


(Foto: Ellen Ersng)
Mit viel Raum und realistischer Reichweite
Mit dem vollelektrischen B10 ist dem chinesischen Hersteller Leapmotor ein echter Preisbrecher auf dem umkämpften SUV-Markt der unteren Mittelklasse gelungen. Wir machten im Alltag spannende Erfahrungen mit unserem Testwagen.
Von Bernd-Wilfried Kießler
Was ist das für ein Auto? Rund viereinhalb Meter Länge, reichlich Platz für fünf Personen und ordentlich Stauraum fürs Gepäck, dazu 218 PS/160 kW elektrische Leistung und 361 Kilometer WLTP-Reichweite sind schon mal eine gute Ausgangslage, die einigen Glanz erhält, wenn einem der Einstiegspreis von 29.900 Euro zu Ohren kommt. Unser Testwagen mit dem zweiten Beinamen Max bringt für 2.500 Euro mehr eine größere Batterie und eine auf 434 Kilometer verlängerte Reichweite mit. Bis hierher klingt es nach einem bevorstehenden Lobgesang. Vorn gesichtslos, an den Flanken glatt geschliffen wie ein Seifenstück, am Heck eine rote Lichtkante quer wie viele andere – das könnte man noch mit dem englischen Begriff Understatement rechtfertigen: Mehr sein als scheinen. In der Tat bietet der Wagen im Inneren Ausstattungen, die anderswo einige tausend Euro kosten. Wo ist dann der Haken?
Wie fühlt man sich in diesem Auto? Um das zu beurteilen, muss man erst mal hineinkommen. Das gelingt, indem man eine Plastikkarte kurz an den linken Außenspiegel hält. Dann springen die Türschlösser auf, die versenkten Griffe müssen allerdings mit einem fummeligen Trick geöffnet werden. Wenn die Karte auf der Mittelkonsole auf einer Fläche abgelegt wird, auf der zwei Mobiltelefone geladen werden können, macht sich das Auto fahrbereit und setzt sich leise und zügig in Bewegung, sobald man an einem Lenkstockhebel die Fahrtrichtung vorgegeben hat. Alles klar? Mitnichten. Liebhaber von Rätselheften sind klar im Vorteil, wenn es etwa gilt, die Verstellung der Außenspiegel am großen Bildschirm in der Mitte der Armaturentafel möglich zu machen, die dann durch Rändelrädchen auf dem Lenkrad vollendet werden muss.
Das ist nur ein Beispiel von vielen, die erstmal Ratlosigkeit hinterm Steuer erzeugen. Ein Blick in die beigefügte knappe Betriebsanleitung bringt wenig, auch die Stimme der Sprachsteuerung weiß nicht viel. Einmal behauptete sie, das Radio laufe in voller Lautstärke, obwohl im Wageninneren nur leises Surren des E-Antriebs zu vernehmen war. Vielleicht war auch hier eine Doppelbedienung notwendig, die man durch Nachdenken nicht zu erschließen wusste. Die Verkehrsschilderkennung sieht nicht immer richtig, vermutet schon mal auf der Autobahn, man befindet sich in einer Tempo-30-Zone.
So groß der Bildschirm ist, auf dem die Suchspiele stattfinden – sinnvollerweise aus Gründen der Sicherheit nicht durch den Menschen am Steuer während der Fahrt –, so klein ist die Infotafel unmittelbar vor dem Fahrer. Da passt der Begriff Mäusekino, wie man einst die ersten Monitore im Auto nannte. Hier müsste am besten noch eine Lupe mitgeliefert werden. Denn nur die Ziffern, die das Tempo angeben, sind groß und deutlich. Es kann doch kein Sparzwang sein, warum alles andere so klitzeklein abgebildet wird! Nun könnte man sagen, dass Besitzer des B10 oder ständige Fahrerinnen gelernt haben, sich in dem Menü und seinen Untermenüs auszukennen. Wir tippen nach unseren Erfahrungen, dass sie sich dazu mehrere Tage gründlich mit der Bedienung beschäftigt haben. Was indes völlig ausgeschlossen ist: das Auto als Mietwagen einzusetzen. Die einen B10 frisch übernommen haben, enden schon nach der ersten Ampel je nach Veranlagung im Schreikrampf oder tiefer Depression. Denn zu mehr wird das Verleihpersonal kaum Zeit haben, als den Gebrauch der Karte zum Zugang und Start zu erläutern.
