


Eine unvermutete Chauffeurslimousine
Die vollelektrische Kia-Baureihe EV4 besteht aus zwei Modellen: dem 4,43 Meter langen Steilheck und der 4,73 Meter langen Fließheck-Limousine mit dem Beinamen Fastback, die wir diesmal im Alltagstest prüften.
Von Bernd-Wilfried Kießler
Was ist das für ein Auto? Man kann sich wirklich freuen, wenn ein Automobilhersteller den Mut aufbringt, aus dem SUV-Einerlei mutig auszuscheren und so etwas wie den EV Fastback auf den Markt zu bringen. Nach traditioneller Einordnung passt er mit seiner Länge in die gehobene Mittelklasse. Sein Fließheck macht ihn zum Hingucker, wenn auch seinen Gestaltern mit der nur halblangen Kofferraumklappe der Mut zum großzügigen Zugang des fast einen halben Kubikmeter fassenden Staufachs gefehlt hat. Immerhin: Der in die Karosserie eingepasste Deckel lässt sich elektrisch öffnen und schließen – sogar auf Knopfdruck vom Fahrerplatz aus – und wirkt in geöffnetem Zustand spektakulär wie ein großer Spoiler.

Wie fühlt man sich in diesem Auto? Beim Einsteigen wird man von dem heutzutage in vielen Autos üblichen elektronischen Tusch begrüßt. Gleichzeitig huschen Lichter über die Bildschirme. Einen Startknopf sucht das Fahrerauge zunächst vergeblich, weil er nahe der Lenksäule an einem Hebel versteckt ist, durch dessen Drehung der EV4 später in Fahrt versetzt wird. Im geräumigen Cockpit mangelt es nicht an Ablagen – ein denkbarer Durchstieg vorn ist durch eine erhöhte Ladeschale fürs Mobiltelefon verbaut. Mit Textilbezügen an der Armaturentafel und den Türen haben sich die Gestalter um eine gewisse Wohnlichkeit des Innenraums bemüht. Gleiches trifft für die Sitzbezüge zu, auf deren Lehnen ein Querstreifen in Türkis etwas Farbe in die Kabine bringt. Ganz stilsicher ist das allerdings (noch) nicht.
Die Beinfreiheit im Fond, die durch keinerlei Mitteltunnel eingeengt wird, macht diesen Wagen zur Chauffeurslimousine, zumal auch das Haupt beim Einstieg angesichts von 1,48 Meter Dachhöhe nicht geneigt werden muss. Diesen Luxus sieht man ihr angesichts seiner äußeren Länge nicht an. Pro forma lassen sich die hinteren Lehnen klappen, um den gut einen Meter tiefen Kofferraum zu verlängern. Aber der Transport großer sperriger Güter ist nicht der Sinn dieses Autos. Dem steht nicht nur eine zehn Zentimeter hohe Stufe des Ladebodens in volle Länge entgegen, auch die Kofferraumöffnung misst in der Höhe lediglich 38 Zentimeter.

Welchen Antrieb hat das Auto? Der Elektromotor unter der nach vorn abfallenden Haube leistet 204 PS/150 kW – gut ausreichend für das mit Fahrer an Bord 1,9 Tonnen wiegende Gefährt. 283 Newtonmeter Drehmoment, die bei E-Autos wie diesem bekanntlich von der ersten Umdrehung an voll zur Verfügung stehen, ermöglichen einen Spurt aus dem Stand auf 100 km/h binnen 7,7 Sekunden. In der Praxis gestattet diese Technik zügige Überholmanöver auf Land- und Bundesstraßen. Der Kia EV4 kann also so flott gefahren werden, wie er aussieht und heißt (Fastback = schnelles Heck). Sein Fahrwerk ist komfortabel ausgelegt, ein Eindruck, der durch die elektrisch bedingte Geräuscharmut verstärkt wird. Bei Tempo 170 wird zum Wohle der Reichweite abgeregelt. Für den Stromvorrat des Lithium-Ionen-Akkus wurde uns nach einer 100-Prozent-Ladung bei einer Außentemperatur von 16 Grad Celsius eine Reichweite von 530 Kilometer vorhergesagt, gut 100 Kilometer weniger, als die offizielle WLTP-Angabe prophezeit. Der von uns ermittelte Testverbrauch lag bei 16,8 kWh auf 100 Kilometer – nicht schlecht für ein Auto dieser Größe und Leistung, aber 2,4 kWh höher als der WLPT-Normwert.
Was werden wir nicht vergessen? Das Äußere dieses Autos: Da ist die schnittige Bugpartie, die sich vorteilhaft von den etwas kastigen aktuellen Kia-SUVs abhebt, die besondere grafische Gestaltung der schwarz-weißen Felgen und nicht zuletzt das Fließheck, auf dem das Auge wohlgefällig ruht. Schönheit ist die eine Sache, Alltagstauglichkeit die andere: Wir unternahmen die Testfahrten mit dem EV4 Fastback im schneefreien Frühjahr, so dass wir den fehlenden Heckscheibenwischer nicht vermisst haben. Womöglich meinten die Konstrukteure, die Schneeflocken würden vom Fahrtwind verweht.
Autogramm
Kia EV4 Fastback
Typ: Limousine; Preis: 47.140 Euro; Länge: 4,73 Meter; Breite: 1,86 Meter; Höhe: 1,48 Meter; Radstand: 2,82 Meter; Leergewicht: 1900 Kilogramm; Zuladung: 455 Kilogramm; Kofferraum: 490-1435 Liter; Sitze: fünf; Motor: Elektromotor, Permanentmagneterregte Synchronmaschine; Leistung: 204PS/150 kW; Drehmoment: 283 Newtonmeter; Spitze: 170 km/h; 0 auf 100 km/h: 7,7 Sekunden; Batterietyp: Lithium-Ionen-Akku; Batteriekapazität: 81,4 Kilowattstunden (kWh); Reichweite WLTP): 633 Kilometer; Wallbox Wechselstrom 11 kW: 7 Stunden 15 Minuten (10-100 Prozent), Ladestation Gleichstrom 350 kW: 31 Minuten (10-80 Prozent); Stromverbrauch (WLTP): 14,4 kWh/100 Kilometer; CO2-Ausstoß: 43 Gramm/Kilometer (Strommix Deutschland), Testverbrauch: 16,8 kWh.





