorgang abgeschlossen ist.

Autogramm

Renault 4 E-Tech Electric 150 Comfort Range Iconic

Typ: Kompakt-SUV; Preis: 36.400 Euro; Länge: 4,14 Meter; Breite: 1,81 Meter; Höhe: 1,55 Meter; Radstand: 2,62 Meter; Leergewicht: 1.537 Kilogramm; Zuladung: 443 Kilogramm; Kofferraum: 420/1.405 Liter; Sitze: 4+1; Motor: Wickelrotor-Synchronmaschine; Leistung: 150 PS/110 kW; Drehmoment: 245 Newtonmeter; Spitze (abgeregelt): 150 km/h; 0 auf 100 km/h: 8,2 Sekunden; Batterietyp: Lithium-Ionen-Akku; Batteriekapazität: 52 Kilowattstunden (kWh); Maximale Ladeleistung: 100 kW; Reichweite (WLTP): 409 Kilometer; Stromverbrauch (WLTP): 15,1 kWh/100 Kilometer, entsprechender CO2-Ausstoß (deutscher Strommix 2024: 280 Gramm/kWh): 42,3 Gramm/Kilometer; Testverbrauch: 18,8 kWh.


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