Welchen Antrieb hat das Auto? Wir schrieben’s eingangs: einen E-Motor mit 218 PS/160 kW Leistung und einem Drehmoment von 240 Newtonmeter. Letztere verleiht dem schon leer reichlichen 1,8-Tonner beim Losfahren einen kräftigen Schub und bringt ihn in 7,5 Sekunden auf Tempo 100. Bei 170 km/h wird zum Zwecke der Reichweitenstreckung abgeregelt. Die Kraftübertragung erfolgt automatisch auf die Hinterräder. Dieser Antrieb ist in Zeiten elektronischer Fahrhilfen wie ESP und ASR kein Sicherheitsrisiko mehr. Das Fahrwerk ist angenehm abgestimmt und schluckt vieles, was die großen 18-Zoll-Reifen nicht ohnehin locker überrollen. Als Testverbrauch im gemischten Verkehr verfehlten wir die WLTP-Norm nur um ein Zehntel hinterm Komma.
Auch die angegebene Reichweite erwies sich nicht als Märchen aus tausend und einer Nacht. Sie hängt bekanntlich sehr von der Außentemperatur ab. Aber selbst um den Gefrierpunkt kamen wir bei jeder Vollladung reichlich über die 400-Kilometer-Marke. Übrigens: Wer am Ende des Speichervorgangs auf dem großen Bildschirm auf „Ladekabel“ tippt, wird aufgefordert, den Stecker binnen sechzig Sekunden zu ziehen, da er sonst wieder verriegelt wird. Es gilt also, sich hurtig vom Fahrersitz zu entfernen und an die Steckdose rechts hinten zu begeben.
Was bietet dieses Auto? Die Fahrassistenzsysteme sind vielfältig – es gibt nicht nur einen rückwärtigen Querverkehrswarner, er bringt das Auto im Falle eines Falles sogar ruckartig zum Stehen. Etwas ruppig ging der Spurhalter mit dem Lenkrad und folglich auch mit den Händen des Lenkers um, Da wäre ein geschmeidigeres Eingreifen wünschenswert. Serienmäßig ist ein festes großes gläsernes Dach, dessen Sonnenblende auf Knopfdruck bewegt wird. Die Heckklappe öffnet sich elektrisch, sofern man den entsprechenden Punkt auf dem inneren Bildschirm gefunden hat – oder auch den ziemlich gut getarnten kleinen schwarzen Knopf außen. Die Ladekante zum 420-Liter-Kofferraum maßen wir in 74 Zentimetern Höhe. Werden die hinteren Lehnen im Verhältnis 60:40 nach vorn gelegt, passen 1,3 Kubikmeter Gepäck bis unters Dach. Was hinten fehlt: ein Heckscheibenwischer – bei starkem Schneefall und hochgeschleudertem Streusalz eine undurchsichtige Angelegenheit.
Fazit? Zu günstigen Preisen wird ein gut motorisiertes Fahrzeug mit wirtschaftlichem Verbrauch angeboten. Ein Blickfang ist der unauffällige B10 nicht, aber seine Ausstattung lässt wenig Wünsche in seiner Klasse offen. Da diese chinesische Marke womöglich die besten Kontakte nach Europa hat, sollte sie das Auto zu einer baldigen Modellpflege in eine der Stellantis-Entwicklungsabteilung geben. Ganz oben auf der Wunschliste: eine weniger rätselhafte Bedienung.
Autogramm
Leapmotor B10 Pro Max
Typ: SUV; Preis: 32.400 Euro; Länge: 4,52 Meter; Breite: 1,89 Meter; Höhe: 1,66 Meter; Radstand: 2,74 Meter; Leergewicht: 1.845 Kilogramm; Zuladung: 360 Kilogramm; Kofferraum: 420-1300 Liter; Sitze: fünf; Motor: Elektromotor, Permanentmagneterregte Synchronmaschine; Leistung: 218 PS/160 kW; Drehmoment: 240 Newtonmeter; Spitze: 170 km/h; 0 auf 100 km/h: 8,0 Sekunden; Batterietyp: Lithium-Eisenphosphat-Akku (LFP); Batteriekapazität: 67,1 Kilowattstunden (kWh); Reichweite (WLTP): 434 Kilometer; Wallbox Wechselstrom 11 kW: 6 Stunden 45 Minuten (0-100 Prozent), Ladestation Gleichstrom 168 kW: 20 Minuten (30-80 Prozent), Stromverbrauch: 17,3 kWh/100 Kilometer; CO2-Ausstoß: 62,8 Gramm/Kilometer (Strommix Deutschland 2024). Testverbrauch: 17,4 kWh.




