Die Spannung steigt

Europapremiere: Polestar 3, das schwedisch-chinesische SUV, ist innerhalb der Premium-Fahrzeugklasse jetzt auf den 800-Volt-Zug aufgesprungen. Diese Batterie-Technologie ermöglicht beim 3er nun schnelleres Laden – bei 350 kW Ladekapazität von zehn auf 80 Prozent in 22 Minuten.  

Von Gundel Jacobi

Porträt von Gundel Jacobi

Die Super-Leistung ist der Klasse-Leistung Feind. Zunächst schauen wir schon etwas neidisch zu den Performance-Boliden. Sie waren in Nullkommanichts für die ersten Testfahren vergeben – und schon nach kurzer Zeit im Dual Motor-Polestar: vergessen! Denn der 3er Cosmopolit, der als Volvo-Bruder in schwedischer Feinabstimmung unter dem chinesischen Geely-Konzerndach mitersonnen wurde und im US-amerikanischen Werk in South Carolina vom Band läuft, kann neuerdings mit leistungsgesteigerten Werten mit der Sommersonne um die Wette strahlen. Hat er das wirklich nötig? Wer den Polestar 3 bereits kennt, der seit drei Jahren die noch recht junge Modellpalette bereichert, weiß: An Leistung mangelt es keinem Polestar. Aber ein wesentliches Merkmal lag den Ingenieuren zunehmend auf der technischen Seele – die 800-Volt-Technologie mit hurtiger Ladeleistung. Hier hat man als klassentypischer Audi-BMW-Mercedes-Porsche-Tesla-Wettbewerber zwangsläufig noch eine Schippe drauflegen müssen – und zwar rasch. Zackeldihopp wurde also eine Modellpflege anberaumt, die neben der 800-Volt-Europapremiere gleich noch ein paar Stricheleien sowie weitere kraftstrotzende Muskeln aufs Rassepferd draufsattelt.

Es gibt den Polestar 3 nun in drei Ausführungen: Rear Motor hieß noch bis vor Kurzem Single Motor und verfügt als astreiner Hecktriebler über 333 PS/245 kW. Die nächste Stufe zündet im Allradler Dual Motor mit neuerdings 544 PS/400 kW. Die Leistungskrone gebührt dem eingangs erwähnten Performance, der mit schier unfassbaren 680 PS/500 kW gesegnet ist. Alle drei arbeiten ab der Modellpflege nicht mehr mit 400 Volt, sondern dürfen sich mit dem 800-Volt-Verdopplungseffekt aufplustern. Allerdings besteht dieser nicht in einer doppelt so schnellen Ladezeit. So kann man gleich mal weitermachen im Zahlenspiel – vereinfacht gesagt brauchen alle Motorvarianten aber tatsächlich unter Idealbedingungen an der Säule (also 310 beziehungsweise 350 kW Ladekapazität) beim Schnellladen statt 30 Minuten nur noch 22 Minuten. Das ist schon eine Ansage beim Ladevorgang von zehn auf 80 Prozent. Übrigens steckt beim Rear Motor-Polestar 3 der 800-Volt-Akku mit einer 92-kWh-Kapazität unterm Fahrzeugboden. Die beiden Dual Motor- und Performance Allradler sind mit einem 106-kWh-Akku bestückt. 

Königreich der individuellen Wünsche. Der 4,90 Meter lange Wagen bietet im Innenraum jene Atmosphäre, die spätestens seit Etablierung der Elektroautos in vielen Cockpits herrscht: Minimalismus, was einerseits mit dem Selbstverständnis des stromernden E-Zeitalters bezüglich Besinnen auf das Wesentliche zu tun hat,  andererseits durch die Bedienung der meisten Funktionen auf dem Hauptbildschirm zusammenhängt. Dass da einige Flops dabei sind, bleibt in der alltäglichen Praxis nicht aus. So halten wir die ausschließliche Zuordnung in Menüs für einige Einstellungen nicht zielführend. Da muss man beim Polestar noch ein wenig Geduld haben, bis unter anderem Spiegel- und Sitzverstellung sowie Handschuhfachöffnung wieder an den Ort der Objekte gerückt werden – einschließlich Schalter. Immerhin sind als Zwischenschritt jetzt schon mal die Einstellflächen auf dem Lenkrad beleuchtet, was offenbar von Kunden angemahnt wurde. Über jeden Zweifel erhaben ist die Qualität rundum. Ob Leder oder vegane Vollausstattung: Hier lebt die Kundschaft im Vereinigten Königreich der individuellen Wünsche.

