


Am Lenkrad sollt ihr mich erkennen
Ohne Leidenschaft geht’s nicht: Die Alpine A390 GT ist eine astreine flinke Elektro-Limousine, die einen gelungenen Kompromiss aus praktischem Alltagsnutzen und den darüber hinausgehenden Kick einer Leistungssportlerin zur Schau trägt.
Von Gundel Jacobi
Flott gezeichnete Limousine mit tiefer Sitzposition. Wir halten uns mal nicht mit Lobhudeleien der klassischen A110 aus den 1960er Jahren auf, machen auch keinen gedanklichen Ausflug zur Wiederbelebung der legendären Marke 2017 mit der neuen A110 oder letztes Jahr mit dem Markteintritt der stromernden A290, eines R5-Abkömmlings. Wir kommen gleich zum möglichen Objekt der aktuellen Begierde: Die Alpine A390 GT ist nicht unbedingt ein Schmuckstück im Sinne eines Diamanten – dazu wurde zuviel kreuzüber designt. Deshalb trägt sie im Auge mancher fachlichen Betrachtung auch die passende Bezeichnung Crossover. Wir sehen in ihr jedenfalls eine flott gezeichnete Limousine, ausgeprägt keilförmig mit sichtbaren Muskeln, wenn auch nicht – mit entsprechenden Anabolika gefüttert – äußerlich überquellend ausgestattet. Das ist gut so.
Man sitzt tief auf tendenziell schmal geschnittenen Alcantara-Sportsitzen mit gutem Seitenhalt. Im Fond geht es ebenfalls mit viel Nähe zum Boden zu. Klar, das ist halt kein SUV, sondern ein Wägelchen mit Ambitionen für tiefer gelegte Vergnügungs-Persönlichkeitsstrukturen. Auch wenn das Fahrzeug für fünf Personen ausgelegt ist: Zu viert sind wir guten Gewissens dabei! Ein Abteil weiter hinten weist das Datenblatt 532 Liter aus, was wir auf den ersten Blick so nicht geschätzt hätten. Das liegt vielleicht am relativ kleinen Kofferraumausschnitt, der immerhin durch eine hoch öffnende elektrische Heckklappe zu beladen ist.
Lenkrad mit besonderen Erkennungsmerkmalen. Brav sind die gängigen beiden Bildschirme entlang der Armaturentafel angebracht. Auch eine Schalterleiste für Klimafunktionen sitzt unterm Touchscreen, allerlei Bedienungsfelder für Kommunikation und Konnektivität finden sich auf dem Lenkrad. Neugier entwickelt sich jedoch zunächst beim Blick auf die Mittelkonsole, wo prominent drei Druckknöpfe auszumachen sind. Sie dienen den Anweisungen zur Fahrtrichtung sowie dem Leerlauf-Parkbefehl. Ist mal was anderes, auch wenn wir uns damit nicht wirklich anfreunden konnten. Übrigens darf die A390 erfreulicherweise noch mit einem Startknopf zum Leben erweckt werden – in der neueren Elektro-Gemeinde ist dies eine aussterbende Spezies. Da kann’s meist losgehen, kaum dass der Fahrerplatz besetzt ist.
Was aber ganz besonders ins Auge fällt, sind drei Schalter auf dem Lenkrad: Schwarz glänzend drückt man sich durch die Fahrprogramme Save, Normal, Sport, Personalisiert und Track; hier zeigt sich der Charakter der Französin mit ausgeprägten Fahrkennlinien-Ambitionen. Ein blauer Drehschalter hat es ebenfalls in sich, ist er doch verantwortlich für vier Rekuperationsstufen bis hin zum Ein-Pedal-Fahren. Dann gibt es noch einen roten Blickfang: Gefahr? Zumindest mit mehr als Bedacht einzusetzen – wenn die rautenförmige Taste mit OV-Bezeichnung (Overtake) gedrückt wird und der Fuß dem Strompedal einen Kick gibt, dann geht die A390 GT ab wie Schmitts Katze.

Ein leichtfüßiger Schwergewichtler. Deshalb wird es nun auch Zeit, die Zahlen des Alpine-Antriebs in Szene zu setzen. Da bringen mit den drei Elektro-Motoren spezielle Sahnehäubchen die Achsen ins Rotieren: Insgesamt stehen bei einem höchsten Drehmoment von 661 Newtonmeter beeindruckende 400 PS/295 kW bereit – von zwei Elektromotoren im Heck und einem vorne erzeugt. Entscheidend ist hierbei die Drehmomentverteilung, da die Räder einzeln angesteuert werden können; jeweils 211 Newtonmeter hinten und 239 Newtonmeter vorne. Für die Cracks unter den Fahrkünstlern: Es handelt sich hierbei um Torque Vectoring, also eine präzise Antriebsmoment-Kontrolle.
