


Eine Mitfahrt ist alternativlos
Mercedes-Benz hat lange Anlauf genommen, um das Komfortniveau einer Luxus-Limousine in die Form eines Kleinbusses zu gießen: Nach V-Klasse, Viano und wieder V-Klasse soll es mit dem neuen VLE nun gelingen – aber zu welchem Preis?
Von Paul-Janosch Ersing
Sagen wir, wie es ist: Die Testeindrücke mit dem neuen VLE 300 Elektro beschränken sich auf Mitfahrten auf dem Beifahrersitz und im Fond. Denn mit einem zulässigen Gesamtgewicht von 3780 Kilogramm sprengt das elektrische Großraumfahrzeug – zumindest in der gehobenen Ausstattung – den rechtlichen Rahmen von Führerscheinbesitzern, die ihre Pkw-Fahrerlaubnis nach dem 1. Januar 1999 erhalten haben. In Stuttgart ist man sich dieses Problems durchaus bewusst. Auf Nachfrage wurde die Hoffnung geäußert, dass eine bereits angekündigte EU-Regelung bis Ende 2027 in deutsches Recht umgesetzt wird: Dann soll die Gewichtsklasse für Elektroautos bis auf 4,2 Tonnen angehoben werden. Wer aktuell keinen Führerschein bis 7,5 Tonnen hat und vorher schon VLE Elektro fahren will, muss zu den speziell abgelasteten Varianten und/oder weniger Ausstattung greifen.
Wenig Ausstattung in einem VLE ist allerdings ein Widerspruch: Denn mit dem Nachfolger von V-Klasse und deren elektrischem Ableger EQV soll so viel Ausstattung wie möglich auf vier Räder gestellt werden. Das merkt man bereits beim Betreten durch eine der beiden elektrisch öffnenden Schiebetüren: Die beiden Einzelsitze in der zweiten Reihe erlauben eine Relax-Position und erinnern an First-Class-Sessel eines Privatjets. Wenn sich der 31,3-Zoll-Bildschirm aus dem Dachhimmel faltet und sich die Sonnenrollos automatisch schließen, wird der VLE zur rollenden Videokabine – mit feinstem Klang aus 22 Lautsprechern. Dass die Marke mit dem Stern dafür etwas mehr als 17.000 Euro Aufpreis verlangt, weil dazu verschiedene Pakete kombiniert werden müssen, dürfte nur wenige Kunden abschrecken. Schließlich kostet der VLE 300 selbst in der Basisversion etwas mehr als 70.000 Euro.


Der 115-kWh-Akku im Unterboden bringt ordentlich Masse mit und ermöglicht eine theoretische Reichweite bis zu 713 Kilometern. Diese Tatsache unterscheidet den VLE vom bisherigen EQV: Während der Vorgänger eher für Shuttle-Fahrten im städtischen Umfeld ausgelegt war, kommt der Neue jetzt richtig weit. Falls unterwegs Strom getankt werden muss, klappt das jetzt mit bis über 300 kW Ladeleistung in der Spitze – auch dank der neuen 800-Volt-Technologie.
Auf einer nicht mehr ganz so frischen Landstraße in der baskischen Provinz leistet die Luftfederung ganze Arbeit. Hier wird der Unterschied zum bisherigen Modell mit seiner nicht zu leugnenden Verwandtschaft zum Nutzfahrzeug namens Vito auf als Passagier spürbar. Die schiere Außenlänge von 5,31 Metern führt zu einer ausufernden Beinfreiheit in Reihe zwei. Auf der Dreier-Rückbank dahinter bleibt noch genug Platz für weitere Mitreisende. Erfreuliche Neuerung: Die Seitenfenster der Schiebetüren lassen sich komplett versenken.
5,31 Meter? Korrekt, und zwar als Standardversion – die längere Fassung kommt sogar auf 5,48 Meter. Beides ist für europäische Parkplätze zu lang, und es ist der mitlenkenden Hinterachse und dem Rundum-Kamerasystem zu verdanken, dass die meisten Manöver trotzdem überraschend leichtfüßig von der Hand zu gehen scheinen (Wendekreis: 10,90 Meter).
Aufbauend auf der neuen VAN.EA-Plattform bringt Mercedes den VLE zunächst nur elektrisch; Anfang 2027 ergänzt der VLE 250 mit einem kleineren LFP-Akku (80 kWh) das Angebot zu Preisen ab rund 65.000 Euro. Die Varianten mit Verbrennungsmotor (VAN.CA) werden in einigen Monaten nachgeschoben.