Im Abteil für Transporte ist nicht unbedingt Platz bis zum Abwinken, auch wenn der  484 Liter fassende Kofferraum unterm doppelten Boden weitere 90 Liter bietet und der Frunk im Vorderwagen mit 24 Litern noch eine Kleinigkeit draufsetzt. Aber man kann es drehen und wenden, wie man möchte: Mehr als insgesamt gut 1,4 Kubikmeter bei umgeklappten Lehnen ist nicht drin.

Psychologie der höheren Sphären. Das ist schon ein Luxusmobil, bei dem es nach unserem Dafürhalten nicht entscheidend ist, welche Leistungsstufe gewählt wird. Jaja, allein heckgetrieben ist anders als allradunterstützt – und natürlich legt das Fahrzeug seine Ohren anders an, wenn die Fahrprogramme durchgezappt werden und man das Verhalten familiengerecht-komfortabel oder bissig-wedelnd deutlich spürbar beeinflusst. Da müssen natürlich Grundsatzentscheidungen getroffen werden. Aber wir konnten nach verschiedenen Probeläufen unterwegs mit dem Dual Motor ehrlicherweise grinsend feststellen, dass Kollegen im Performance-Jäger auf der Landstraße auch im Fall der Fälle brav den landwirtschaftlichen Maschinen hinterherrollen mussten. Genug Leistung für den gefahrlosen Moment des Überholens hatten wir ebenso. Sofern man dem Wagen nicht krachlederne Sporen gibt und über die Straßen heizt, sind die 600 Kilometer theoretische Reichweite mit entsprechendem Abschlag im zweistelligen Bereich durchaus realistisch.  

Der Polestar 3 ist logischerweise kein Auto der Vernunft. Er verkörpert eine Haltung, ein Statement. Das hat womöglich weniger mit dem Einstiegspreis ab 78.900 Euro zu tun, der beim Dual Motor auf 87.900 Euro klettert und den Performance mit 106.900 Euro maximal begehrenswert erscheinen lässt. Vermutlich geht es in diesen Sphären eher um die Frage, welcher Marke man seine Zuwendung schenkt – lässt man sich auf die Platzhirsche ein, oder grenzt man sich davon ab und wendet sich der sechs Jahre jungen Firma zu, die weithin noch immer als von Volvo ausgegliedertes Start-up wahrgenommen wird? Auf unserer Testrunde hat sich jedenfalls niemand den Kopf nach uns beziehungswese nach dem Polestar 3 verdreht.         

Autogramm

Polestar 3 Rear Motor

Typ: SUV; Preis: 78.900 Euro; Länge: 4,90 Meter; Breite: 1,97 Meter; Höhe: 1,62 Meter; Radstand: 2,99 Meter; Leergewicht: 2315 Kilogramm; Zuladung: 645 Kilogramm; Kofferraum: 484-1411 Liter; Sitze: fünf; Motor: Elektromotor, Permanentmagneterregte Synchronmaschine; Leistung: 333PS/245 kW; Drehmoment: 480 Newtonmeter; Spitze: 210 km/h; 0 auf 100 km/h: 6,5 Sekunden; Batterietyp: Lithium-Ionen-Akku; Batteriekapazität: 92 Kilowattstunden (kWh); Reichweite (WLTP): 603 Kilometer; Wallbox Wechselstrom 11 kW (0-100 Prozent): 10 Stunden, Ladestation Gleichstrom 310 kW: 22 Minuten (10-80 Prozent), Stromverbrauch: 17,7-21,6 kWh/100 Kilometer; CO2-Ausstoß: 53-64 Gramm/Kilometer (Strommix Deutschland).


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