Was wir während der ersten Testfahrt sehr wohl nachempfinden konnten: die beschworene Leichtigkeit eines gut 2,1 Tonnen wiegenden Schwergewichtlers. Der Allradler lässt sich mittels direkter Lenkung betont feinfühlig um die Kurven führen, was angesichts einer Gewichtsverteilung von 49 Prozent vorne und 51 Prozent hinten zu einem sprichwörtlich ausgewogenen Fahrerlebnis führt. Logisch, dass das Sportfahrwerk straff abgestimmt ist, aber keinesfalls bretthart. Für Alltagsfahrten geradezu idealtypisch perfekt! Wir hatten den Eindruck, mit der Alpine A390 GT kann man sich so gut aufgehoben wie ein Fisch im Wasser fühlen, weil das Dahingleiten einfach in jedem Tempobereich ausgewogen bleibt – sofern die physikalischen Grenzen beachtet werden.
Das kleine Einmaleins des Vergnügens. Man kommt weder bei den fossil betriebenen noch bei den stromernden Kraftmeiern um die enge Paarung aus Verbrauch und Reichweite herum. Im Falle der Alpine-Elektrikerin A390 GT stehen bei einer Batteriekapazität von 89 kWh bis zu 551 Kilometer Reichweite auf dem theoretischen Plan. Dann dürfte jedoch das Fahrvergnügen eines solchen Nischenmodells ziemlich gedeckelt sein. Zugegeben: Man kann die Limousine mit Verstand bewegen, aber zwischendurch muss auch mal das Entzücken die Oberhand gewinnen, ansonsten macht der Erwerb der Französin schlicht keinen Sinn. Hier liegt der Hase im Pfeffer beziehungsweis in den Lithium-Ionen: Am Ende der Tour lagen wir mit 26 kWh deutlich über dem WLTP-Verbrauch, wobei wir ebenso harmlos wie heiter unterwegs waren, und das Höchsttempo von 200 km/h selbst bei idealen Autobahnbedingungen weit unterschritten hatten. Alles in allem mutmaßen wir bei beschriebener vergnüglicher Ausfahrt eine realistische Reichweite im Bereich um gut 250 Kilometer – was etwa einer Halbierung des WLTP-Werts entspräche.
Noch ein Wort zur Ladegeschwindigkeit: Schade, dass Alpine unter den Fittichen von Renault nicht gleich auf die 800-Volt-Technologie gesetzt hat. Mit der 400-Volt-Technologie geben die Ingenieure als Ladezeit 29 Minuten von 15 auf 80 Prozent an. Nun denn, wir befinden uns halt in einer schnelllebigen Zeit. Bei der Planung der flotten Madame war man mit 400 Volt vermutlich schon betörend waghalsig unterwegs. Bleibt abschließend ein Blick auf die Preisgestaltung: Ab 67.500 Euro ist man bei der Alpine A390 GT dabei – wer noch eins draufsetzen möchte, muss bis zum vierten Quartal 2026 warten und kann dann zur A390 GTS ab 78.000 Euro greifen. Letztere hat rund sechs Dutzend mehr Pferde an Bord und setzt den Fokus wie der Urahn deutlich auf die Rennstrecke.
Autogramm
Alpine A390 GT
Typ: Limousine; Preis: 67.500 Euro; Länge: 4,62 Meter; Breite: 1,89 Meter; Höhe: 1,53 Meter; Radstand: 2,71 Meter; Leergewicht: 2124 Kilogramm; Zuladung: Kilogramm; Kofferraum: 532-1643 Liter; Sitze: fünf; Motor: Elektromotor, Permanentmagneterregte Synchronmaschine; Leistung: 400PS/295 kW; Drehmoment: 661 Newtonmeter; Spitze: 200 km/h; 0 auf 100 km/h: 4,8 Sekunden; Batterietyp: Lithium-Ionen-Akku; Batteriekapazität: 89 Kilowattstunden (kWh); Reichweite: 551 Kilometer; Wallbox Wechselstrom 11 kW: 5 Stunden, 20 Minuten (20-80 Prozent), Ladestation Gleichstrom 200 kW: 29 Minuten (15-80 Prozent), Stromverbrauch: 18,9 kWh/100 Kilometer; CO2-Ausstoß: 56 Gramm/Kilometer (Strommix Deutschland).


